DIK - Deutsche Islam Konferenz - Moscheebesuch in Buggingen

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Besuch in der Bugginger Moschee

Wenn in den Medien von Moscheen in Deutschland berichtet wird, dann meist, weil Anwohner dagegen protestieren, dass in ihrem Viertel eine gebaut wird, so wie beispielsweise in Berlin Pankow-Heinersdorf oder im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Die Menschen haben Angst vor einer Islamisierung Europas und fürchten eine Zusammenrottung radikaler Islamisten vor der eigenen Haustüre. Die Vorurteile sind groß.

Ich beschließe, mir selbst ein Bild zu machen und forsche im Internet nach Informationen über die Moschee in Buggingen, unserem Nachbarort. Was ich finde, ist spärlich. Die Moschee ist nicht einmal auf der Internetseite der Gemeinde Buggingen erwähnt. Über mehrere Bekannte bringe ich schließlich die Telefonnummer des zuständigen Imams in Erfahrung und vereinbare kurzentschlossen einen Termin.

Auf zur Moschee im Herzen des Margräflerlandes

Es ist Freitagmittag, gegen halb zwölf. Ich steige auf mein Fahrrad und mache mich auf den Weg nach Buggingen. Mit knapp 3.800 Einwohnern ist Buggingen eine kleine Gemeinde im Herzen des Markgräflerlandes, südlich von Freiburg gelegen. Hier hat sich in den letzten Jahren nicht viel verändert. Um den alten Dorfplatz mit dem modernen Brunnen gruppieren sich einige kleine Geschäfte, es gibt eine Grund-und Hauptschule, einen Sportplatz, eine evangelische und eine katholische Kirche, und vor einigen Jahren hat sogar ein Edeka-Supermarkt aufgemacht. Und in Buggingen gibt es eine Moschee! Sie ist der Grund für meinen heutigen Ausflug.

Ich biege auf den Radweg ein, der die B3 in Richtung Süden begleitet. Während ich an Mais-und Weizenfeldern vorbei radle und sich hinter den Rebhängen dunkel der Schwarzwald abzeichnet, sehe ich vor meinem inneren Auge arabische Schriftzeichen, türkische Sesamkringel, Minarette, Wasserpfeifen, Eselskarren und bunte Basare, wie ich sie von meinen Aufenthalten in der Türkei und in Ägypten kenne. Jetzt in der Mittagssonne ist es fast so heiß wie an einem warmen ägyptischen Frühlingstag, nur der Fahrtwind streichelt kühl mein Gesicht. Ich bin gespannt, was mich erwartet.

Von außen unscheinbares Moscheegebäude

Die Bugginger Moschee steht im Ortsteil Kaliwerk auf dem ehemaligen Industriegelände und damit außerhalb des Ortes. Ich fahre an einer stillgelegten Tankstelle und einem Bowlingclub vorbei, zu meiner rechten erhebt sich der Kaliberg und schimmert mattgrau im Mittagslicht. Die Straße mündet auf einen großen Kiesparkplatz. Ich halte an und schaue mich um, suche nach einem Minarett, doch stattdessen erblicke ich nur eine Kuppel, die der bekannte liegende Halbmond ziert. Ich stehe also vor der Moschee. Für 12 Uhr habe ich mich mit Ahmed Tugran, dem Imam der Moschee, verabredet.

Mein Blick wandert an der Fassade hoch. Wäre da nicht die Kuppel, dann könnte es auch ein ganz normales Wohnhaus sein. 1995 war mit dem Bau der Moschee begonnen worden. Zuerst wurden die Räume im Untergeschoss fertiggestellt, in den folgenden sechs Jahren das restliche Gebäude. 2002 fand die Einweihung statt. Das wusste ich noch aus einer Notiz in unserem Mitteilungsblatt.

Über dem Eingang wehen eine türkische und eine weitere Fahne in einem helleren Rot mit einer Aufschrift, die ich nicht lesen kann. "Des isch die Fahne vom Türkisch-Islamische Kulturverein", erklärt mir eine Stimme. Sie gehört Herrn Tugran, der unterdessen neben mich getreten ist. Herr Tugran ist wohl Anfang vierzig, trägt ein weißes Hemd und eine hellgraue Hose und spricht Deutsch mit alemannischem Akzent. Er ist mir gleich sympathisch. "Normalerweise hängt hier auch noch die deutsche Fahne, aber die hatte einen Riss und ist gerade bei der Näherin." Dann bittet er mich in sein Büro im Untergeschoss.

Mokkatrinken mit dem Imam

Mann hinter SchreibtischQuelle: © Melanie Kunz

Wir trinken einen starken Mokka und Herr Tugran berichtet von seiner Arbeit. "Ich komme jeden Tag mindestens einmal in die Moschee, manchmal sogar zweimal, und erledige alles, was ansteht." Heute wird er beim Freitagsgebet um 14.30 Uhr, dem wichtigsten Gebet der Woche, nicht anwesend sein können. Er hat Spätschicht in seiner Firma in Neuenburg. "Mit der Arbeit in der Firma und in der Moschee bleibt manchmal nicht mehr viel Zeit für die Familie." Zum Freitagsgebet kommen bis zu 200 Leute, zum letzten Gebet im Ramadan manchmal sogar bis zu 600. Das Einzugsgebiet der Bugginger Moschee reicht von Freiburg bis Lörrach, sie ist damit eine der größten in ganz Baden-Württemberg. "Da wird der Platz manchmal schon knapp." Viele Gläubige, die nicht regelmäßig zum Gebet nach Buggingen kommen können, richten sich nach den Gebetszeiten, die die Moschee für die gesamte Gegend errechnet.

Der Mokka ist schwarz, heiß und süß und ich fühle mich in Herrn Tugrans Büro schon fast zu Hause. Ich sehe mich um. An der Wand steht ein Regal mit Aktenordnern, die meisten sind auf Türkisch beschriftet. "Behörden" steht auf einem, "Ausländeramt" auf einem anderen. Herr Tugran ist meinem Blick gefolgt und lacht: "Ja, auch so etwas gehört zu meiner Arbeit. Wenn Leute Probleme mit Behörden haben oder erst frisch in Deutschland sind und die Sprache noch nicht gut sprechen, dann helfen wir weiter." Das Telefon klingelt, Herr Tugran spricht aufgeregt Türkisch in die Leitung, hin und wieder verstehe ich "Alham-de-liläh", ein viel gebrauchter arabischer Ausdruck für "Gott sei Dank". "Die meisten Mitglieder in unserem Verein sind Türken", erklärt mir Herr Tugran anschließend. Es gibt nur einige wenige aus den arabischsprachigen islamischen Ländern. Er selbst stammt aus Anatolien.

Kicker, Küche und Hochzeitssaal

KickertischQuelle: © Melanie Kunz

Wir beginnen unseren Rundgang im Untergeschoss. Neben dem Büro befindet sich ein großer Aufenthaltsraum mit einem Kicker, einer Dartscheibe und mehreren Billardtischen, sowie einer Küchenzeile. "Hier wird oft bis spät gefeiert. Manchmal vermieten wir den Raum auch für Hochzeiten. Aber meistens kommen zu einer Hochzeit so viele Gäste, dass der Platz nicht ausreicht. Dann mieten die Familien lieber gleich die Bugginger Festhalle." Um diese Uhrzeit ist der Aufenthaltsraum fast leer. Nur drei ältere Herren sitzen bei einer Zigarette beieinander. Nebenan läuft der Fernseher. Auch hier zwei ältere Herren. "Das ist unser Gemeinschaftsraum, ein Nichtraucherraum, hier ist es meistens ein wenig ruhiger."

Moscheeführungen für Schüler und Polizisten

Dieser Raum wird auch genutzt, um Gäste in der Moschee zu empfangen und zu bewirten. Denn das ist häufig der Fall. Die muslimische Gemeinde in Buggingen nimmt jedes Jahr am Friedensgebet der Religionen teil, zu dem Christen, Juden und Muslime aus der ganzen Umgebung zusammenkommen. Außerdem gibt es Führungen für Gruppen und Schulklassen mit anschließender Einladung zu Gebäck, Tee und Sesamkringeln. Im Oktober jeden Jahres findet ein Tag der offenen Moschee statt.

Seit letztem Jahr arbeitet die Moschee sogar mit der Polizeiakademie in Freiburg zusammen, die Seminare anbietet, um die Polizisten über den Islam aufzuklären und der muslimischen Gemeinde Ansprechpartner bei der Polizei zu vermitteln. Derartige Treffen enden stets mit einem gemeinsamen Essen im Gemeinschaftsraum. "Solche Aktionen sind wichtig, damit die Leute uns kennen lernen", sagt Herr Tugran, "aber manchmal ist es auch schwierig für uns. Viele kommen und fragen nur, warum unsere Frauen einen Schleier tragen und zu Hause bleiben müssen."

Gemüse im LadenQuelle: © Melanie Kunz

Wir gehen weiter. Das Untergeschoss der Moschee ist fast wie eine kleine türkisch-arabische Welt für sich. Es gibt nämlich noch ein kleines Friseurstübchen und einen Lebensmittelladen, der türkische und arabische Köstlichkeiten, sowie frisches Obst und Gemüse anbietet. Heute ist "Cola Turka" im Angebot: "Drei Litiresi für 2,50 Euro". Leider sind beide Geschäfte um diese Uhrzeit noch geschlossen.

Beeindruckender Gebetssaal

Bevor wir ein Stockwerk höher gehen und die Moschee besichtigen, zeigt mir Herr Tugran noch den Vorraum für die rituellen Waschungen vor dem Gebet: auf Kniehöhe sind sechs Waschbecken angebracht, vor denen jeweils ein Hocker steht. Auch hier ist jetzt noch niemand. "Die meisten kommen erst kurz vor
dem Gebet, dann stehen sie manchmal sogar Schlange."

Leuchter von untenQuelle: © Melanie Kunz

Oben ziehen wir unsere Schuhe aus. Ich lege mir meinen Schal um den Kopf, wofür mich Herr Tugran dankbar ansieht, dann betreten wir die Moschee. Der weiche Teppich schluckt unsere Schritte und unsere Stimmen. Ich bin beeindruckt. Vor mir erstreckt sich ein ca. 200 qm großer Raum, in den sich durch die Fenster einige Sonnenstrahlen stehlen und die blau-roten Farben und Muster des Teppichs erst hervorzaubern. Herr Tugran betätigt den Lichtschalter und der große Leuchter in der Kuppel glitzert plötzlich in Form von unzähligen Kristallen von der Decke.

Die Parzellen im Muster des Teppichs zeigen alle in Richtung der Wandnische, in Richtung Mekka. Das ist die Richtung, der sich die Muslime im Gebet zuwenden. Herr Tugran zeigt mir den Koran, der auf der Kanzel bereit liegt. "Der wird heute zum Gebet gebraucht. Mich wird nachher ein Kollege vertreten."

Der Muezzin wohnt im Haus

arabische KalligraphieQuelle: © Melanie Kunz

An der Wand sind Ornamente und Koranverse, sowie die Namen der Kalifen kunstvoll aufgemalt. "Ali" entziffere ich mühsam und ernte dafür einen bewundernden Blick. Für die Gestaltung der Moschee, erzählt Herr Tugran, seien eigens Künstler aus der Türkei angereist. Die Wände sind mit bunten Kachelornamenten bedeckt. Im rückwärtigen Teil steht ein Mikrofon für den Muezzin, der zum Gebet ruft. Er wohnt hier im Haus. Im Obergeschoss gibt es drei Wohnungen, wovon eine dem Muezzin gehört, die anderen beiden bilden den Gästetrakt.

Der Frauenbereich befindet sich erhöht auf einer Galerie, die durch einen halbhohen transparenten Vorhang abgetrennt ist. "Bei uns stehen die Frauen sogar höher als wir und sie haben die bessere Aussicht", schmunzelt Herr Tugran. Er lässt mich meine Fotos machen und verabschiedet sich, um noch einige Dinge im Büro zu erledigen.

Einladung in den Garten

Als ich vor die Moschee trete und nach meinen Schuhen angle, werde ich jedoch schon wieder erwartet. Zwei Herren stehen neugierig und ein wenig unschlüssig am Eingang und warten offensichtlich darauf, zu erfahren, was ich denn hier treibe. Als ich ihnen erzähle, dass ich Fotos für einen Wettbewerb des Bundesinnenministeriums zum Thema "Muslime in Deutschland" schieße, scheinen sie so erfreut und stolz, als würden sie selbst teilnehmen. In einfachem Deutsch mit ebenfalls alemannischem Einschlag bedeuten sie mir, mitzukommen.

Ich werde um das Haus herum in den Garten geführt. Hier stehen ein kleines Gartenhäuschen, ein Grill und ein Pavillon; ein gemütlicher Aufenthaltsort für warme Sommerabende. Ich gehe zum Pavillon und betrachte den Brunnen in der Mitte, worauf die beiden eine rege Geschäftigkeit entwickeln und mit Gartenschlauch und Gießkanne hantieren. Sie wollen mir den Brunnen zeigen und versuchen, ihn mit vereinten Kräften in Gang zu setzen. Endlich plätschert der erste Strahl. "Lauft mit Rägewasser", erklärt mir der Jüngere der beiden stolz, während der andere nachdrücklich nickt und mich glücklich anlächelt. Ich mache natürlich ein Foto.

Inzwischen ist es schon halb zwei geworden, so langsam wird es voller auf dem Gelände der Moschee. In einer Stunde beginnt das Freitagsgebet. Ich möchte meine Gastgeber nicht länger aufhalten und verabschiede mich, nicht ohne zu versprechen, bald wieder einmal vorbei zu schauen, inschah'allah (so Gott will).

Kennen die Menschen in Buggingen wohl diese Moschee?

Dann sitze ich auch schon wieder auf dem Fahrrad und radle nach Hause, wach vom Mokka und den Kopf voller neuer Eindrücke. Eine richtig große Moschee in dem kleinen Ort Buggingen, wer hätte das gedacht? Ich stelle fest, dass wie so oft vieles anders ist und doch erstaunlich gleich: Die muslimische Gemeinde kümmert sich um die Belange ihrer Mitglieder, trifft sich zum geselligen Beisammensein, zum gemeinsamen Feiern und zum Beten. Eine Gemeinschaft, deren Zentrum nur eben keine Kirche, sondern eine Moschee bildet. Und jeder ist herzlich willkommen, sie kennen zu lernen.

Damals in Buggingen hat offensichtlich niemand gegen den Bau einer Moschee protestiert. Wie viele der knapp 3.800 Einwohner wohl überhaupt wissen, dass es sie gibt? Wer weiß, ob nicht auch die Proteste in Berlin oder Köln leiser wären, wenn die Menschen sehen würden, wie die meisten Muslime in Deutschland wirklich leben? Vielleicht würden sie dann erkennen, wie bereichernd eine Moschee für ihr Viertel und damit vielleicht auch für sie selbst sein kann.

Melanie Kunz, 2007.

Melanie Kunz hat mit diesem Artikel am Studierenden-Wettbewerb des Bundesministeriums des Inneren 2007 zum Thema „Muslime in Deutschland – deutsche Muslime“ teilgenommen.

Zusatzinformationen

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