DIK - Deutsche Islam Konferenz - Moscheekonflikte als Lehrstücke

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Moscheekonflikte als Lehrstücke

Religionspluralismus als Gewinn

Schwierig ist diese Botschaft, weil sie den Beteiligten viel abverlangt. Muslime reklamieren Religionsfreiheit, dafür müssen sie in der Diaspora (und von dort aus in den Kernländern des Islam!) Säkularisierung und Religionspluralismus nicht nur hinnehmen, sondern lernen, dass sie einen Gewinn für die eigene (Glaubens-) Überzeugung bringen. Den nicht-muslimischen Anrainern gebührt Anerkennung, weil sie die ersten sind, die wirklich Toleranz üben müssen, indem sie etwas akzeptieren, mit dem sie offenbar nicht einverstanden sein können. Dafür stellen Moscheen oft einen (auch wirtschaftlichen) Stabilitätsfaktor für bedrohte Nachbarschaften dar, sofern sie sich ihnen nicht nur an Tagen der Offenen Tür öffnen. Moscheen sollten aber nicht mit einem bombastischen Integrationsauftrag überstrapaziert werden, zunächst sind sie Orte des Gebets von Muslimen, also Ausdruck einer (legitimen!) religiösen Parallelgesellschaft im christlich-säkularen Westen.

Zugleich sind Muslime angesichts der islamistischen Terroranschläge gut beraten, sich nicht nur rhetorisch von religiös motivierter Gewalt zu distanzieren ("Das hat mit dem Islam nichts zu tun!"), sondern eine kritische Selbstinspektion jener Elemente des Islam vorzunehmen, die ebenso einer Revision bedürfen wie Unvereinbarkeiten des Christen- und Judentums mit der Moderne: die Missachtung von Frauen und Homosexuellen, der Dogmatismus einer wörtlichen Textauslegung, das Beharren auf einer religiösen Monopolstellung, die Ablehnung von Meinungs- und Kunstfreiheit. Nur dann können Andersgläubige den Islam im Westen als eine spirituelle und kulturelle Bereicherung empfinden, die auch in die islamische Hemisphäre hineinwirken kann, und nur dann kann man die unheilige Allianz von islamischen Fundamentalisten und Islamophoben aufbrechen, die unisono behaupten, der Islam sei prinzipiell nicht reformierbar und nicht in westlich-säkulare Gesellschaften integrierbar.(1)

Kompromisse bei Form der Moscheen

Formen kommt hier eine große Bedeutung zu. Für den Moscheebau bedeutet das den freiwilligen Verzicht auf Triumphgebärde und Imponiergehabe. Um des lieben Friedens willen kann man die Höhe des Minaretts reduzieren, besser gesagt: Architektur und Baurecht ins Gegebene einpassen und politische Kompromisse schließen, indem man etwa auf den lautsprecherverstärkten Muezzinruf verzichtet. Das sind Beispiele für die Herbeiführung teilbarer Konflikte, in denen es nicht mehr ums "Ganze" geht, sondern um Meter, Dezibel und Anzahl der Parkplätze. Der Architektur kommt hier, wie das Beispiel des Islamischen Zentrums in Penzberg gezeigt hat, eine wichtige Rolle zu: Sie soll nicht allein Wohlgefühl bei den Bauherren auslösen, sondern zur Verständigung und Erneuerung der Gesellschaft beitragen.

Damit sich das "Alles oder nichts" eines religiös überladenen Territorialkonflikts tatsächlich in einen bescheidenen Gewinn für alle verwandelt, bedarf es dann auch neutraler Instanzen, die den inhaltlichen Dissens des "Glaubenskampfes" durch Formgebung zivilisieren. "Form geben" neben der Architektur das Recht, der politische Kompromiss und die interkulturelle Mediation. Derartige Vermittlung bewirkt Empathie für die andere Seite, indem sie die Übernahme des gegnerischen Standpunktes einübt und der Radikalität der eigenen Überzeugung die Spitze nimmt. Deutschland ist, wie ein Überblick über exemplarische Moscheekonflikte seit dem Jahr 2000 zeigt, ein Stück vorangekommen, kann aber sicher noch dazulernen.

Claus Leggewie, 11.05.2009.

Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik.

Gerade zu diesem Thema erschienen: Claus Leggewie / Bärbel Beinhauer-Köhler: Moscheen in Deutschland. Verlag C.H. Beck, 2009. Herbert Quandt-Stiftung zum Thema Moscheebau

(1) Konkrete Vorschläge macht der in Paris lebende Anthropologe Malek Chebel, Manifeste pour un islam des Lumières. 27 propositions pour réformer l’islam, Paris 2004.

Zusatzinformationen

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