DIK - Deutsche Islam Konferenz - Jugendimame

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Jugendprediger: Unkonventionell und konservativ

"Der Islam ist ganz leicht! Frag‘ ein fünfjähriges Kind, was der Islam ist, und es wird Dir antworten: "Der Glaube an Allah!" Anders als das Christentum mit seiner komplexen Lehre von der Trinität, heißt es in einer der zahlreichen Predigten im Internet, stehe der Islam für klare Antworten auf religiöse Fragen des Alltags.

Einfache, aber prägnante Botschaften – dies ist ein Grund für die Popularität, die islamische "Jugendprediger" unter muslimischen Jugendlichen genießen. Zum Beispiel in Berlin, wo junge Prediger in mehreren Moscheevereinen Anlaufstellen für religiöse Fragen von Jugendlichen sind.

Einfache Botschaften, charismatischer Auftritt

Diesen Ruf teilen die Berliner Prediger mit zahlreichen Jugendimamen, die sich seit einigen Jahren in verschiedenen deutschen Städten an Jugendliche und junge Erwachsene wenden. Zu ihren Vorträgen und Freitagsgebeten kommen mitunter mehrere hundert Zuhörer. Gehalten werden die Predigten und Unterrichtssitzungen meist in deutscher Sprache, entsprechend vielfältig ist das Publikum, das sich von den Veranstaltungen angesprochen fühlt. Im Unterschied zu traditionellen Moscheegemeinden, deren Angebote sich oft auf eine bestimmte ethnische Zielgruppe beschränken, wenden sich diese Imame an Migranten der zweiten und dritten Generation, für die die türkische oder arabische Sprache eine Hürde ist. Für sie ist der Islam Teil ihrer deutschen Identität – was sich auch in der Sprache niederschlägt, in der sie sich mit religiösen Themen beschäftigen. Den Islam erschließen sich diese Jugendlichen zunehmend in deutscher Sprache.

"Rückbesinnung auf den Islam"

Die Sprache ist allerdings nur ein Grund für den Zulauf, den solche Prediger gegenwärtig erleben. Ebenso wichtig ist die "Rückbesinnung auf den Islam", die unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland zu beobachten ist. Bei den Vorträgen und Seminaren, die am Wochenende oder in den Ferien organisiert werden, bemühen sich die Veranstalter auch um die Schaffung eines Gefühls von Gemeinschaft, der sich die Jugendlichen zugehörig fühlen können. Die Verbindung von religiöser Unterweisung und gemeinsamen Freizeitaktivitäten erleichtert dabei die Identifikation mit der neuen Gemeinschaft. So verspricht ein islamischer Jugendverein "pures Abenteuer", das man während der Sommerzeltlager, die vom Verein ausgerichtet werden, erleben kann.

Hier geht es nicht allein um Nachtwanderungen und Kletterpartien. "Natürlich gibt es noch viel mehr, was das Zeltlager zum Kult macht, ja zum wahren islamischen Lifestyle. Das eiskalte Quellwasser für das Wudu (das rituelle Waschen vor dem Gebet) und Duschen, das Beten unter freien Himmel", heißt es in der Einladung. Der Islam bildet den Rahmen der alltäglichen Aktivitäten.

Studien über die Einstellungen junger Muslime bestätigen diese neue Religiosität unter muslimischen Jugendlichen. So kommt eine Teil-Studie des Religionsmonitors, die 2009 von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht wurde, zu dem Schluss, dass gerade junge Muslime ihrer Religion eine besonderen Stellenwert zumessen. Während sich die religiöse Alltagspraxis im Vergleich zur älteren Generation zwar durchaus abschleife, nehme das Beachten von Tabus und das deutliche Bekenntnis zur muslimischen Identität zu. So sind z.B. mehr Jugendliche von der Wichtigkeit des fünfmaligen Gebetes überzeugt als muslimische Senioren, praktizieren es aber seltener als die ältere Generation. Auch Moscheen gewinnen wieder an Attraktivität, so haben 73 Prozent der befragten 18 – 29 jährigen Muslime im Jahr 2009 mindestens einmal an einem Gemeinschaftsgebet teilgenommen.

Neue islamische Jugendszene(n)

Die neue Religiosität ist keineswegs gleichbedeutend mit einer Rückkehr zum Islam der Eltern. Immer weniger Jugendliche sehen sich von traditionellen islamischen Verbänden vertreten. Dies schlägt sich in der Popularität von islamischen Jugendorganisationen nieder, die sich teils unabhängig von den traditionellen islamischen Vereinen in der Jugendarbeit mit Muslimen etabliert haben. Als Muslime, die sich selbst als "Muslim, jung und deutsch" definieren, suchen sie nach Antworten auf Fragen aus dem jugendlichen Alltag. "Importimame" aus der Türkei, die noch heute in vielen Moscheen für die religiöse Unterweisung und die Beratung bei persönlichen Problemen verantwortlich sind, stehen bei diesen Jugendlichen nicht in hohem Kurs.

Der Erfolg von Jugendimamen ist Ausdruck dieser Entwicklung. Als prominente Akteure in der islamischen Jugendszene arbeiten sie mit verschiedenen Vereinen und Online-Communities zusammen, in denen muslimische Jugendliche aktiv sind. Die Nähe der Prediger zum Publikum beschränkt sich dabei nicht auf stilistische Fragen wie einem jugendlichen Äußeren und den professionellen Auftritt im Internet. Bei Fragen zu einer glücklich-unglücklichen Liebe zu einem nicht-muslimischen Freund, zur Zulässigkeit einer Mitgliedschaft in einer Partei oder zur Vereinbarkeit von Energy-Drinks mit den Speiseregeln des Islam treten sie als Ansprechpartner auf, denen die Lebenswelt der Jugendlichen vertraut ist. Auch Kriminalität, Gewalt und Drogen sind für sie kein Tabu. Der Islam, so lautet ihre Botschaft, vermittelt Halt und Orientierung, um persönliche Konflikte zu meistern.

Die Offenheit für diese Themen ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einer Offenheit für moderne Lebensvorstellungen und unterschiedliche Denkweisen. Für Abwägungen von Interessen und persönliche Vorlieben ist hier häufig kein Platz. Als Verfechter eines Islam, der religiöse Unterschiede statt Gemeinsamkeiten mit der nicht-islamischen Umwelt herausstellt, geht es zumindest einem Teil der Jugendprediger nach Ansicht von Kritikern weniger um das gemeinschaftliche Zusammenleben als um die Festigung einer islamischen Identität, die eine Abgrenzung von Nicht-Muslimen befördere. Jugendlichkeit und moderner Auftritt schließen konservative Vorstellungen über Religion, Moral und Gesellschaft nicht aus. Auf Zuspruch stoßen sie dennoch – schließlich versprechen sie eindeutige Antworten auf Fragen, mit denen muslimische Jugendliche ansonsten oft allein bleiben.

Götz Nordbruch, 07.01.2010

Zur Person: Götz Nordbruch ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitet an der Süddänischen Universität in Odense. Er ist Mitbegründer des Berliner Vereins ufuq.de - Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft und Mitherausgeber des Newsletters Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen.

Zusatzinformationen

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