DIK - Deutsche Islam Konferenz - Moscheebau: Empfehlung der DIK - Moscheekonflikte als Lehrstücke

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Moscheekonflikte als Lehrstücke

Ein Jahrzehnt verschärfter Moscheekonflikte liegt hinter uns. Nachdem die meisten der aktuell rund 2.600 Moscheen in Deutschland seit den siebziger Jahren ziemlich geräuschlos entstanden waren, regen sich heute fast überall, wo ein Moscheeverein bauen will (derzeit etwa 200 Fälle), Proteste von Anwohnern und populistischen Unternehmern, die aus der Angst vor dem Islam politisches Kapital schlagen wollen.(1) Die Politisierung der Nachbarschaftskonflikte lag vor allem daran, dass die Moscheen aus unscheinbaren und unansehnlichen Behelfsbauten in Hinterhöfen und Industriegebieten in zentrumsnahe und imposante Repräsentativbauten mit Kuppel und Minarett und von den kleinen und mittleren Gemeinden in die Großstädte gewandert sind, wo die lokale Aufregung nationale Medienresonanz bekommt. Vor allem im Kölner Moscheeprojekt haben die deutschen Ängste vor Überfremdung, Parallelgesellschaft und Terror eine Projektionsfläche gefunden.(2)

Moscheen demonstrieren muslimische Präsenz

Moscheen wirken wie "Schlagbilder" (Aby Warburg): Schlagartig symbolisieren sie eine Jahrzehnte lange Einwanderungsgeschichte – und deren Versäumnisse. Sie demonstrieren Präsenz und Selbstbewusstsein der muslimischen Immigration in Europa: Wir bauen, weil wir bleiben wollen. Damit geraten Selbstbilder der Mehrheit genau wie Fremdbilder der islamischen Minderheit in Bewegung, zur Debatte stehen der Standort der Muslime in der deutschen Gesellschaft und die Bedeutung, die ihnen die Mehrheitsgesellschaft einräumen will. Es geht also um die kulturelle Hegemonie oder "Leitkultur" in einer Gesellschaft, die auf Grund ihrer ethnischen und religiösen Vielfalt kein kulturelles Zentrum mehr für selbstverständlich und verbindlich erklären kann.

Gefühl der Bedrohung durch Moscheen

Manchen Einheimischen, die sich in ihrem Viertel nicht mehr heimisch fühlen erscheint der Bau einer Moschee wie eine "Landnahme", was durch eine unvorsichtige, bisweilen auch provokative Diktion muslimischer Bauherren unterstützt wird, die ihre Häuser zum Beispiel "Eroberer-Moschee" (Fatih-Camii) nennen.(3) Seit der Jahrhundertwende und "9/11" nimmt die Zahl derjenigen zu, die in Meinungsumfragen die Präsenz des Islam für eine Bedrohung ihrer Sicherheit halten; laut einer europaweiten Umfrage im Sommer 2007 äußerten sich so zwischen 20 und 40 Prozent der Befragten. Darin mischen sich medial aufgeblähte Ängste vor Terror mit einem "Herr im Hause"-Standpunkt und einer generellen Ablehnung von Fremden. Doch auf die islamische Präsenz reagieren nicht nur christliche Kulturkämpfer nervös, die sich einer unerwünschten Missionierung ausgesetzt sehen; pikiert ist auch der säkulare Teil der Gesellschaft, der angesichts dieser in Stein gehauenen Demonstration von Glaubensstärke eine Art Phantomschmerz über seine verblichene Glaubensfähigkeit verspürt. Hinzu kommt ein islamischkritischer Feminismus, dem sogar christliche Paschas frönen. Aus diesen heterogenen Quellen nährt sich eine politische Mobilisierung im "Bauch" der Gesellschaft, die andere Themen nicht entfernt erreichen – "der Islam" ist einer der größten Aufreger überhaupt.

Größte deutsche Moscheen in Duisburg und Mannheim

Aber gebaut werden die meisten Moscheen doch, auch energischer Straßenprotest verhindert das selten. Dass dieser Anspruch auch ganz unwidersprochen bleiben kann, belegt die reibungslose Eröffnung der beiden größten Moscheen Deutschlands, der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim (eröffnet 1995) und der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh. Letztere, Ende Oktober 2008 mit "großem Bahnhof" ihrer Bestimmung übergeben, gilt nun europaweit als Vorzeigemodell gelungener religiöser Integration. Der Bau kostete 7,7 Millionen Euro und wurde zur Hälfte aus NRW-Landes- und EU-Mitteln finanziert. Er bietet Platz für 1.500 Betende und eine Begegnungsstätte mit Islam-Bibliothek und -Archiv.

Moscheen müssen "ins Bild passen"

Wer eine Moschee bauen und unterhalten will, muss einen kühlen Kopf behalten und sich klar machen, dass damit weniger abstrakte Prinzipien - das Recht auf freie Religionsausübung und die Existenz einer multireligiösen Gesellschaft - verfochten als vielmehr reale Bauten errichtet werden sollen, das heißt: dass Religionsfreiheit eine konkrete Form bekommt. Artikel 4 des Grundgesetzes statuiert die Freiheit des Glaubens und gewährleistet ungestörte Religionsausübung, worauf die deutschen Muslime mit Nachdruck verweisen. Er besagt aber nicht, dass jeder überall alles bauen darf. Eine moderne, gesamteuropäisch angelegte Religionsverfassung, an der die Bürgergesellschaft derzeit ebenso arbeitet wie die Institutionen der Europäischen Union und ihre Staaten und Regionen, fordert vielmehr, dass jeder Bauherr einer Moschee, jede Stadt- und Gemeindeverwaltung, jeder Bürgermeister und jeder Anwohner als Gestalter eines urbanen oder dörflichen Ambientes auftritt - und somit stadtplanerisch wirkt. Eine Moschee muss im umfassenden Sinne "ins Bild passen".

DIK-Redaktion, 11.05.2009

(1) Einen Überblick über die internationale Szenerie gibt Jocelyne Cesari, Mosque Conflicts in European Cities: Introduction. In: Journal of Ethnic and Migration Studies, vol.31, no.6 (Nov.2005), S.1015ff. und weitere Beiträge in diesem Heft, ferner Marcel Maussen, Policy Discourses on Mosques in the Netherlands 1980–2002: Contested Constructions. In: Ethical Theory and Moral Practice, Volume 7, Number 2 / April 2004, S. 147ff. Vgl. allgemein auch Matthias König/Jean-Paul Willaime (Hg.), Religionskontroversen in Frankreich und Deutschland. Hamburg 2008. In der Schweiz hat die rechtskonservative Schweizer Volkspartei (SVP) im Mai 2007 ein generelles Bauverbot für Minarette gefordert und darüber eine Volksabstimmung vorbereitet. In Ost-London mobilisierte eine Internet-Petition knapp 300.000 Menschen zur Stellungnahme gegen eine "Mega-Moschee" der pakistanischen Moslem-Bewegung Tablighi Jamaat. Proteste gab es auch in Österreich, Südfrankreich, Spanien, Italien, Griechenland. Selbst in den USA ist der Bau von Moscheen schwieriger geworden, vgl. USA Today, 3.9. 2004.
(2) Der SPIEGEL-Titel "Mekka Deutschland" (13/2007) machte die vermeintliche "Islamisierung" Deutschlands zum Thema.
(3) Dass in Deutschland nach dem großen Vorbild in Istanbul rund fünfzig Moscheen Fatih-Moschee heißen, bezeichnet Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland - Information und Klärung. Freiburg 2002, S. 154 als "religionspolitische Instinktlosigkeit, wenn nicht sogar als bewusste Provokation".
(4) Economist 30.8.2007.

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