DIK - Deutsche Islam Konferenz - Zusammenfassung der Tagungsergebnisse

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Chancen von Muslimen auf dem Arbeitsmarkt – Fachtagung der Deutschen Islam Konferenz

Wird Religion überbewertet? Was hat Religion mit Potenzialen auf dem Arbeitsmarkt zu tun? Mit diesen Fragen hat Dr. Manfred Schmidt, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die Fachtagung "Muslime und Arbeitsmarkt: Vielfalt fördern, Potenziale besser nutzen" eingeleitet.

Sechs Vorträge aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichem Dienst sowie zwei rege Podiumsdiskussionen gaben Antworten. Schnell und einhellig wurde klar: Qualifikation muss Priorität haben. Ausbildungsabbrüche gilt es zu verhindern, Sprachkenntnisse müssen gefördert werden. Denn dies entscheide primär über Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wie Dr. Axel Kreienbrink aus der Forschungsabteilung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) belegte.

Einige Impressionen zur Tagung finden Sie in unserer Fotogalerie am Ende dieses Artikels.

Werden Muslime auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt?

In der öffentlichen Debatte um Islam in Deutschland mangelt es an Akzeptanzbereitschaft und Sachlichkeit. Argumentationen, die soziale oder persönliche Konflikte auf Religion zurückführen, sind nicht nur sachlich falsch, sondern haben für Muslime in Deutschland bittere Folgen. Dr. Kreienbrink verwies auf die Umfrage "Toleriert und benachteiligt" (2011), in der etwa 40 Prozent kleiner und mittelständischer Unternehmen im Hochschwarzwald angaben, dass sie die Ausbildung kopftuchtragender Frauen ausschlössen – dies ist offen diskriminierend.

Wenn eine kopftuchtragende Frau mit Abitur in hochqualifizierte Berufe einsteigen will, stößt sie eher auf Ablehnung, als wenn sie sich auf Jobs mit niedriger Qualifikation oder auf Arbeitsstellen in der muslimischen Community bewirbt. Von diesen Erfahrungen berichtete Nuran Yiğit, vom Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes-Berlin Brandenburg.

Diskriminierungserfahrungen im Berufsleben

Eingängig schilderte sie Diskriminierungserlebnisse von Betroffenen. Zur Erniedrigung kämen Schuld, Scham, Ohnmacht – und dann folge der Rückzug. Die Arbeit des Antidiskriminierungsnetzwerks ziele deshalb zunächst auf die Ermächtigung der Betroffenen. Die Bestätigung "Ja, ich habe richtig empfunden" sei für viele bereits eine große Erleichterung; rechtliche Schritte wollen die meisten nicht einleiten. 

Dorothee Frings, Professorin für Sozialrecht an der Hochschule Niederrhein, machte deutlich: "Religionsfreiheit ist ein zentrales Persönlichkeitsrecht, verankert in allen internationalen Menschenrechtskonventionen und im Grundgesetz. Religiöse Bindungen sind untrennbar mit der persönlichen Identität verbunden." Wenn Frauen für sich zu dem Schluss kämen, dass das Kopftuch ein religiöses Gebot sei, dann sei dies zu respektieren, sagte Frings. Das Bestreben nach einer Corporate Identity könne nicht zu einem Kopftuchverbot führen. Auch vermutete Kundenpräferenzen nicht – man könne Diskriminierung nicht mit einer Diskriminierung rechtfertigen, betonte die Sozialrechtsexpertin.

Öffentlicher Dienst wirbt für Vielfalt

Einig waren sich die Experten auch, dass Fähigkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund oft unterbewertet werden. Um dem zu begegnen, sollten beispielsweise mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt werden, erklärten die Teilnehmer der Tagung. Die Verwaltung solle ein "Spiegel der Gesellschaft" sein, hielt Prof. Dr. Hans Hofmann vom Bundesministerium des Innern fest. "Denn sie bildet die Brücke vom Staat zum Bürger." Eine Maßnahme auf diesem Feld sei das mehrsprachige Informationsangebot wir-sind-bund.de. Die Internetplattform wirbt für Auszubildende mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst und bietet umfassende Auskünfte für Jugendliche und ihre Eltern über entsprechende Ausbildungswege, zum Beispiel beim Deutschen Bundestag.  

Bei der Qualifikation Einzelner setzt das Bildungswerk Kreuzberg (BWK) an. Dort bereitet man benachteiligte Jugendliche gezielt auf die Anforderungen in bestimmten Berufsgruppen vor, etwa bei der Polizei oder im Bankgewerbe. Ihre Stärken – wie Zweisprachigkeit – werden dort anerkannt und sie sollen lernen, diese nach außen zu kommunizieren. Nihat Sorgeç, Leiter des BWK erklärte, dass alle Jugendlichen angesprochen werden sollen, denn oft hänge Benachteiligung nicht nur mit religiösen oder ethnischen Aspekten zusammen, sondern auch mit dem sozialen Status.

Und so bleibt vor allem ein Eindruck aus den Podiumsdiskussionen und der gesamten Fachtagung: Vielfalt muss präsenter werden.

DIK-Redaktion, 22.06.2012

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