DIK - Deutsche Islam Konferenz - Interview mit Eser Polat Alevitische Gebetshäuser

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Ohne Kuppel und Minarett - Alevitische Gebetshäuser

Ein Interview mit Eser Polat, bis 2012 Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde in Deutschland e.V.

Was unterscheidet ein alevitisches Gebetshaus (Cem-Haus) von einer Moschee oder auch einer Kirche? Welche Bestandteile machen ein "Cem-Haus" aus?

Eser Polat: Bei dem Cem Haus handelt es sich zunächst – wie bei einer Kirche oder einer Moschee auch – um ein Sakralgebäude bzw. ein Gebetshaus. Es ist der Ort, an dem Alevitinnen und Aleviten zusammenkommen, um ihren Gottesdienst zu feiern.

Der wohl größte Unterschied zu einer Moschee ist – wenn man die gravierenden architektonischen Unterschiede, wie z.B. das Fehlen eines Minaretts ausblendet – die Tatsache, dass Männer und Frauen gleichberechtigt und miteinander, d.h. ohne räumliche Trennung die Cem Zeremonie, also den Gottesdienst feiern. Ein „Frauenabteil“ werden Sie bei uns also nicht finden.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass es in einem Cem Haus keine hierarchische Architektur in Form von Podesten, Kanzeln oder dergleichen wie in einer Kirche oder einer Moschee gibt. Geistliche und die Gläubige stehen bei uns auf gleicher Stufe.

Eser PolatEser Polat Quelle: privat

Der alevitische Glaube hat nicht nur eine theologische Komponente. Kunst, Kultur und Wissenschaft sind seit Jahrhunderten gleichwertiger Bestandteil des alevitischen Glaubens. Aus diesem Grund besteht ein Cem Haus nicht nur aus dem eigentlichen Sakralbereich, also jenem Saal in dem die Gottesdienste gefeiert werden, sondern aus einer ganzen Reihe von Räumlichkeiten, in denen Kunst, Kultur und auch Wissenschaft betrieben werden kann. In fast jedem Cem Haus gibt es daher Räume, in denen Musik- und Tanzkurse, Literaturabende oder aber auch Theateraufführungen stattfinden können. 

Gibt es Schwierigkeiten beim Bau neuer Cem-Häuser, z.B. mit der Nachbarschaft oder der Stadt? Plant die AABF neue größere Bauten?

Eser Polat: Schwierigkeiten mit Gemeindeverwaltungen oder Nachbarn sind uns bisher nicht bekannt. Der alevitische Glaube kennt keine nach außen demonstrierte Frömmigkeit in Form von Dogmen, starren Regeln oder schwer umzusetzenden Förmlichkeiten. Dies schlägt auch auf den Bau und den Betrieb von Cem Häusern durch. Cem Häuser bedürfen in ihrer Außenwirkung keiner besonderen Architektur. Weder eine Kuppel, noch ein Minarett sind notwendig. Es sind die inneren Werte die zählen, so auch bei einem Gebäude, dass als Cem Haus genutzt wird. Baurechtlich gibt es daher – bis auf die überall problematische Frage nach den Parkplätzen – wenig bis keine Probleme. Aufgrund des oftmals reichhaltigen Kunst- und Kulturprogramms, sind unsere Cem Häuser auch von der Nachbarschaft gut besucht. Neue, größere Projekte sind nicht geplant.

Viele Aleviten praktizieren als Teil Ihrer religiösen Praxis das gemeinsame "Cem-Ritual". Wie läuft eine solche Zusammenkunft normalerweise ab und was ist das Ziel dieser Treffen?

Eser Polat: Das wesentliche Ziel der Cem Zeremonien ist nicht das Ableisten einer religiösen Pflicht oder die spirituelle „Kontaktaufnahme“ zu Gott. Letzteres kann jeder Alevit und jede Alevitin auch alleine in den eigenen vier Wänden praktizieren. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Zusammenkunft der Gemeinschaft sowie die gemeinsame Erörterung und kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben unter Anwesenheit eines oder einer Geistlichen, den sog. Dedes und Anas.

Am Anfang einer jeden Zeremonie steht das sog. „Einvernehmen“. Der oder die Geistliche fragt, ob alle Anwesenden mit ihm oder ihr als Dede / Ana einverstanden sind und ob Personen zugegen sind, die miteinander im Streit liegen. Die Anwesenheit von zerstrittenen Personen am Gottesdienst ist nicht gestattet, so dass alle Anwesenden um eine Konfliktlösung bemüht sind. Wir bezeichnen dies als die Erteilung des Einvernehmens. Als Rechtsanwalt würde ich es gesellschaftsimmanente Mediation nennen.

Danach beginnt der religiöse Teil der Zeremonie, der den rituellen „Semah“ Tanz von Frauen und Männern ebenso beinhaltet, wie das Singen von jahrhundertealten Gebeten und Gedichten, die nichts weniger als das Glaubensfundament der Aleviten darstellen.

Alevitische Gottesdienste werden vermehrt auch in deutscher Sprache gefeiert. 

Beten Aleviten auch einzeln oder nur gemeinsam im Cem-Haus?

Eser Polat: Wie bereits erwähnt, zählt im alevitischen Glauben die innere Frömmigkeit und nicht eine nach außen präsentierte Religionspraxis. Religion ist für Aleviten eine Angelegenheit ihres Privatlebens. Daher ist eine säkulare und weltliche Staats- und Gesellschaftsordnung, wie wir sie in Deutschland haben für Aleviten der optimale Rahmen ihrer gesellschaftlichen Existenz. Aleviten beten daher auch einzeln. Dies zu jeder Zeit und an jedem Ort, den sie als Individuum für richtig erachten.

Nach dem großen Erdbeben im August 1999 in Istanbul wollte ich beten. Nachdem die Anzahl der Cem Häuser in der Türkei leider überschaubar ist und die Katholische Saint Antoine Kirche in meiner Nähe lag, habe ich mich zum Beten dorthin begeben und eine Kerze angezündet. Wir haben diesbezüglich keine Berührungsängste.  

Wie sieht der Gemeindealltag in einem Cem-Haus aus?

Eser Polat: Im Wesentlichen ist der Alltag vergleichbar mit dem in anderen Religionsgemeinden. Außerhalb der Cem Zeremonien – die in kleineren Gemeinden übrigens nur 4 bis 5 Mal pro Jahr stattfinden – treffen sich die Menschen, um das reichhaltige Kunst- und Kulturangebot zu nutzen, um an Kursen oder aber in einem friedlichen Rahmen an Diskussionen und Vorträgen teilzunehmen. Da unsere Gemeinden allesamt als eingetragene Vereine verfasst sind, fällt natürlich auch sehr viel klassische Vereinsarbeit, wie z.B. das Organisieren von Mitgliederversammlungen oder die Vereinsverwaltung an.   

Kann man Cem-Häuser besichtigen und wenn ja, was muss man dabei beachten?

Eser Polat: Unsere Cem Häuser sind während der Öffnungszeiten für alle Interessierten offen. Wir freuen uns stets über Freunde und Gäste sowie einen regen Austausch. Seien Sie aber nicht überrascht, wenn Sie Menschen begegnen, mit denen Sie sich durchaus auch religions- und glaubenskritisch über alle relevanten Fragen zwischen Diesseits und Jenseits unterhalten können.

Hierbei sind keine besonderen Regeln zu beachten, außer dass Sie im Herzen ein guter Mensch sein sollten, der alle Schöpfungen Gottes als gleichwertig, liebens- und erhaltenswert erachtet.

Die Fragen stellte Steffi Redmann, 02.06.2009.

Zur Person

Eser Polat (31 J.) ist Rechtsanwalt und Unternehmensberater in Nürnberg, war bis 2012 Rechtsvorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschlands sowie Finanzvorstand des europäischen Unternehmerverbandes "Alevi Business Network".

 

 

Zusatzinformationen

Fünf Personen auf dem Boden sitzend

Der Geistliche im Alevitentum: Der Dede

Die Aleviten beten nicht in einer Moschee, sondern in einem Cem-Haus und Ihr Geistlicher ist kein Imam, sondern ein Dede. Die alevitische Journalistin Mely Kiyak erläutert das Amt des alevitischen Geistlichen.

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