DIK - Deutsche Islam Konferenz - Alevitischer Religionsunterricht

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Gott, Muhammad und Ali:
Alevitischer Religionsunterricht in Deutschland

04.03.09

Yasemin* stellt sich viele Fragen: "Warum denkt meine Freundin Ayşe*, dass ich keine richtige Muslimin bin? Wie soll ich erklären, dass wir nicht im Ramadan fasten, nicht in die Moschee gehen, sondern andere religiöse Rituale und Bräuche haben, die uns viel bedeuten?". Seit 2008 gibt es nun Alevitischen Religionsunterricht als ordentliches Schulfach, der solche Fragen auffängt. Der Unterricht findet wie christlicher Religionsunterricht unter staatlicher Aufsicht, auf Deutsch und nach den Grundsätzen der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) statt.

Fragen nach religiöser Identität

Yasemin ist Alevitin. Sie betont das nicht so sehr, da sie sich auch als Muslimin betrachtet. Eigentlich hat sie erst in der Schule gemerkt, dass sie sich in mehreren Fragen von ihren türkischstämmigen Mitschülern, die überwiegend sunnitische Muslime sind, unterscheidet. "Warum betest Du nicht wie wir, warum trägst Du kein Kopftuch und kommst nie in die Moschee?" fragten die Mitschüler sie. Aussagen, wie "Du bist ja gar keine Muslimin!", haben sie verletzt, besonders weil sie nicht wusste, was sie antworten solle. Wie viele junge Aleviten hatte sie wenig Wissen über ihren eigenen Glauben. Mit ihren sunnitischen Freundinnen hat sie deshalb selten über das Thema gesprochen. Mittlerweile geht sie selbstbewusst mit diesen Fragen um und sucht selbstständig nach Antworten, in der Familie, bei Freunden oder Leuten, die sich mit so etwas auskennen. Einen Religionslehrer, wie ihre christlichen Mitschüler, konnte sie in ihrer Schulzeit nicht fragen. Einen alevitischen Religionsunterricht gab es nicht.

Mehr als 500 Schüler im Alevitischen Religionsunterricht

Seit den 90er Jahren bemühen sich Aleviten um die Einführung eines eigenen bekenntisorientierten Unterrichts an öffentlichen Schulen. Ein erster Schritt in diese Richtung war 1998 die Aufnahme alevitischer Themen in den "Religionsunterricht für alle" in Hamburg. In Berlin erhielten Schüler im Jahre 2002 zum ersten Mal einen eigenen alevitischen Religionsunterricht. In Berlin gilt, anders als in den meisten Bundesländern, die sogenannte Bremer Klausel des Grundgesetzes. Diese gestattet den Religionsgemeinschaften, in eigenständiger Verantwortung Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anzubieten. Im letzten Schuljahr nahmen über 200 Kinder an dem vom Kulturzentrum Anatolischer Aleviten angebotenen Unterricht teil. Baden-Württemberg begann 2006 mit einzelnen Schulversuchen.

Seit dem Schuljahr 2008/2009 findet nun erstmalig Alevitischer Religionsunterricht in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern statt. In Hessen wird der Unterricht 2009 beginnen. Dieser Unterricht ist anders als islamischer Religionsunterricht nicht als Schulversuch, sondern analog zum christlichen Religionsunterricht gemäß Grundgesetz Art. 7 Abs. 3 organisiert. In der Einschätzung aller vier Bundesländer erfüllt die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) die Voraussetzungen, um als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes an der Lehrplanerstellung und Auswahl der Lehrer mitzuwirken. Insgesamt erhalten laut Ismail Kaplan, dem Bildungsbeauftragten der AABF, im Schuljahr 2008/2009 etwa 530 Schüler Alevitischen Religionsunterricht.

Der Unterricht beginnt mit Versöhnung

Die zentralen Inhalte des Unterrichts legten Lehrplankommissionen in Nordrhein-Westfalen und Bayern, an denen Vertreter der AABF und der Schulministerien teilnahmen, gemeinsam fest. Den Schülern soll der Unterricht unter anderem den alevitischen Weg und seine zentralen Elemente vermitteln, sie in die Lage versetzen, mit anderen über ihre Religion zu sprechen und gleichzeitig Andersgläubige zu verstehen und zu respektieren.

Zu den spezifisch alevitischen Elementen des Unterrichts gehört zum Beispiel die besondere Beziehung zwischen Gott, dem Propheten Muhammad und dessen Schwiegersohn Ali. Auch die religiösen Riten, wie die religiöse Versammlung Cem, die Gesänge zum Saz, einem traditionellen Zupfinstrument, und der Reigentanz (Semah), spielen im Unterricht eine wichtige Rolle.

All das sollen die Kinder nicht nur hören, sondern auch durch eigene Erfahrung lernen. So beginnt beispielsweise der Unterricht mit einer Versöhnungsphase (rızalık), in der, wie bei einer Cem-Zusammenkunft, zunächst mögliche Streitigkeiten oder Probleme ausgeräumt werden. Die Kinder sitzen meist im Kreis, um sich gegenseitig anschauen zu können. Der Unterricht findet auf Deutsch statt. Nur einige zentrale alevitische Begriffe bleiben in der Ursprungssprache erhalten, wie zum Beispiel die Bezeichnung "Dede" für alevitische Geistliche oder "Cem", die religiöse Zusammenkunft.

Alevitische Lehrer und Schüler

Da es bisher keine universitäre Ausbildung für alevitische Religionslehrer gibt, übernehmen alevitische Lehrer, die bereits für andere Fächer im Schuldienst eingesetzt sind, den Religionsunterricht. Sie werden parallel zum Unterricht in Nordrhein-Westfalen durch das Schulministerium und die Alevitische Gemeinde fortgebildet. Der Unterricht, der grundsätzlich allen Konfessionen offen steht, kann an Schulen angeboten werden, in denen sich je nach Bundesland mindestens 8 oder 12 alevitische Schüler für eine Lerngruppe zusammenfinden.

Der Weg zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft

Die Alevitische Gemeinde hat sich seit Anfang der 90er Jahre um die Einführung eines alevitischen Religionsunterrichts bemüht. Nach Anträgen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg bildeten die vier Bundesländer eine Kommission und gaben zwei Gutachten in Auftrag, um die formalen Voraussetzungen auf Seiten der Alevitischen Gemeinde Deutschland zu prüfen. Dabei stand auch die unter vielen Aleviten durchaus unterschiedlich beantwortete Frage im Raum, ob das Alevitentum eine eigenständige Religion oder eine Strömung innerhalb des Islams sei.

Prof. Ursula Spuler-Stegemann kam in einem 2003 erstellten Gutachten zu dem Schluss, dass das Alevitentum am ehesten als "eigenständige [...] Religion mit besonderen Bezügen zum Islam" zu bezeichnen wäre. Entscheidend sei jedoch das Selbstverständnis der Aleviten, die sich größtenteils als eine Art Konfession innerhalb des Islams betrachten würden. Eine kultische Gemeinschaft und damit ein Religionsunterricht mit sunnitischen und schiitischen Muslimen sei aber aufgrund der großen Unterschiede in Lehre und Praxis nicht möglich. Sie kam, ebenso wie Prof. Stefan Muckel 2004, zu dem Schluss, dass die AABF eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz und damit Ansprechpartner für die Einrichtung Alevitischen Religionsunterrichts sei.

Die Alevitische Gemeinde will den Religionsunterricht nun ausweiten und hat bereits Anträge in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz gestellt.


Steffi Redmann

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden von der DIK-Redaktion geändert.

Zusatzinformationen

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