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Muslimische Verbände: neue Zahlen, aber kein Ende der Diskussion

Die Mehrheit, die Hälfte oder weniger als ein Viertel? Für wie viele Muslime in Deutschland können die muslimischen Verbände sprechen? Seit Jahren werden diverse Zahlen zu Mitgliedern, Moscheebesuchern und Muslimen für oder gegen den Anspruch der Verbände auf Repräsentanz und Anerkennung ins Feld geführt. Die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" liefert neue Zahlen … aber kein Ende der Diskussion.

Mit dem Anspruch, die Mehrheit der Muslime in Deutschland besser zu vertreten, haben sich im April 2007 die vier an der Deutschen Islam Konferenz 2006 bis 2009 teilnehmenden Verbände, Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD), Türkisch-Islamische Union (DITIB) und Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) im Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) zusammengefunden.

Status einer Religionsgemeinschaft angestrebt

Mit Verweis darauf, dass der KRM die vier großen Verbände und somit nach eigener Schätzung ca. 85 Prozent der Moscheegemeinden in Deutschland vertrete, sieht sich der KRM als potentieller Ansprechpartner des Staates, z. B. für die Einführung eines bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichts nach Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz. Voraussetzung für grundgesetzkonformen islamischen Religionsunterricht ist die Existenz einer oder mehrerer islamischer Religionsgemeinschaften. Um als solche von den Bundesländern anerkannt zu werden, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, die im Zwischenresümee der DIK vom 13. März 2008 zusammengefasst sind. Dazu zählt u. a. dass die Zahl der Mitgliedschaften natürlicher Personen und ein Minimum an organisatorischer Struktur das längerfristige Bestehen der Gemeinschaft gewährleisten, dass die Hauptaufgabe dieses Zusammenschlusses die umfassende Pflege des gemeinsamen Bekenntnisses ist und dass die Religionsgemeinschaft die grundlegenden Prinzipien der Verfassung akzeptiert. Somit ist die Frage, für welche und wie viele Muslime die Verbände sprechen können, eng mit dem zukünftigen Verhältnis von Staat und Muslimen in Deutschland verknüpft.

Neue Zahlen

Tabelle: Bekanntheit der islamischen Verbände unter den befragten Muslimen (in Prozent)

Mit der vorliegenden Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" (MLD) werden nun repräsentative Daten vorgelegt, die mehr Klarheit in das trübe Wasser der Vertretungsfrage bringen können. Bezugspunkte zur Einschätzung von Vertretungsansprüchen der muslimischen Organisationen sind hier jedoch nicht Mitgliedschaft und Moscheebesuch. Die interviewten Muslime wurden vielmehr gefragt, ob sie die o. g., in der Deutschen Islam Konferenz (DIK) 2006 bis 2009 vertretenen Verbände kennen und inwieweit sie sich von ihnen vertreten fühlen.*
Insgesamt kennen demnach immerhin rund zwei Drittel der befragten Muslime mindestens einen der in der Deutschen Islam Konferenz vertretenen Dachverbände. Allerdings fühlen sich weniger als 25 Prozent der Muslime ohne Einschränkung von ihnen vertreten.

Kein Ende der Diskussion

Der relativ hohe Bekanntheitsgrad türkischer Verbände, und besonders von DITIB, ist mit Blick auf die ca. 2,56 Mio. Türkischstämmigen unter den etwa vier Millionen Muslimen nicht verwunderlich. Doch lässt sich mit Blick auf DITIB, VIKZ und AABF feststellen, dass die Vertretungsleistung mit stärkerer ethnischer und/oder religiöser Homogenität der Klientel zunimmt. Vielfältigere, multiethnische Dachverbände, wie Zentralrat oder KRM, können hingegen nicht in gleicher Weise von einer gemeinsamen Herkunft profitieren und weisen eine deutlich geringere Vertretungsleistung auf. Dazu mag auch führen, dass die Zugehörigkeit einer Moscheegemeinde zu einem der Dachverbände nicht ohne weiteres, etwa dem Namen nach, erkennbar ist.

Tabelle: Wahrgenommene Vertretungsleistung der muslimischen Verbände unter den befragten Muslimen insgesamt (in Prozent)

Die jetzt vorgelegte Studie zeigt deutlich das bestehende Vertretungsproblem: So wünschen sich laut Studie 76 Prozent der Muslime einen islamischen Religionsunterricht, aber nur knapp 25 Prozent fühlen sich von den großen muslimischen Dachverbänden, die ja gerne Partner des Staates für einen solchen Unterricht wären, ganz vertreten. So bringt die Studie zwar tatsächlich etwas mehr Licht in die Vertretungsfrage, klären kann sie diese aber natürlich nicht.

Daher ist es jetzt umso erforderlicher, dass die muslimischen Organisationen mehr Transparenz in ihre Mitgliedschaften und Zugehörigkeiten bringen, indem sie z. B. freiwillige Moscheeregister anlegen. Aber nicht nur formale Aspekte wie Mitgliedschaft sind in der Vertretungsfrage ausschlaggebend. Die Studie zeigt auch, dass es den muslimischen Organisationen anscheinend bisher nicht gelungen ist, die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung von sich zu überzeugen bzw. andersherum die vielfältigen muslimischen Interessen und innermuslimischen Debatten aufzunehmen und gegenüber der Allgemeinheit zu vertreten.

Koordinationsrat der Muslime (KRM)

Bislang wenig wahrgenommen wurde der erst 2007 gegründete KRM. Von den knapp zehn Prozent, die den jungen Zusammenschluss bislang kennen, fühlen sich 40 Prozent zumindest teilweise vertreten, die meisten (23 Prozent) sogar ganz. Bezogen auf alle befragten Muslime fühlen sich jedoch nur 3 Prozent ganz oder teilweise durch den KRM vertreten. Der KRM kann seine Repräsentativität bislang also nicht aus seiner eigenen Bekanntheit ziehen, sondern nur aus der seiner Mitgliedsverbände.

Türkisch-Islamische Union (DİTİB)

Betrachten wir nun die Ergebnisse zu den Mitgliedsverbänden etwas detaillierter, lässt sich feststellen, dass der bekannteste Verband die DITIB ist, die 44 Prozent aller befragten Muslime und 65 Prozent nur aus der Gruppe der türkischstämmigen Sunniten kennen. Dies dürfte bei einer Zahl von über 880 Mitgliedsmoscheevereinen und der Nähe zur türkischen Religionsbehörde Diyanet İşleri Başkanlığı kaum überraschen. Unter Muslimen aus den anderen Herkunftsregionen ist die DITIB bedeutend weniger bekannt. Außerdem fühlen sich von den Befragten, welche die DITIB kennen, immerhin ca. 67 Prozent ganz oder zumindest teilweise von ihr vertreten. Unter allen befragten türkischstämmigen Sunniten sind es 47 Prozent, die sich ganz oder teilweise vertreten fühlen. Berücksichtigt man hingegen nicht nur türkischstämmige Sunniten, sondern alle befragten Muslime, fühlen sich 27 Prozent ganz oder teilweise durch die DITIB vertreten.

Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)

Obwohl der VIKZ, anders als die DITIB, keine so allgemeine Klientel hat, kennen ihn doch 25 Prozent der befragten Muslime, besonders jedoch Türkischstämmige (30 Prozent). Aber auch unter den Muslimen aus Nordafrika (19 Prozent) und Restafrika (20 Prozent) ist er nicht unbekannt. Dabei fühlen sich ca. 63 Prozent derjenigen, die den VIKZ kennen, durch ihn ganz oder teilweise vertreten. Von allen befragten Muslimen fühlen sich knapp 14 Prozent ganz oder teilweise vertreten.

Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Den Zentralrat kennen 27 Prozent der befragten Muslime. Durch ihn teils oder ganz vertreten fühlen sich 50 Prozent derjenigen, die ihn kennen. Da der Zentralrat quasi multiethnisch angelegt ist und er sich in den Jahren nach 2001 durch eine starke Medienpräsenz in der Öffentlichkeit als Ansprechpartner etablieren konnte, ist er unter Muslimen aus den verschiedenen Herkunftsregionen gleichmäßiger bekannt. Von allen befragten Muslimen fühlen sich knapp zwölf Prozent vom Zentralrat ganz oder zumindest teilweise vertreten.

Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD)

16 Prozent der befragten Muslime kennen den Islamrat. Dies entspricht dem Bekanntheitsgrad bei türkischstämmigen Muslimen, der ebenfalls bei 16 Prozent liegt, und in etwa mit der Bekanntheit unter Muslimen aus Südostasien, Nordafrika und dem Nahen Osten vergleichbar ist. Dabei wird der Großteil der 30 Mitgliedsvereine des Islamrates der türkisch geprägten Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş zugerechnet, dem zweitgrößten Verband nach DITIB. Dieser wurde selbst nicht abgefragt, da er nicht in der DIK vertreten ist. Von denjenigen, die den Islamrat kennen, fühlen sich insgesamt etwa 63 Prozent durch ihn vertreten, der kleinere Teil davon (16 Prozent) ganz. Am meisten Zustimmung (voll und teils) findet der Dachverband unter Muslimen, die ihn kennen, aus Südosteuropa, der Türkei und dem restlichen Afrika (je etwa zwei Drittel). Insgesamt fühlen sich knapp neun Prozent aller befragten Muslime ganz oder zumindest teilweise vom Islamrat vertreten.

Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF)

Mit 27 Prozent ist die Alevitische Gemeinde unter den befragten Muslimen bekannt. Von denjenigen, welche die AABF kennen, fühlen sich 39 Prozent zumindest teilweise von ihr vertreten. Unter Türkischstämmigen ist die AABF mit 36 Prozent bekannt. Betrachtet man allein die Gruppe der türkischen Aleviten, deren Vertretung die AABF beansprucht, so geben 76 Prozent an, die AABF zu kennen und von denen fühlen sich 71 Prozent ganz oder teilweise vertreten. Von allen befragten Aleviten fühlen sich immerhin noch 19 Prozent vertreten, von allen befragten Muslimen, einschließlich der Aleviten, sind es ca. 9 Prozent.

Mark Chalîl Bodenstein und DIK-Redaktion, 02.10.09

* Mehrfachnennungen bei Bekanntheitsgrad und Vertretungsleistung waren möglich 

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Literatur

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