DIK - Deutsche Islam Konferenz - Imamschule Berlin

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Die Imamschule in Berlin

Das Institut Buhara in Berlin bildet junge Muslime zu Imamen aus. Sechs Jahre dauert die Ausbildung an der Privatschule. Naima El Moussaoui sprach mit dem Vorsitzenden des Instituts, Yasar Erkan, über die Gründungsidee, die Rolle von Imamen in der heutigen Gesellschaft und die sufistische Ausrichtung der Schule.

Herr Erkan, als ich Sie für dieses Interview anrief, sagten Sie mir: "Wir haben nichts zu verstecken." Dabei hatte ich Ihnen noch gar keine Frage gestellt. Warum fühlen Sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, hinter Ihrer Bildungseinrichtung etwas zu verstecken?

Yasar Erkan: Seitdem wir unsere Schule errichtet haben, gibt es von Seiten vieler Medien nur noch die Frage: Was verbergen Sie vor uns? Was passiert hinter den Mauern der Schule? Wir haben nichts zu verbergen und wir versuchen diesem negativen Bild von Muslimen in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken. Deswegen haben wir kurz nach der Eröffnung der Schule im März 2009 auch alle Interessierten zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. Wir haben den Journalisten gesagt, "Sie können sich anschauen, was Sie wollen, wir machen hier nichts Verbotenes." Man muss innerhalb aller Religionen differenzieren. Schwarze Schafe gibt es in allen Religionsgemeinschaften, ganz gleich ob es sich um Christen, Juden oder Muslime handelt.

In Ihrer Eröffnungsrede am Tag der offenen Tür sagten Sie, dass Ihr Verein schon lange den Gedanken hegte, eine Schule für junge Muslime zu gründen. Das Institut Buhara ist ein Projekt des Vereins Semerkand, der die gleichnamige Moschee in Berlin betreibt. Was gab den Anstoß, dieses Schulprojekt schließlich zu realisieren?

Erkan: Wir waren uns erst nicht sicher. Deshalb hatten wir vor der Schuleröffnung schon angefangen, Seminare im kleinen Rahmen für Jugendliche über den Islam anzubieten. Dieses Seminarprogramm für zehn, zwanzig Jugendliche ging über mehrere Monate und war ein erfolgreicher Startversuch. Wir haben ein unglaublich großes Interesse von Seiten der Jugendlichen an der islamischen Lehre erlebt; viele haben uns daraufhin nach der Möglichkeit einer Imam-Ausbildung gefragt.

Im Anschluss haben wir islamische Vereine in ganz Deutschland gefragt, ob überhaupt Interesse an Imamen besteht und festgestellt, dass die Nachfrage nach Imamen sehr groß ist. Viele muslimische Gemeinden, islamische Kulturhäuser oder Moscheen in Deutschland kommen inzwischen auf unsere Einrichtung zu.

Ihre Einrichtung ist als "private Ergänzungsschule" anerkannt. Zu den Fächern zählen unter anderem Gesellschaftskunde, Deutsch, Türkisch, Arabisch, Koran- und Religionsunterricht. Die Ausbildung ist in ein jeweils dreijähriges Grund- und Hauptstudium aufgeteilt. Wie beschreiben Sie Ihr Ausbildungskonzept?

Erkan: Unser Konzept entspricht dem einer theologischen Universität. Mit anderen Worten: Unser Rahmenplan befindet sich auf der gleichen Ebene wie der einer Hochschule – aber in privater Trägerschaft. Da wir keine staatliche Förderung erhalten, sind wir von Spenden, Mitgliedsbeiträgen und vor allem von dem Schulgeld abhängig, das die Schüler entrichten. Die Schüler zahlen 4.000 Euro jährlich. Anders könnte sich die Schule momentan nicht finanzieren.

4.000 Euro pro Studienjahr ist viel Geld. Dennoch verlassen die Schüler bzw. Studenten Ihre Einrichtung ohne einen staatlich anerkannten Abschluss.

Erkan: Vielleicht gibt es irgendwann eine staatliche Prüfung für Imame in Deutschland. Doch als Imam muss man generell kein Abschlusszeugnis in der Hand haben. Viele Imame haben sich selbstständig die Fähigkeiten und das Wissen eines Imams angeeignet. Deswegen sind islamische Vereine auch bereit, Imame ohne universitäre Ausbildung einzustellen. Dennoch erhalten unsere Schüler ein richtiges Abschlusszeugnis mit Zertifikaten. Auch wenn sie später nicht das große Geld verdienen, kommen sie damit in der Regel gut aus und haben einen sicheren Arbeitsplatz.

Sie haben die Schule als Jungeninternat eingerichtet. Auch wenn das Vorbeten in Moscheen Männern vorbehalten ist, könnten Frauen mit einer solchen Ausbildung beispielsweise als Seelsorgerinnen und Beraterinnen speziell für Frauen und Familien in Moscheegemeinden arbeiten. Die DITIB beschäftigt beispielsweise weibliche Religionsgelehrte, wobei ihre Anzahl noch sehr gering ist. Warum bilden Sie an Ihrer Schule nicht auch Frauen aus?

Erkan: Bei dieser Frage muss man auf die Wortdefinition achten. Der Begriff "Imam" hat eine sehr vielfältige Bedeutung: Ein Imam kann ein Seelsorger, ein Vorbeter, ein Gelehrter, ein Lehrer und vieles mehr sein. Wenn man all dies unter Imam versteht, dann kann auch eine Frau Imam werden. Das Einzige, was ihr nicht gestattet ist, ist vorzubeten. Natürlich dürfen Frauen im Islam Religionsgelehrte werden. Wir haben in unserer Gemeinde beispielsweise zehn Koranlehrerinnen.

Unsere Schule ist für maximal 68 Schüler konzipiert. Mehr Schüler können wir momentan nicht aufnehmen. Bislang haben wir bei Mädchen noch kein großes Interesse an unserer Imam-Ausbildung festgestellt und wir haben auch keine Anfragen von weiblichen Jugendlichen erhalten. Wenn wir in Zukunft solche Nachfragen haben, werden wir uns auch darüber Gedanken machen, Mädchen als Religionsgelehrte auszubilden. Wir würden uns über ein größeres Interesse bei Mädchen freuen.

Die große Mehrheit der hierzulande tätigen Imame stammt aus der Türkei. Ihre Schüler sind hingegen hierzulande sozialisiert. Was für Imame brauchen die Moscheegemeinden in Deutschland und letzten Endes die gesamte Gesellschaft?

Erkan: Die Imame, die beispielsweise aus der Türkei kommen, aber auch aus anderen islamischen Ländern, kennen unsere Kultur hier in Deutschland nicht. Sie kennen die deutsche Gesellschaft, die deutsche Gesetzgebung und die deutsche Sprache nicht. In den ca. vier Jahren, in denen sie hier sind, können sie das alles nicht aufholen. Deshalb ist es für die hier lebenden muslimischen Jugendlichen schwierig, von ihnen etwas zu lernen. Unsere Absolventen können in Zukunft daher den Nachwuchs besser ausbilden und unseren Glauben besser vermitteln – auf Deutsch und auf Türkisch. Sie sind hier aufgewachsen, kennen diese Gesellschaft und die deutsche Sprache. Wir halten dies im Sinne der Integration für vorteilhaft.

Imame gelten inzwischen als Schlüsselfiguren der Integration. Es gibt Weiterbildungskurse und verschiedene Projekte für Imame. So beispielsweise die Projekte Berlin- und MünchenKompetenz, die Imame weitergebildet haben. Einige Bundesländer, zum Beispiel Niedersachsen, starten auch im universitären Bereich Initiativen zur Fort- und Ausbildung islamischer Geistlicher. ... Hier tut sich etwas. Was denken Sie, warum?

Erkan: Imame, Pfarrer oder Priester spielen eine immense Rolle in der Gesellschaft, auch wenn der Staat solche Aspekte immer erst sehr spät merkt oder erst dann, wenn etwas schief gelaufen ist. Wenn Eltern ein Kind gut erziehen, verhält sich das Kind in Zukunft entsprechend positiv. In muslimischen Gemeinden bildet der Imam eine Art Oberhaupt, das gesellschaftlich einen hohen Status hat. Und wenn der Imam gut ist, dann sind auch die Gemeindemitglieder gut, dann ist auch die Gesellschaft gut.

Die Semerkand-Moschee und der Trägerverein der Schule, das Institut Buhara, fühlen sich der Lehre des Sufismus verbunden. Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen Religionen?

Erkan: So wie im Christentum gibt es auch im Islam verschiedene Richtungen. Und unser Weg ist eben der Sufismus. Diesen Weg gehen wir und damit wollen wir versuchen, dass die Jugendlichen sich selbst finden und sich mit sich selbst beschäftigen. Bei uns gibt es eine Grundregel: Wer sich selbst nicht kennt, kennt auch sein Umfeld nicht. Man muss sich erst selbst finden. Wir wollten zeigen, dass wir zusammen leben können und wollen, auch wenn wir nicht den gleichen Glauben haben. In unseren Augen sind alle Menschen vor dem Schöpfer gleich, egal ob wir Juden, Christen oder Muslime sind. Wir wurden alle vom gleichen Schöpfer erschaffen.

Wie spiegelt sich der Sufismus in ihrem Lehrplan wider? Was geben Sie den Schülern in dieser Hinsicht weiter?

Erkan: Es gibt im Sufismus keine Anordnung, dass man dieses und jenes tun muss, Sufismus lebt und fühlt man. Wir versuchen von den Handlungen und Erfahrungen bestimmter Vorbilder auszugehen, wie vor allem von denen des Propheten Muhammad oder anderer Heiliger und Vorbilder wie Sheikh Naqschiband. Wie sie ihren Glauben gelebt haben, wie sie sich den Menschen gegenüber verhalten haben – all das geht in unsere Lehre ein.

Man könnte vielleicht sagen, dass Sufismus eine Art Belehrung der Seele ist. Wir glauben, dass der Mensch positive und negative Seiten hat. Die Seele strebt manchmal danach, etwas Negatives zu tun und gegen dieses Negative kämpfen wir an. Und wir versuchen so zu leben, wie unser Schöpfer es von uns erwartet: jeden so zu akzeptieren, wie er erschaffen wurde; einander respektvoll zu behandeln; nicht zu betrügen… Der Sufismus versucht eine seelische Verbindung vom Herzen zu unserem Erschaffer herzustellen. Wir sagen, dass alles im menschlichen Herzen liegt, alle Geheimnisse sind darin verborgen. Diese Lebensweise geben wir den Schülern weiter.


Naima El Moussaoui, 08.04.2010

Zur Person:
Naima El Moussaoui ist freie Journalistin. Sie engagiert sich für Dialogprojekte und arbeitet unter anderem für die Deutsche Welle und den Kölner Stadt-Anzeiger.

Zusatzinformationen

Personen im Gespräch in einer Moschee sitzend

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