DIK - Deutsche Islam Konferenz - Projekte für Imame

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"Weltliche" Kompetenz für Imame

"Münchner Jugendamt entzieht Muslima das Sorgerecht für ihre fünf Kinder". Diese Schlagzeile sorgte im letzten Jahr für große Aufregung unter Muslimen in Deutschland. Der Mutter sei das Sorgerecht nur entzogen worden, weil sie zum Islam konvertiert sei – solche Aussagen kursierten in zahlreichen Internetforen – aber nicht nur dort. Viele sehr religiöse Muslime haben Berührungsängste und scheuen sich häufig staatliche oder andere nichtmuslimische Beratungsinstituionen aufzusuchen. Um solche Vorurteile abzubauen und das deutsche Verwaltungssystem besser kennenzulernen, startete im letzten Jahr ein Fortbildungsprogramm für Imame und muslimische Seelsorger in Deutschland, an dem auch Frauen aus den Gemeinden teilnahmen.

Mit Vorurteilen aufräumen

Der Imam, als Leiter der fünf täglichen muslimischen Gebete, ist oft einer der ersten Ansprechpartner für Sorgen der Gemeindemitglieder oder wenn es zu Konflikten mit Ämtern und Behörden kommt. "Einige Imame erhalten ihre Ausbildung zwar in Deutschland, aber viele auch in Ausbildungsstätten im Ausland", weiß Abdul-Hadi Hoffmann von der "Muslimischen Akademie in Deutschland", die ihren Sitz in Berlin hat. Häufig fehle einfach die Vertrautheit mit den Strukturen und den Abläufen in den Behörden vor Ort. Genau hier setzt das Fortbildungsprogramm an.

"Das ist kein Projekt aus heiterem Himmel" erläutert Margarete Spohn. Die Soziologin ist im Bereich der interkulturellen Arbeit in München tätig. Zusammen mit Abdul-Hadi Hoffmann, mit Imamen und Vertretern von Behörden hat sie das bisher einmalige Projekt in Deutschland entwickelt.

Landeskunde mit Lokalkolorit

"BerlinKompetenz" und "MünchenKompetenz" – so heißen die beiden bisher durchgeführten Seminare. Wie funktioniert eigentlich Politik in Deutschland? Wie sieht das Schulsystem aus? Und welche Behörde ist für welches Problem zuständig? Neben diesen Fragen standen viele weitere auf dem Programm. In Theorie- und Praxiseinheiten bemühten sich die Referenten in acht Modulen über ein Jahr verteilt, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den deutschen "Verwaltungsdschungel" zu erklären. Vor allem ging es aber auch darum, die besonderen lokalen Bedingungen zu verstehen – eben Landeskunde mit Lokalkolorit.

Die Referenten waren deshalb meist Mitarbeiter aus den Behörden in München und Berlin. Nach einer theoretischen Einführung, konnten sich die Teilnehmer durch einen Besuch der verschiedenen städtischen Einrichtungen selbst ein Bild machen. "Dadurch wurden auf beiden Seiten Hemmschwellen abgebaut und Türen geöffnet", erklärt Abdul-Hadi Hoffmann. "Auch für die Behörden ist es ja wichtig direkte Ansprechpartner in den muslimischen Gemeinden zu haben", ergänzt er. Gefördert wurden die Fortbildungen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Europäischen Integrationsfond.

Direkten Praxisbezug vermitteln

Die Teilnehmer trafen dabei teilweise selbst das erste Mal aufeinander. Vertreter der unterschiedlichsten Nationalitäten, wie Bosnier, Afghanen, Türken, Marokkaner, Libanesen oder Indonesier kamen in München und Berlin zusammen. "Das Projekt ist auf jeden Fall ein großer Erfolg, auch für die Vernetzung der Gemeinden untereinander", freut sich Margarete Spohn. Die Gemeinden helfen sich jetzt zum Beispiel gegenseitig bei Raumproblemen. So stellte kürzlich die afghanische der indonesischen Gemeinde für den Übergang einige ihrer Gebetsräume zur Verfügung. Auch Abdul Hadi Hoffmann freut sich, dass bei diesem Projekt, Muslime aus verschiedensten sozialen Schichten, mit ganz unterschiedlichem Bildungsniveau und unterschiedlichen religiösen Ansichten zusammengekommen seien.

"Besonders wichtig war es uns, den Teilnehmern immer einen direkten Praxisbezug zu vermitteln" erklärt Margarete Spohn. So haben die Imame und Seelsorger zum Beispiel in der Einheit "interkulturelles und interreligiöses Leben" hilfreiche Tipps von einem Pfarrer bekommen. Wie geht man mit Paaren um, die nicht auf dem Standesamt heiraten wollen? Der Pfarrer gibt mittlerweile vor der kirchlichen Trauung ein Papier an die Paare aus, das beide lesen und unterzeichnen müssen, um aufzuklären welche rechtlichen Nachteile sich ergeben, etwa für den Aufenthaltsstatus ,wenn es keinen Trauschein vom Standesamt gibt. Dieses Konzept wollen nun auch viele islamische Gemeinden übernehmen, vor allem um sogenannte "Importbräute", Frauen, die zu Heiratszwecken einreisen, zu schützen.

Zusammenarbeit mit den Behörden besser: Mehr Vertrauen

Die Zusammenarbeit der Gemeinden mit den deutschen Behörden zu verbessern, war das zentrale Ziel der Fortbildung. Margarete Spohn ist stolz, dass diese dank des Projektes jetzt viel besser funktioniert: "Wenn eine Gemeinde zum Beispiel ein Problem mit drogenabhängigen Jugendlichen hat, wissen die Vertreter der Gemeinden mittlerweile viel genauer, an welche Beratungsstellen sie sich wenden können und wo sie Unterstützung bekommen."

"Die Imame und Seelsorger haben als religiöse Autoritäten eine ganz wichtige Rolle als Vermittler in den Gemeinden", bekräftigt Abdul-Hadi Hoffmann. Dass die Teilnehmer diese auch wahrnehmen, zeigt sich am Beispiel der Muslima, der vom Münchner Jugendamt das Sorgerecht für ihre fünf Kinder entzogen wurde. "Durch die Fortbildung haben die Imame viel mehr Vertrauen zu den deutschen Behörden", findet Margarete Spohn. Viele der Seminarteilnehmer haben ihre Gemeindemitglieder dazu aufgerufen, nicht an Demonstrationen und Kampagnen gegen das Münchner Jugendamt teilzunehmen. "Auch durch das Seminar konnten die Behörden den Imamen glaubhaft vermitteln, dass es bei dem Sorgerechtsentzug nicht um die Religionszugehörigkeit der Mutter geht, sondern dass es hier andere Hintergründe gibt", erklärt Margarete Spohn erleichtert.

MünchenKompetenz und BerlinKompetenz entwickeln sich mittlerweile zum regelrechten "Exportschlager". "Andere Städte, wie Augsburg und Frankfurt, haben bei uns angefragt. Vielleicht gibt es schon bald ‚SchwabenKompetenz’ ", erzählt Margarete Spohn begeistert. Bei der Imam- und Seelsorger-Fortbildung soll es in München und Berlin nicht bleiben. In beiden Städten sind bereits Anschlussprojekte zusammen mit den muslimischen Gemeinden in Planung.

Silke Brandt, 19.10.2009.

Zur Person: Silke Brandt studierte Politische Wissenschaft und Islamwissenschaft in Hamburg, verbrachte längere Zeit in Kairo und ist seit 2005 Redaktionsmitglied bei Zenith, Zeitschrift für den Orient.

Publikation "MünchenKompetenz"

Hier können Sie die Publikation zum Projekt "MünchenKompetenz" der Stelle für Interkulturelle Arbeit der Landeshauptstadt München herunterladen:
Von "MünchenKompetenz" zur "Kommunalkompetenz" - Eine Handreichung

Zusatzinformationen

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