DIK - Deutsche Islam Konferenz - Imame für Integration

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Abschluss des Projekts "Imame für Integration"

Imame leiten in deutschen Moscheegemeinden nicht nur religiöse Zeremonien wie das Freitagsgebet. "Religionsbeauftragte einer Moschee sind mehr als nur Vorbeter. Sie betreuen die Gemeinde seelsorgerisch und geben Hilfe und Orientierung in der Religionspraxis. Die gesellschaftliche Orientierung im Sinne einer Verortung ist darin ebenfalls wichtig." hebt Prof. Dr. İzzet Er, Vorstandsvorsitzender des DITIB-Bundesverband hervor.

Sie sind für viele Gemeindemitglieder ein wichtiges Vorbild und auch der erste Ansprechpartner für religiöse Fragen und alle Probleme rund um Familie, Beruf oder Gesundheit. Viele der in Deutschland tätigen Imame kommen aber aus der Türkei, wo sie aufgewachsen sind und ihr theologisches Studium sowie ihre praktische Berufsausbildung durchlaufen haben. Sie werden zwar mit einem Intensivkurs am Goethe-Institut Ankara auf ihre Tätigkeit vorbereitet, bevor sie für einige Jahre an eine Moscheegemeinde in Deutschland entsandt werden. Aber viele können zunächst kaum Deutsch und kennen natürlich auch die Strukturen vor Ort nicht.

Deshalb hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Kooperation mit dem Goethe-Institut und der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) das Projekt "Imame für Integration" entwickelt: Über drei Projektjahre hinweg hatten die Imame die Möglichkeit, einen Deutschunterricht zu besuchen und sich zusätzlich an zwölf Seminartagen mit Vertretern städtischer und kirchlicher Einrichtungen auszutauschen. Insgesamt einhundert Imame nahmen an diesen Kursen teil, die zunächst in Nürnberg und Köln, dann in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Karlsruhe und schließlich in Hannover und Hamburg stattfanden. Die Teilnehmer des letzten Kurses wurden im Dezember 2012 auf einer Abschlussveranstaltung im Hamburger Rathaus verabschiedet.

Mehr als nur ein Deutschkurs: Austausch mit Pfarrern, Lehrern, Politikern

"Die Gespräche über die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und der Türkei waren für alle eine Bereicherung und der  Austausch zwischen den Religionsbediensteten stieß auf großes Interesse, zumal hier offenbar sowohl auf der deutschen/christlichen Seite als auch auf der türkisch/islamischen Seite noch viel Unwissenheit herrscht", sagt die Stabsreferentin der Goethe-Institute in Deutschland, Karin Varga-Ranzinger, die das Projekt geleitet hat und die Evaluation schreibt. Eine Mitarbeiterin der evangelischen Diakonie habe sich zum Beispiel erstaunt darüber gezeigt, dass es im Islam weibliche Religionsbeauftragte gibt. Und es habe viele Imame gegeben, die im Laufe des Projekts erstmals eine christliche Kirche betreten haben. Charlotte Hermelink, die das Hamburger Goethe-Institut leitet, ist besonders zufrieden damit, wie flexibel sie den Kurs auf die Interessen der Imame zuschneiden konnte: "Es gab wegen der beruflichen Verpflichtungen der Imame freitags natürlich keinen Unterricht und wir konnten auch die Mittagsgebete im Stundenplan und bei den Ausflügen berücksichtigen. Das wurde von den Imamen wertschätzend angenommen." Besonders interessiert seien die Imame an Themen gewesen, die ganz konkret mit ihrer praktischen beruflichen Tätigkeit zu tun haben: "Weil sie den Arbeitsalltag von Pastoren kennenlernen wollten, haben wir Hospitationsplätze in Kirchengemeinden organisiert. Und weil sie in den Moscheegemeinden auch bei Schulschwierigkeiten, Arbeitslosigkeit, Drogenproblemen oder anderen Fragen beraten müssen, wurden Treffen mit Institutionen wie Caritas oder Pro Familia durchgeführt."

Imame als Integrationsmittler?

Samir El Rajab und Seyed Mohsen Alebatool, die beide am Hamburger Kurs teilnahmen, bestätigen die positive Einschätzung von Frau Hermelink: "Ich habe das Angebot gerne angenommen, weil ich in meiner Moschee häufig Anfragen auf Deutsch bekomme, die ich selbst beantworten möchte, und weil ich auch ab und zu Vorträge auf Deutsch halte", erzählt El Rajab. "Ich weiß jetzt, zu welchen Beratungseinrichtungen ich Moscheemitglieder schicken kann, die zum Beispiel psychische oder familiäre Probleme haben. Und ich kann selbst mit diesen Institutionen telefonieren." Auch Alebatool betont: "Die Atmosphäre im Kurs hat mir gut gefallen und die Lehrer waren sehr gut. Ich bin sehr froh darüber, dass ich in dem Kurs auch etwas über die Kultur und Politik Deutschlands erfahren konnte." Dr. Griesbeck, der Vizepräsident des BAMF, honorierte das Engagement der Religionsbediensteten bei der Abschlussveranstaltung und hofft: "Sie können Ihre Gemeindemitglieder noch besser beraten, weil neben dem religiösen Wissen nun auch ganz praktische Kenntnisse vorhanden sind. Sie wissen, wie das Schulsystem funktioniert, wie man es in Deutschland an ein Gymnasium oder an die Universität schafft, wer bei Familienproblemen weiterhelfen kann." Diese Hoffnung wird von den Teilnehmer bereits in die Realität umgesetzt. Ibahim Şentürk, Teilnehmer des Kölner Kurses vor drei Jahren, bringt das landeskundliche Wissen in die Gemeindearbeit ein:  "In den Predigten und auch in den Diskussionen vor und nach dem Freitagsgebet habe ich meine Erfahrungen aus dem Kurs an die Gemeinde weitergegeben. Ich habe sie etwa dazu aufgerufen, sich für ihre politischen Interessen einzusetzen und sich beispielsweise dafür stark zu machen, dass ihre Kinder eine gute Bildung bekommen und gute Schulabschlüsse machen.  So konnte auch die Gemeinde von dem Kurs profitieren."

Die DITIB hat inzwischen neue Ideen entwickelt, wie sie die Integration der Imame in Deutschland vorantreiben will: Um den Bedarf der deutschen Gemeinden an hier verankerten Imamen zu decken, möchte man auch Abiturienten für internationale Studiengänge der islamischen Theologie an türkischen Hochschulen gewinnen und diese dann langfristig wieder in Deutschland einsetzen. Darüber hinaus hat das Goethe-Institut in Kooperation mit der Robert Bosch-Stiftung ein Folgeprojekt entwickelt, das die Kompetenzen des – nicht selten ehrenamtlichen – religiösen Personals in muslimischen Gemeinden stärken soll, die dauerhaft in Deutschland leben.

Janna Degener, 08.02.2013

Janna Degener ist freie Journalistin und Dozentin in Köln.

Zusatzinformationen

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