DIK - Deutsche Islam Konferenz - Preisträger 3

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Marleen Buschhaus

Preisträger in der Kategorie: Text Student

,,Weißt du, manchmal denke ich du hast von klein auf eingetrichtert bekommen, dass der Islam die einzige und beste Religion ist und verboten bekommen dies jemals zu hinterfragen. Wie kannst du einer Religion angehören, die für die Unterdrückung von Frauen ist und sie zwingt ein Kopftuch zu tragen. Die Ehrenmorde und Zwangsheirat gutheißt? Oder dass es Männern erlaubt ist, ihre Frauen zu schlagen? Diese Religion vermittelt so viel Hass und Gewalt. Warum könnt ihr andere Religionen nicht einfach tolerieren? Wie kannst du das unterstützen? Und warum kannst du nicht verstehen, dass diese Religion so nicht richtig sein kann?!“

 Genau diese Worte warf ich vor nun fast einem Jahr meiner türkischen und muslimischen Freundin Yasemin* an den Kopf, als wir uns stritten. Befreundet waren wir nun schon seit der 6. Klasse, sodass wir uns gut kannten. Das diese wenigen Sätze unsere Freundschaft so verändern würden, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Doch bevor ich auf den Streit eingehen werde, möchte ich im Folgenden von Yasemins Leben erzählen.

 Als Kind einer in Deutschland geborenen Türkin und eines Türken kommt Yasemin in Berlin-Kreuzberg zur Welt, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbringt. Als Yasemin die Grundschule besucht, findet ihr Vater Arbeit in Süddeutschland, weshalb die inzwischen vierköpfige Familie umzieht. Die Zeit vergeht und Yasemin erhält nach der Grundschule eine Hauptschulempfehlung. Yasemin ist sich aber sicher, dass sie die Realschule schaffen kann und nimmt an einem Eignungstest teil, den sie beim zweiten Mal dann auch besteht. Ihre sehr guten Leistungen auf der Realschule ermöglichen es ihr nur ein Jahr später auf das Gymnasium zu wechseln. Yasemin kommt als einzige Ausländerin in unsere Klasse, weshalb die meisten von uns anfangs sehr skeptisch sind. Doch nach nur wenigen Tagen merken wir, dass unsere Vorurteile unbegründet sind und ich freunde mich mit ihr an. Wir tratschen, lachen, gehen shoppen, teilen Geheimnisse, gehen ins Kino... aber über Religion reden wir nie.

 In der 8. Klasse kommt Yasemin dann nach den Sommerferien mit einem Kopftuch in die Schule. Nun merke ich, dass ich ganz vergessen hatte, dass sie Muslima ist. Aber auch jetzt reden wir nicht viel über ihre Religion. Im Fernsehen und in der Zeitung bekommt man ja genug mit. So bin ich anfangs zwar ein wenig schockiert und habe Angst, dass sie in ihrem nächsten Türkei- Urlaub vielleicht verheiratet werde könnte. Doch da ihre äußerliche Veränderung rein gar nichts mit ihrem Charakter und ihrer Art zu tun hat, bleibt zunächst alles beim Alten. So bleibt sie die lustige, lebensfrohe und freche Yasemin, die sie auch davor war und die gemeinsame Schulzeit geht schnell vorbei

 Dieses Jahr hat Yasemin ihr Abitur mit einem guten Abschluss bestanden und ein Romanistikstudium mit Schwerpunkt Französisch und Italienisch begonnen. Nun könnte man abschließend sagen, Yasemin ist ein erfolgreiches muslimisches Mädchen, das es trotz Hauptschulempfehlung bis zum Studium geschafft hat. Doch an dieser Stelle drängt sich mir die eigentliche Frage auf: Was ist Erfolg denn wirklich? Ein gutes Abitur? Eine tolle Arbeitsstelle? Viel Geld zu haben? Und was macht einen erfolgreichen Muslim aus? 100-prozentige Integration? Oder 100- prozentig nach dem Koran zu leben? Und an genau dieser Stelle möchte ich zum Anfang meines Textes zurückkehren.

 Als ich Yasemin diese Zeilen schrieb, wurde mir deutlicher als je zuvor, dass ich in alle den Jahren unserer Freundschaft noch nie mit ihr über all diese Dinge gesprochen habe. Ich verstand „den“ Islam nicht - und eigentlich verstand ich auch Yasemin nicht. Wie konnte sie nur einer solchen Religion angehören, über die täglich im Zusammenhang mit Zwangsheirat, Ehrenmord und Frauenunterdrückung berichtet wird? Also warf ich ihr bei diesem Streit all das an den Kopf, was jahrelang in mir vorging und ich nie gewagt hatte, auszusprechen. Yasemin war daraufhin sehr verletzt. Für mich war dies nur noch ein Zeichen mehr dafür, dass sie keine Kritik an ihrem Glauben verkraften kann. Trotzdem bot sie an, mir ihre Religion zu erklären. Ich in meiner Sturheit lehnte jedoch ab: Was wollte sie mir schon Positives über den Islam erzählen?

 Es herrschte nun so lange Funkstille zwischen uns wie noch nie. In dieser Zeit dachte ich immer mehr darüber nach. Wunderte mich, wieso Yasemin so selbstbewusst war, wenn Mädchen doch unterdrückt werden oder warum sie mit ihrem Kopftuch so stark und nicht eingeschüchtert wirkt. Wieso wird Yasemin nicht verheiratet und weshalb sind sie und ihre Familie so nett zu mir als Christin? Meine Fragen häuften sich, sodass ich sie nun bat, mir doch einmal auf ihre Weise alles zu erklären. Sie freute sich sehr und so kam sie wenige Tage später mit Infobüchern und dem Koran ausgerüstet zu mir. Wir sprachen viel, sie las mir aus dem Koran vor, ich zeigte ihr die Bibel und endlich taten wir das, was wir schon viel früher hätten tun sollen.

Ich stellte fest, dass Mann und Frau laut Koran tatsächlich gleichberechtigt sind; dass der Mann seine Frau gut behandeln muss; dass Christen und Juden von gläubigen Muslimen geschätzt werden; Kriege im Koran verpönt sind; jede Braut zur Heirat einwilligen muss, Morden die schlimmste Sünde überhaupt ist und wie viele Gemeinsamkeiten der Islam mit dem Christentum hat. Ich konnte in diesem Moment merken, wie viel Yasemin über ihren Glauben weiß im Gegenteil zu dem was ich über meinen eigenen weiß. Dass sie wirklich überzeugt ist; nicht durch Erziehung, sondern durch eigenes Lesen.

Doch am aller wichtigsten: Wie glücklich sie war, mir all dies erklären zu können. Nun kann ich eine Antwort auf die Frage geben, was ein erfolgreicher Muslim ist: Yasemin. Sie ist integriert und an der westlichen Kultur interessiert, ohne je vergessen zu haben, wer sie ist und woher sie kommt. Yasemin schafft es in einer Welt voller Vorurteile und Diskriminierung ihren Weg zu gehen. Sie schafft, was  viele nicht schaffen: Sie geht auf andere zu, um Vorurteile abzubauen und den Dialog zu fördern. Und genau das ist es, was unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren dazu lernen muss: Durch Reden und aufeinander zugehen kann so viel mehr erreicht werden, als durch Denken und Schweigen.

 

Von Marleen Buschhaus

* Name geändert

Zur Autorin

MARLEEN BUSCHHAUS

Marleen Buschhaus möchte in die Fußstapfen ihres Vaters treten und Lehrerin werden. Weil sie vor dem Lehramtsstudium herausbekommen wollte, ob sie für diesen Beruf geeignet ist, wählte sie einen „Umweg“ und meldete sich für den Bundesfreiwilligendienst. Es sei eine gute Entscheidung gewesen, Erfahrungen an einer Gehörlosenschule zu sammeln, sagt die 19-Jährige. Die Arbeit macht ihr sehr viel Spaß und entspricht, wie sie schon bald feststellen konnte, ihrem Naturell. „Ich will in einem sozialen Bereich tätig sein, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Marleen. Ihre Freizeit verbringt sie gerne mit Handarbeiten, auch weil sie „selbstgemachte Sachen“ viel lieber als Gekauftes verschenkt. Geselligkeit ist ihr wichtig, sie trifft sich mit Freundinnen zum Bummeln. Und wenn es ihr nicht nach Gesprächen ist, dann reitet sie oder spielt Klavier. Marleen sagt von sich, „ein glücklicher Mensch“ zu sein, nur gibt es ein Thema, das sie traurig macht: der Tod.