DIK - Deutsche Islam Konferenz - Moscheekonflikte als Lehrstücke

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Moscheekonflikte als Lehrstücke

Nachbarschaftskonflikt Moscheebau

Was unterscheidet Moscheekonflikte soziologisch gesehen von den üblichen Nachbarschaftskonflikten, die überall dort auszubrechen pflegen, wo in einem Wohngebiet größere Zweckbauten entstehen, die zuerst Baulärm und dann Verkehr, Parkplatznot und andere Erschwernisse nach sich ziehen? Dagegen wird meist das bekannte Sankt-Florians-Prinzip zur Geltung gebracht: Natürlich hat keiner etwas dagegen, dass ein Supermarkt oder eine Sporthalle gebaut wird, aber nicht ausgerechnet in der eigenen Nachbarschaft.(1) Von den Vorteilen großer Infrastrukturprojekte - einer Braunkohlengrube, Müllverbrennungsanlage oder ICE-Trasse - profitieren viele, die Nachteile (wie fallende Grundstückspreise und Gesundheitsschäden) müssen wenige tragen. Ihnen kann man Entschädigung zahlen oder womöglich den Neustart andernorts ermöglichen, und auf diese Weise werden auf den ersten Blick unteilbare Konflikte erträglich, teilbar und lösbar. Niemand wird von der "Moschee um die Ecke" so gravierende Nachteile erwarten wie von der Aufhebung eines Nachtflugverbots, aber auch und gerade religiöse Bauten sind vom Sankt-Florians-Prinzip betroffen.

Symbolischer Anerkennungskonflikt

Unlösbar erscheinen Streitigkeiten, bei denen es "ums Ganze" geht – um hehre Prinzipien und den Kern der Identität einer Gruppe. So halte es viele Zeitgenossen mit der Gretchenfrage Religion, selbst in so "durchsäkularisierten Gesellschaften" wie Deutschland, wo nur noch eine Minderheit intensiv gläubig ist und regelmäßig Gotteshäuser besucht. Das zeigt: Moscheekonflikte sind jenseits der Streitigkeiten um Lärm und Parkplätze und jenseits der konkreten Funktion von Sakralbauten hochbrisante symbolische Anerkennungskonflikte. Solche Konflikte – und das ist die ganze Crux religiöser Gefühle und Überzeugungen - scheinen unteilbar zu sein und damit unlösbar. Bei ihnen gilt nicht das "Mehr oder Weniger", das einer materiellen Entschädigung zugrunde liegt, sondern das "Entweder - Oder" einer unbeugsamen Überzeugung, die besonders aggressiv wird, wenn sie von dem Gefühl getragen wird, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Unteilbar scheinen Konflikte, wenn nicht nur ein Dissens in der Sache besteht, der in pluralistischen Gemeinwesen üblich und für die Entwicklungsfähigkeit moderner Gesellschaften von zentraler Bedeutung ist,(2) sondern wenn sich die Konfliktgegner nicht einmal über die Prozeduren der Streitschlichtung einig werden können, weil sie die gegnerische Position völlig ablehnen und am liebsten, bisweilen wortwörtlich: ausradiert sähen.

Verhandlungen zu religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit

Doch auch solche Konflikte werden teilbar, sobald sie ein Mehr oder Weniger erlauben, eine symbolische Umverteilung, an der womöglich beide Seiten gewinnen. Das galt in der Vergangenheit für christliche Sakralbauten: Ältere können sich noch an Beschwerden von Anrainern gegen donnerndes (oder ganz sachtes) Glockengeläut erinnern, bis der Gesetzgeber die Freiheit der Christenmenschen einschränkte, ihre Botschaft so lautstark zu verkünden, wie sie es gewohnt waren. Daran wurde deutlich: Dieses ist ein Land mit christlicher Tradition und Kultur, aber nicht alle schätzen ihre Ausdrucksformen und manche wollen religiös in Ruhe gelassen werden. Auch ein Kirchen- oder Synagogenkonflikt ist heute durchaus noch vorstellbar,(3) nur werden christliche Kultstätten kaum noch errichtet, sondern eher geschlossen und nur im Extremfall in eine Moschee umgewidmet. Die westfälische Landeskirche, die 2003 sechs Kirchen zu veräußern beabsichtigte, wollte diese nur jüdischen und christlichen Gemeinden anbieten, da die Konversion in eine Moschee bei aller Gleichursprünglichkeit von Abraham "emotional für beide Seiten zu belastend" sei. (4)

Integration durch Konflikt

Will man in dieser Poralisierung nicht verharren und ihren womöglich schlimmen Konsequenzen erliegen - auf Moscheen in den Niederlanden, Österreich und Deutschland wurden seit den neunziger Jahren zahlreiche Brandanschläge verübt -, so muss man sich bemühen, unteilbare in teilbare Konflikte zu verwandeln, also aus dem "Entweder - oder" ein "Mehr oder weniger" zu machen. Der geheime Sinn von Moscheekonflikten könnte folglich darin bestehen, dass sie unterm Strich zur gesellschaftlichen Integration beitragen, weil es einen prästabilisierten Konsens nicht gibt und die Konsensfiktion interreligiöser Dialoge nicht weit trägt.(5) Integration durch Konflikt - so lautet die schwierige Botschaft der Soziologie, für die interkulturelle Konflikte Normalität sind und interkulturelle Verhältnisse nicht erst mit der Einwanderung fremder Religionen beginnen. Jeder friedlich ausgetragene und glücklich ausgestandene Konflikt bringt die Gesellschaft weiter.

(1) Dazu Michael C. Thomsett, NIMBYism: Navigating the politics of local opposition. Arlington 2004.
(2) Diese konflikttheoretische Prämisse geht auf soziologische Klassiker wie Georg Simmel, Lewis A. Coser , Ralf Dahrendorf und Albert O. Hirschman zurück, vgl. als Überblick Thorsten Bonacker, Konflikttheorien. Eine sozialwissenschaftliche Einführung mit Quellen, Opladen 2005 und zur Ausführung Helmut Dubiel, Integration durch Konflikt? In: Jürgen Friedrichs/Wolfgang Jagodzinski, (Hrsg.). Soziale Integration. Sonderheft 39 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.
Opladen/Wiesbaden, S. 132-143. Axel Honneth, Der Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/Main 1998 sowie Klaus Eder, Zur Logik sozialer Kämpfe. In: Mitteilungen des Instituts für Sozialforschung, H. 13/2002, S. 51ff.
(3) Ähnlich umstritten wie das Moscheebauprojekt in München waren der Bau des dortigen jüdischen Gemeindezentrums und der katholischen Herz-Jesu-Kirche. Konflikte um Sakralbauten sind zunächst religionsunabhängig, wie die Architekten Rena Wandel-Höfer und Markus Allmann auf der Essener Konferenz „Sakralbauten und Moscheekonflikte“ im Mai 2008 dargelegt haben, vgl. den Bericht von Darius Zifonun in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2008, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2119. Zum Thema Sakralbauten Till Wöhler, Neue Architektur – Sakralbauten, Berlin 2005 und Phyllis Richardson, Neue sakrale Architektur: Kirchen und Synagogen, Tempel und Moscheen, Stuttgart 2004.
(4) tageszeitung, 16.7. 2003.
(5) Gritt Klinkhammer/Ayla Satilmis (Hg.) Interrelgiöser Dialog auf dem Prüfstand. Kriterien und Standards für die interkulturelle und interreligiöse Kommunikation, Münster 2008.

Zusatzinformationen

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