DIK - Deutsche Islam Konferenz - Alltag eines Imams

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Ein Tag mit einem Hamburger Imam

Der Imam der Mescid-i Aksa Moschee in Hamburg-Horn ist ein stattlicher Mann. Seine 47 Jahre sieht man Kaya Düzenli, der aus dem türkischen Samsun stammt, verheiratet ist und drei Kinder hat, nicht an. Warum er Imam geworden ist? Die Antwort auf diese Frage scheint ihm ganz selbstverständlich: Weil ihn schon als Kind der Islam interessiert hat. Nachdem er in Samsun bereits ein islamisches Gymnasium für angehende Imame und Prediger (imam hatip lisesi) besucht hat, entscheidet sich Kaya Düzenli nach der Schule zum Studium der Islamwissenschaften, um später Imam zu werden. Drei Jahre ist er Imam in seiner Heimatprovinz Samsun; dabei jedoch soll es nicht bleiben.

Zweimal als Imam nach Deutschland

Für Imame der DITIB ist es ein Privileg, einer Moschee außerhalb der Türkei vorzustehen. Da Kaya Düzenli bereits Vorkenntnisse der deutschen Sprache hatte, wollte er nach Deutschland. Nach dem Ablegen verschiedener schriftlicher und mündlicher Prüfungen im Religionsministerium durfte er 1993 seinen Dienst in Deutschland aufnehmen. In einer DITIB-Moschee in Dortmund stand er dem Gebetshaus und der Gemeinde bis 1999 vor. Damals durften Imame für die Dauer von sechs Jahren in Deutschland bleiben. Heute ist die Zeit auf vier Jahre verkürzt. Nach Ablauf der ersten sechs Jahre kehrt Düzenli in die Türkei zurück. 2006 wird er von der DITIB dann das zweite Mal nach Deutschland entsandt, dieses Mal nach Hamburg. Er lebt allein in Hamburg. Seine Kinder studieren und besuchen ihn in den Semesterferien. Seine Frau kommt ab und an mehrere Monate nach Deutschland; gemeinsam leben sie dann in der zur Moschee gehörigen Wohnung des Imams.

„Das ganze Leben ist eine Prüfung“

Ob im Sommer, wenn die Sonne früher aufgeht, oder im Winter, wenn das Morgengebet gegen 07:00 Uhr ist: Kaya Düzenli steht mindestens eine Stunde vorher auf. Nach einem kurzen Frühstück fängt sein Arbeitstag an. Er öffnet die Moschee, stellt die Heizung an und wartet auf die Gläubigen. Nach und nach kommen die Männer in die ehemalige Fabrikhalle, die heute den Gebetsraum der Gemeinde beherbergt. Bis zum Gebet liest er im Koran und unterhält sich mit den Gemeindemitgliedern. Wer nach dem Gebet nicht zur Arbeit muss und Zeit hat, mit dem trinkt "Kaya Hoca" noch ein Glas Tee. Anschließend steht seine eigene Weiterbildung auf dem Programm. Auch als Imam muss er sich ständig fortbilden, Fachbücher und Exegesen lesen und den Koran auswendig lernen.

Koranunterricht am Nachmittag

Später am Tag folgt das Mittagsgebet, eine Stunde danach das Nachmittagsgebet. Zwischen den Gebeten gibt Kaya Hoca Koranunterricht für Gemeindemitglieder. Zu seinen Schülern zählen etwa 50 Menschen im Alter von 30 bis 60 Jahren. Unter ihnen sind auch arbeitslose Männer, die, statt in den Kaffeehäusern zu sitzen, mehr über ihre Religion erfahren wollen. Wenn Kaya Düzenli ihnen von den Hadithen erzählt, also den außerkoranischen Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed (s.a.s.), bemüht er sich immer, sie anhand von anschaulichen Beispielen der heutigen Zeit zu erklären.

"Die Jugend muss gefördert werden"

Jeden Sonntag trifft sich Imam Kaya zwischen den Gebetszeiten mit Jugendlichen und spricht mit ihnen über den Islam, aber auch über alltägliche Themen. Besonderen Wert legt er darauf, dass sich das Verhältnis zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern verbessert. Jugendliche mit schlechten schulischen Leistungen erhalten unter der Woche Nachhilfeunterricht von älteren Schülern oder Studenten. Organisiert wird das von den Gemeindemitgliedern .

Seelsorger für Kranke und in Gefängnissen

Als Imam muss sich Kaya auch um diejenigen in der Gemeinde kümmern, die nicht in die Moschee kommen können. Kranke Menschen besucht er in ihrer Wohnung, fragt sie nach ihren Sorgen und Nöten. Auch Termine in Altenheimen und Seniorenresidenzen nimmt er wahr. Wie viele Imame, geht er an besonders wichtigen islamischen Feiertagen in Gefängnisse mit einem hohen Anteil türkischer Insassen, um ihnen auch psychisch zur Seite zu stehen. Außerdem hat er die Aufgabe, bei Hochzeiten, Beschneidungen oder Beerdigungen auf das angemessene Vollziehen der islamischen Rituale zu achten und die Gläubigen zu beraten.

Im Gespräch mit jungen Familien

Darüber hinaus kümmern sich die Imame verstärkt um junge Ehepaare. "Wir erkundigen uns, ob wir ihnen unter Umständen helfen können, wenn es Probleme gibt.", erklärt Imam Kaya. Auch Gewalt in der Familie ist ein Thema. "Manchmal kommt es vor, dass wir Hinweise von Gemeindemitgliedern bekommen. Dem gehen wir nach und versuchen helfend zur Seite zu stehen, Streit zu schlichten und Frieden zu stiften."

"Integration wird auch in den Moscheen gefördert"

Für das Gelingen von Integration ist es wichtig, dass Imame die deutsche Sprache beherrschen. Besonders wichtig ist dies auch für den Dialog zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen. Ob mit einer evangelischen oder katholischen Gemeinde: Der Austausch mit interessierten Gruppen ist rege und stetig. Am Tag der offenen Tür, alljährlich am 3. Oktober, können sich die Menschen in der Nachbarschaft über den Islam informieren. Intention dabei ist, ihnen die Angst vor dem Islam zu nehmen und Vorurteile abzubauen. Bei ökumenischen Feiern werden Friedensgebete innerhalb der verschiedenen Religionen gesprochen.

Während des Ramadan wird dieser Austausch noch intensiviert. Die religiösen Feiertage sollen genutzt werden, um gerade auch mit Nicht-Muslimen in den Dialog zu treten. Gegenseitige Hilfe und gute Nachbarschaft sind im Islam wichtig. "Die Muslime müssen auch einmal "Guten Tag" zu ihren Nachbarn sagen.", sagt Imam Kaya. "Wenn der Nachbar hungrig ist, wie kann man dann selber mit vollem Magen ins Bett gehen?" Immer wieder fordert Kaya Düzenli dazu auf, dass sich seine Gemeindemitglieder integrieren. "Nehmt an deutschen Hochzeiten teil, und auch an den Beerdigungen deutscher Nachbarn. Es gibt nichts Tugendhafteres, als einem Menschen in seinem traurigsten Moment zur Seite zu stehen und sein Beileid zu bekunden."

Erkan Arikan, 08.04.2010

Zur Person:
Erkan Arikan war Redaktionsleiter beim Interkulturellen Radioprogramm Funkhaus Europa des WDR Köln und arbeitet seit 2008 in der Redaktion von ARD Aktuell.

Zusatzinformationen

Personen im Gespräch in einer Moschee sitzend

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