DIK - Deutsche Islam Konferenz - Moscheebau: Empfehlung der DIK - Neue Moscheen braucht das Land?

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Neue Moscheen braucht das Land?

Das Wort "Moschee" kommt einem kaum in den Sinn, wenn man eines der Hinterhofgebäude betritt, in denen viele Muslime in den 60er Jahren beteten. Ehemalige Gewerberäume, versteckt gelegen in Industriegebieten, im Wesentlichen nur eine Voraussetzung erfüllend: einen Raum zu bieten, in dem Gläubige Richtung Mekka beten konnten. Schmuckfassade? Minarett oder Kuppel? Sie fehlten durchweg. Die Betstätten waren flüchtig, beinah lieblos gestaltet – von "Gastarbeitern", die noch in die Türkei zurückkehren wollten.

Eine erste Gegenbewegung folgte noch in den 60er Jahren: Ehrgeizige, ansehnliche Bauprojekte, wie etwa die Imam-Ali-Moschee in Hamburg. Ein großer, offener Türbogen bestimmt die Schmuckfassade, die mit türkisblauen Reliefplatten ausgekleidet ist. Im Zierbecken, das vor der Moschee liegt, spiegeln sich Kuppel und die beiden Minarette des Gebäudes. Ein Prachtbau im persischen Baustil, ein wahrliches Gegenbild zu den Hinterhofmoscheen.

Versuchte Synthese von Orient und Okzident

Stilistisch einen anderen Weg schlug die Aachener Bilal-Moschee ein, die etwa zur selben Zeit entstand. Sie wagte eine Synthese aus Orient und Okzident. Der westliche Anteil bestand aus einem quadratischen Rumpf mit einer Fassade, die – ganz im Stil der 60er Jahre – fensterlos und in Beton gehalten ist. Islamische Anteile brachten Minarett und Spitzkuppel.

Ein Richtungsstreit dieser beiden Architekturstile – "orientalisch" gegen "westlich" – blieb damals aus. Die Phase von größeren Moscheeprojekten verebbte nach drei, vier weiteren Bauten. Die Mehrzahl der muslimischen Migranten sah Deutschland noch nicht als Heimat. Man betete – auch aus finanziellen Gründen – weiter in Hinterhöfen – und baute diese allerdings aus: Setzte nachträglich eine Kuppel auf ein Flachdach (wie beispielsweise in der Moschee Alsdorf) oder pflanzte ein Minarett vor das Gebetshaus (etwa in Grevenbroich).

Zurück zu den Wurzeln

Doch ein wirklicher, architektonischer Neuanfang war dies nicht. Das zweite Kapitel der Entwicklungsgeschichte hat erst vor wenigen Jahren begonnen. Bei vielen der damaligen "Gastarbeiter" setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass sie endgültig nicht mehr in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Sie und die nachfolgenden Generationen wollen nicht mehr in Hinterhöfen beten. Repräsentative Gebäude sollen ihnen helfen, öffentlich sichtbar zu werden. Das soll Selbstverständlichkeit schaffen und – im besten Fall – Vertrauen.

In den Neubauten finden sich meist auch Bibliotheken und Seminarräume. Dies mutet modern an, ist aber ein traditionelles Element des Moscheebaus. Hierzu fehlte in den Hinterhofgebäuden der 60er Jahre ganz einfach der Raum. Ein tatsächlich neues Elemente sind hingegen die Ladenlokale, die man so in klassischen Moscheebauten nicht findet. Auf die Einnahmen, die die Vermietung der Ladenflächen bringen soll, sind die Betreiber der neu gebauten Moscheen häufig angewiesen.

Architektonisch sind die Neubauten meist als multifunktionale Begegnungsstätten angelegt, mit Bibliothek, Café, Seminarräumen, Läden, Büros, sogar Wickelräumen. In der islamischen Welt sind Moscheen Versammlungsbauten, die sich nicht allein als Betstätten verstehen. In gewissem Sinn also eine Rückkehr zu den Wurzeln, da etwa Bibliotheken und Seminarräume zur traditionellen Moschee gehören. Läden gehören allerdings nicht unbedingt in das Umfeld einer orientalischen Moschee, aber Betreiber von Moscheen sind häufig auf Einnahmen aus der Vermietung der Ladenflächen angewiesen.

Vielfach lösen die neu entstehenden Moscheen Anwohnerproteste aus, wie die 2008 eingeweihte Moschee in Berlin-Pankow-Heinersdorf. Das Gebäude ist Teil eines "Hundert-Moscheen-Projekts", das die Ahmadiyya-Gemeinde für Europa plant. Unabhängig davon, wie realistisch dieser Plan ist, verstärkt er bestehende Ängste, Deutschland werde zunehmend muslimisch geprägt.

Auf derartige Ängste nimmt die Architektur der meisten Moscheen aktiv Bezug. Sie stellt Transparenz und Dialogbereitschaft in den Vordergrund. In der Moschee in Duisburg-Marxloh übernehmen dies durchsichtige, große Fensterfronten, die bis auf den Boden reichen. Eine ähnliche Versöhnlichkeit betont auch der Entwurf für die Kölner Moschee – durch eine große, einladende Freitreppe zur Straße hin sowie eine Kuppel, die aus drei Blättern besteht, die sich – dem Architekten Paul Böhm zufolge – "wie Hände begegnen".

Sind Kuppeln zu "nostalgisch"?

Die bekannten Erkennungszeichen, Kuppel und Minarette, behalten aktuelle Moscheeprojekte beinah durchweg bei. Oft orientieren sie sich an klassischen, osmanischen Mustern, die mehrere Jahrhunderte alt sind. Dies ist in etwa so, also würden moderne Kirchen ausnahmslos mit klassischem Kirchturm gebaut. Kritiker wie der Kunsthistoriker Christian Welzbacher bezeichnen Moschee-Neubauten mit Kuppel und Minarett daher als "Sehnsuchtsarchitektur". Sie würden auf ein überkommenes Islam-Verständnis hinweisen.

Selbst Abwandlungen und Brechungen dieser Motive entschärfen die Kritik nicht. Auch die futuristisch aufgesplitterte Kuppel der geplanten Großmoschee in Köln wurde von Gegnern als "nostalgisch" geschmäht, da sie das Bild der Kuppel eben nicht restlos verwerfe. Doch was sagt die Form wirklich über den Inhalt? Wird in Kirchen, die ohne Turm auskommen, besonders reformiert gepredigt und geglaubt? Und welcher Gebäudetyp wäre denn geeignet, um für einen europäischen Islam zu stehen, der im Kontext einer säkularen Gesellschaft interpretiert wird?.

Vorläufiger Endpunkt: Moschee Penzberg

Ein interessantes, architektonisches Experiment, das in diesen Zusammenhang gehört, ist im bayerischen Penzberg entstanden. Das dortige "Islamische Forum" ist erst auf den zweiten Blick als Moschee zu erkennen. Die Fassade – ein Mosaik aus Glasscherben – verströmt ein meditative Atmosphäre, die nicht zwangsläufig islamisch ist. Das Minarett ähnelt kaum mehr dem üblichen Gebetsturm, visualisiert jedoch den arabischen Gebetsruf, der als kalligraphische Verzierung am Minarett angebracht ist.

Das Minarett ist kein klassischer Ausrufturm mehr. Stattdessen wird der arabische Gebetsruf, der normalerweise von dort ertönt, "sichtbar" gemacht – durch einen kaligraphischen Schriftzug, der am Minarett montiert ist.

Penzberg markiert einen vorläufigen Endpunkt, denn nur zögerlich entfernt sich die Architektur deutscher Moscheen vom klassischen Vorbild. Wie es weitergeht, ist offen. Ein Abschlusskapitel steht bislang aus in dem mittlerweile fünfzigjährigen "Entwicklungsroman".


Thilo Guschas, 18.06.2009.

Zur Person:
Thilo Guschas, Studium der Islamwissenschaft in Münster, Damaskus und Köln, arbeitet als freier Journalist, u.a. für Geo und Deutschlandradio Kultur.

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