DIK - Deutsche Islam Konferenz - Aleviten: Dedes

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Der Geistliche im Alevitentum: Der Dede

Der Dede ist einer der wichtigsten religiösen Oberhäupter der alevitischen Gemeinde. Wörtlich übersetzt bedeutet Dede "Großvater". Jeder Dede tritt die Nachfolge seines Vaters an, der ebenfalls Dede war. Später gibt der Dede nach dem Beispiel seines Vaters sein Amt an seinen ältesten Sohn wieder ab.

Zu den Aufgaben eines Dedes zählt die Leitung der Cem, der religiösen Zeremonie. In dieser gemeinsamen Zeremonie sitzt der Dede auf einem kleinen Schemel und ihm zu Füßen die Gemeinde. Männer sitzen gemeinsam mit Frauen, die keine Kopfbedeckungen tragen müssen. Diese Form des Gottesdienstes ist ein wesentlicher Unterschied zu sunnitischen und schiitischen Ritualen. Neben dem Dede wird auch seiner Ehefrau, der Ana ("Großmutter") die Hand geküsst. Es ist vorstellbar, dass sie ihren Mann vertritt, wenn dieser verstirbt und der Sohn noch zu jung zum Ausüben des Amtes ist.

Der Dede: Schlichter und Rechtsprecher

Dem Dede obliegen darüber hinaus sämtliche Belange, die die Gemeinschaft über die religiösen Zeremonien hinaus betrifft. Er schlichtet Streit, spricht Recht und kümmert sich um "seine" Familien. Er sammelt, wenn es sein muss, Geld für in Not geratene Haushalte und er ist Seelsorger für jedes Kind, jeden Jugendlichen und jeden Erwachsenen, der um Hilfe bittet. Allerdings besitzt der Dede keine explizite Machtfunktion, so ist er nicht legitimiert zu strafen. Seine Durchsetzungsfähigkeit hängt im Wesentlichen von seiner Ausstrahlung und natürlichen Autorität ab, doch ist er nicht angsteinflößend - im Gegenteil, die Bezeichnung "väterlicher Freund" trifft seine Rolle. Das Vorbild ist dabei für jeden Dede der eigene Vater, der ihn angeleitet hat.

Das wichtigste Buch ist der Mensch

Eine hohe Bildungsaspiration ist ein wesentliches Merkmal der alevitischen Erziehung. Lebenslanges Lernen und Weitergabe von Wissen gehört üblicherweise zu den Aufgaben, die jeder Alevit und jede Alevitin beherzigen muss. Der Dede macht es in der Gemeinde vor.

Er kommt aufgrund seiner Position herum, kann lesen und schreiben und verfasst einen buyruk (Familienbuch), oder schreibt ihn weiter. Zwar ist die Bezugsreligion der Aleviten der Islam mit seinem Koran, den der Dede gelesen hat und kennt, aber nicht wörtlich, sondern im übertragenen Sinne ausgelegt. Haci Bektasch Veli predigte schon "Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch". Das Geflecht der alevitischen Glaubensinhalte wird auf diese Weise in der mündlichen Tradition, in Form von Liedern, Gedichten und Erzählungen, weitergegeben. Der Dede, der über dieses geheime Wissen verfügt, hält es in seinem buyruk, dem Familienbuch fest.

Der Dede auf dem Weg in die Moderne

Durch die Abwanderung der Aleviten in die Städte sowie durch Unterbrechungen des Dede-Amtes, weil Söhne zum Studium oder zur Arbeit geschickt werden und nicht zurückkehren, sind viele dieser buyruk verloren gegangen. Doch Wissenschaftlern wie der Ethnologin Krisztina Kehl-Bodrogi ist es gelungen, solche Dokumente in Anatolien aufzuspüren.

Es obliegt dem Einfluss der Dedes, in der Moderne Fuß zu fassen und sich des einzigen Dogmas der Religion zu entledigen: der takiya, der Philosophie des Geheimen. Denn auch das ist Realität: die Moderne mit ihrem eigenen System in Form von Gesetzten beschneidet den Dede in fast allen seinen sozialen Funktionen. So bleibt ihnen in der Diaspora nur noch die Aufgabe des Hütens von religiösem Wissen. Denn wo vorher anatolische Dorfgemeinschaften ohne politische und rechtliche Ordnungssysteme lebten und deshalb ein eigenes System des Zusammenlebens organisierten, sind im Laufe der Jahrhunderte alevitische Bräuche Stück für Stück durch rechtstaatliche Ordnungen verdrängt worden.

Standesamt und Cemhaus?

Die offizielle türkische Staatsräson einer Nation und einer Identität, die für alle die gleiche Sprache und Religion beinhaltet, führte gemeinsam mit der Binnen- und Arbeitsmigration ins Ausland zeitweise zu einer Zersplitterung des Wissens. Das zusätzliche Verbot der Orden teilte oder löste Gemeinden gar auf.

Die neue Heimat der Aleviten in Deutschland führte zu einer Neustrukturierung, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Zahl der alevitischen Vereine wächst beträchtlich und die Klingelschilder zeugen von einer Renaissance eines neuen Glaubensbewusstseins statt Abschottung. Dieses ist nicht zuletzt den Dedes zu verdanken, die den Anschluss an die Moderne zu knüpfen versuchen, gemeinsam mit einer Generation die vieles von dem, was der Dede erzählt, nicht selber überliefert bekommen hat.Es liegt an den Bedürfnissen dieser Generation, ob sie wesentliche Entscheidungen ihres Lebens zusätzlich in die Hände eines Geistlichen legen wollen, so wie gläubige Christen es auch tun, oder ob sie es dem Standesbeamten, Bestatter, Lehrer, Richter und Psychotherapeuten überlassen wissen möchten. Denn nichts anderes ist der Dede.

Mely Kiyak, 21.12.2009

Mely Kiyak ist freie Journalistin, Autorin und Alevitin.

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