DIK - Deutsche Islam Konferenz - Preisträger 1

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Gürkan Midik

Preisträger in der Kategorie: Text Schüler

„Erfolg hat immer das gleiche Prinzip: Fleiß, Ausdauer, Begabung und Glück“. Heiner Lauterbach

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Zitat von Heiner Lauterbach für alle Jugendlichen gilt. Jeder, der etwas erreichen will, sei es in der Schule oder im Beruf, darf nicht auf seinen Erfolg warten, sondern muss sich für seine Ziele einsetzen und arbeiten, um diese zu erreichen.

Ich heiße Gürkan Midik und bin 20 Jahre jung. Meine kleine Familie, bestehend aus Mutter, Oma, kleiner Bruder (15) und ich wohnen in einem kleinen Dorf namens Lengfurt in Bayern. Zurzeit besuche ich die 12. Klasse des Technischen Gymnasiums in Wertheim/Baden-Württemberg. Meine bisherige Entwicklung ist geprägt von sowohl glücklichen als auch traurigen Erfahrungen.

Ein schlechter Rat, ein bisschen Glück und viel Deutsch gesprochen

Als ich noch zur Grundschule in Triefenstein ging, hatte ich sehr große Probleme mit der deutschen Sprache. Da meine Eltern beide aus der Türkei kamen, sprachen sie zuhause mehr Türkisch als Deutsch. Die Kindergartenerzieherinnen sowie meine erste Grundschullehrerin schlugen meinen Eltern vor, mich an einer Förderschule anzumelden. Meine Mutter folgte dieser Empfehlung nicht und legte mit meiner Anmeldung an der Grundschule Triefenstein den Grundstein für meine positive Entwicklung.

Um später von der Hauptschule auf die die Realschule zu wechseln, musste ich eine Aufnahmeprüfung bestehen. Bei der Prüfung hatte ich sehr viel Glück, da ich an einer schlechteren Note im Fach Mathematik mit dem Übergang gescheitert wäre. Ich erinnere mich noch daran, wie ich tagelang gebetet und hoffungsvoll auf den Brief der staatlichen Realschule Marktheidenfeld gewartet habe. Schließlich kam dann der Brief mit der Zusage und einer roten Rose auf der Briefmarke.

Gleich zu Beginn meiner Zeit in der Realschule waren alle meine Noten sehr gut bis gut – außer im Fach Deutsch. Dort bekam ich in der 5. und 6. Klasse glatte „Fünfer“. Ich war nicht der einzige Migrant mit einer schlechten Note in diesem Fach. Jedes Jahr fühlte ich mich schlecht, wenn ich mein Zeugnis nach Hause brachte. Dann entschloss ich mich, etwas gegen meine Probleme in Deutsch zu tun. Ich las viele Bücher, Zeitungen, surfte im Internet und sprach mit meinem Bruder Alper zuhause nur noch Deutsch. Von Jahr zu Jahr verbesserten sich so meine Deutschkenntnisse. In der neunten und zehnten Klasse erhielt ich in Deutsch eine „2“. Ich war einfach überglücklich.

Schock: Der Tod des Vaters

In meine Schulzeit fiel aber auch ein sehr trauriges Ereignis: der Tod meines Vaters. Kurz nach den Faschingsferien 2008 wurde bei ihm eine bösartige Krebsart namens Plasmozytom diagnostiziert. Für meine Familie – vor allem für meine Mutter – war dies eine schreckliche Zeit. Ich half ihr, wo ich nur konnte. So besprach ich beispielsweise mit dem Oberarzt den weiteren Therapieverlauf. Wir – meine Mutter und ich – beschlossen sogar, meinem Vater nichts von der Krankheit zu sagen, damit seine Motivation nicht noch mehr sank, da er schon sehr viele andere gesundheitliche Probleme hatte. Wir alle steckten so viel Hoffnung in die Heilung meines Vaters, dass wir mit einem Fehlschlag der Behandlung gar nicht gerechnet hatten. Mein Bruder und ich fingen auch im selben Jahr an Gebete zu lernen und jeden Freitag in die Moschee in Marktheidenfeld zum „Cuma“ (Gebetstag) zu gehen.

Elektroingenieur gelernt, doch in Deutschland Bauarbeiter

Mein Vater war 1989 nach Deutschland gekommen, da meine Mutter hier bereits lebte. In der Türkei war er studierter Elektroingenieur und einer der besten in seinem Bereich. In Deutschland musste er dann als Bauarbeiter anfangen, weil er die deutsche Sprache nicht beherrschte. Sein Fachwissen hat er sich aber erhalten können. Als ich in der achten Klasse Schwierigkeiten in Physik hatte, half mir mein Vater sehr. Er konnte mir alles erklären und ich lenkte ihn so ein wenig von seiner Krankheit ab.

 Eine Woche später, an meinem Geburtstag den 2. Juni 2008, kam dann meine Mutter weinend nach Hause: Mein Vater war durch eine Embolie ins Koma gefallen. Es war ein schrecklicher Tag. Alle meine Verwandten versammelten sich in einem Raum der Intensivstation, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Noch heute kann ich die Atmosphäre nicht beschreiben. Jeder im Raum weinte stundenlang. Kurze Zeit später verstarb mein Vater.

 Die Beerdigung meines Vaters war die erste, an der ich jemals teilnahm. Ich dachte immer, dass meine Großeltern vor meinen Eltern sterben würden. Jedoch war dies nicht der Fall. Es gibt Schicksalsschläge im Leben, die keiner begreifen kann. Mit dem Tod meines Vaters verlor ich jedoch nicht den Glauben an Gott, wie es manch andere Leute vielleicht tun würden. Im Gegenteil, meine Glaube verstärkte sich noch und half mir in meinem weiteren Leben. Seitdem bete ich wie im Koran geschrieben fünfmal am Tag. Ich kann mir ein Leben ohne meine Religion gar nicht vorstellen, denn ich wüsste nicht, woran ich mich halten könnte und würde nur in Trauer und Depressionen versinken. Unsere Religion weckte Hoffnung in mir.

Der Glaube gibt Hoffnung und Menschen helfen

In meiner Klasse hatte ich eine sehr nette und vertrauenswürdige Mitschülerin und eine sehr gute Klassenlehrerin, die mich beide nach dem Schicksalsschlag unterstützten. Es war auch meine Lehrerin, die mich für ein Stipendium vorschlug, welches das Land Bayern gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung an Schüler mit Migrationshintergrund verleiht. Glücklicherweise erhielt ich das Stipendium.

Meine Mutter konnte seit 1999 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten, weshalb mein Vater der Alleinverdiener bei uns zuhause war. Nach seinem Tod und der Alzheimer-Erkrankung meiner Oma, erreichten wir mit unseren Renten gerade so das Existenzminimum. In dieser Situation war das Stipendium eine große Hilfe. Ich beteiligte mich mit dem Geld an den Haushaltskosten meiner Familie und ich konnte zudem noch Nachhilfe nehmen, um meine Leistungen in der Schule zu steigern. Zudem ermöglichte mir die Robert Bosch Stiftung die Teilnahme an einer Vielzahl von Seminaren und Workshops, z.B. einem Opernseminar in München. Bei den Veranstaltungen lernte ich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Geschichten kennen. In der Stiftung gründeten wir eine Organisation namens „Wir für Bayern“, in der ich für die Region Main-Spessart und Rhön zuständig bin. Wir versuchen anderen jungen Migranten als Vorbild zu dienen und unterstützen sie bei Entscheidungen, die ihre weitere Schullaufbahn betreffen.

Anstrengung, Glück und das richtige Umfeld

Durch meine eigene Anstrengung und die Unterstützung anderer legte ich meine Abschlussprüfung an der Realschule mit einem Durchschnitt von 1,36 ab. Da ich sehr technikbegeistert bin und in der Schule die technische Klasse besuchte erhielt ich einen Schulplatz am Technischen Gymnasium in Wertheim. Nach meinem Abitur im Jahr 2013 möchte ich Maschinen- oder Elektrotechnik studieren.

Ich bin überaus glücklich so weit gekommen zu sein und blicke zuversichtlich in die Zukunft. Für meinen bisherigen Erfolg musste ich viel Zeit opfern und viele Kompromisse eingehen, aber das war es mir auch wert.

Wie schon Herr Lauterbach sagte, benötigt man in seinem Leben ein bisschen Glück und das richtige Umfeld, das die Motivation sichert.

Zum Autor

GÜRKAN MIDIK

„Sehr ehrgeizig“: So beschreibt sich Gürkan Midik selbst. Der 20-Jährige möchte beruflich einen ähnlichen Weg wie sein Vater einschlagen und geht dabei zielstrebig vor. Im nächsten Frühjahr macht Gürkan das Abitur auf einem technischen Gymnasium, und im Herbst will er ein duales Studium für Mechatronik beginnen. Wenn der Sohn türkeistämmiger Eltern auf seine Schulzeit zurückblickt, dann ist er stolz auf das, was er bisher erreicht hat. In der zweiten Klasse blieb er nämlich sitzen, und seine Klassenlehrerin wollte ihn sogar in eine „Sonderschule“ schicken. „Das lag daran, dass ich sehr schüchtern war und mich nie getraut habe mich zu melden", erklärt Gürkan. Der Sonderschulkandidat hat sich als ein Gymnasiast entpuppt, der in das Förderprogramm für Schüler mit Migrationshintergrund "Talent im Land Bayern" aufgenommen wurde. Als Ehrenamtlicher berät er nunmehr Jugendliche aus Einwandererfamilien, die sich mit Fragen zur Schullaufbahn an ihn wenden.