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Aleviten in Deutschland auf Identitätssuche

Kaum hat sich die Kindergruppe gesetzt, ruft die Lehrerin in den Saal hinein: "Und nun fragt!" Eben noch hatten die Kinder konzentriert ihre Schritte gesetzt, einen Tanz vorgeführt, begleitet von Laute, Gesang und rituellen Liedern der Aleviten. Nun schließt die Lautespielerin die Hand um die Saiten. Drei Geistliche sind da, ein Aufgebot von 50 weiteren Erwachsenen der Alevitischen Gemeinde Berlin sitzt hinten im Saal. Gespanntes Schweigen.

Eine Reportage über sie soll entstehen. Eine Gelegenheit für die Gemeinde, ihre Kultur zu präsentieren – deutlich zu machen, dass sie keine "normalen" Muslime sind. Lautenmusik und Tanz, beides ist für den alevitischen Gottesdienst prägend. In Moscheen, bei den übrigen Muslimen, sind sie tabu.

Der Unterschied zwischen Moschee und Cem-Haus

Die alevitischen Kinder trauen sich nicht recht – Fragen zu ihrem Glauben sollen sie stellen. Die Lehrerin hilft: "Kennt jemand von euch den Unterschied zwischen Moschee und Cem-Haus?" Ein Junge meldet sich: "Wir Aleviten beten im Cem-Haus, nicht in der Moschee. Und man darf auf keinen Fall sauer sein, wenn man in ein Cem-Haus geht!" "Richtig", sagt einer der Geistlichen, "wenn man gestritten hat, muss man sich unbedingt vorher versöhnen. Auch dass Frauen und Männer gemischt beten, ist ein Unterschied zu Moscheen, wo dies nicht erlaubt ist."

Das Gespräch kommt in Gang, ein Frage-Antwort-Spiel entspinnt sich. Nach und nach kommen die "hardfacts" des Alevitentums zur Sprache, einer Religion, die sich vom sunnitischen Islam merklich unterscheidet – von jener Glaubensrichtung, der die meisten Muslime in Deutschland anhängen. Die Aleviten deuten den Koran nicht wörtlich, erfahren die Kinder. Auch die fünf Säulen des Islams lehnen sie ab.

Situation der Aleviten in der Türkei

Eine selbstbewusste Haltung ist für die Aleviten nicht immer selbstverständlich gewesen, erklärt die Lehrerin Devrim-Deniz Nacar nachdem der Raum leer ist: "In der Türkei verschweigen viele, dass sie Aleviten sind – weil sie immer noch Benachteiligungen fürchten."Wer die Aleviten zu ihrem Selbstverständnis befragt, bekommt meist Geschichten aus der Türkei erzählt, dem Ursprungsland der meisten deutschen Aleviten.

Dort sind sie nicht als eigene Religionsgemeinschaft anerkannt. Die türkische Religionsbehörde Diyanet etwa weigert sich, den Aleviten einen eigenen Status einzuräumen. Für sie sind Aleviten Muslime wie andere auch. Deswegen verfügen auch die Cem-Häuser der Aleviten in der Türkei nicht über den rechtlichen Status einer Gebetsstätte wie Moscheen, Kirchen und Synagogen, sondern gelten allenfalls als kulturelle Einrichtungen. Alevitische Geistliche, werden, anders als Imame, nicht vom türkischen Staat bezahlt.

Neues alevitisches Selbstbewusstsein

Gegen Diskrimierungen setzen sich die Aleviten mittlerweile zur Wehr. "Der Wendepunkt war für uns 1993, nach dem Massaker von Sivas", so Devrim-Deniz Nacar. Islamisten hatten in der türkischen Stadt Sivas einen Brandanschlag verübt, bei dem alevitische Schriftsteller, Dichter und Künstler starben. Nach Auffassung der Aleviten hat die Feuerwehr bewusst verspätet eingegriffen. Sie seien vom türkischen Staat im Stich gelassen worden, sagen viele Aleviten. "Damals wurde uns klar, dass wir nicht länger eine Gesellschaft sein wollen, die geleugnet wird, die totgeschwiegen wird. Jetzt emanzipieren wir uns!", meint Devrim-Deniz Nacar kämpferisch.

Zu dem neuen Selbstbewusstsein, das sie über die Jahre entfaltet haben, gehört, auch in Deutschland einen eigenen Religionsunterricht an den Schulen einzurichten. Der "Islamische Religionsunterricht", der im Rahmen von Schulversuchen in einigen Bundesländern erteilt wird, mag gut für die Sunniten sein, den Aleviten wird er nicht gerecht, kritisieren sie.

Alevitischer Religionsunterricht als Teil der neuen Identität

Alevitischer Religionsunterricht an den Schulen ist eine wichtige Sache, allerdings ist er kein Nonplusultra, meint Devrim-Deniz Nacar. Sie ist selbst Lehrerin für Geschichte, Deutsch und Mathe, daneben erteilt sie auch Alevitischen Religionsunterricht: "An einer Schule ist die Atmosphäre einfach offizieller. Unser Zusammensein hier, das Sie heute miterlebt haben, kann das nicht ersetzen!" Die Lautenmusik der Aleviten hören, den Semah-Tanz begehen, der das Universum symbolisiert, nicht auf Stühlen sitzen, sondern auf Sitzkissen und Teppichen auf dem Boden – "Ein ganz anderes Gefühl ergibt das!", ruft die Lehrerin. Die Aleviten ringen mit einem neuen Selbstbewusstsein. Der Alevitische Religionsunterricht an Schulen ist dabei nur ein Teil.

Thilo Guschas, 20.01.09

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