DIK - Deutsche Islam Konferenz - Bildungschancen

Navigation und Service

Eine Chance für gute Bildung

08.12.08

Muslimische Schüler haben in Deutschland schlechte Bildungschancen. Eine aktuelle PISA-Studie belegt, dass diese Situation nicht als selbstverständlich hingenommen werden muss. Die Autoren der Studie schlagen der Politik mehrere Möglichkeiten vor, Bildung gerechter zu gestalten. Doch nicht nur der Staat kann aktiv werden. Dies zeigt die Bürgerinitiative der "Deukischen Generation".

Laut einer PISA-Untersuchung schneiden Schüler mit Migrationshintergrund in Deutschland schlechter ab als der Durchschnitt. Besonders weit liegen sie im direkten Vergleich mit Kanada zurück: Vergleicht man die Leistungen eines deutschen Schülers mit Migrationshintergrund mit denen eines gleichaltrigen kanadischen Einwandererkindes, hat letzteres einen Wissensvorsprung von drei Schuljahren.

Die Kosten, nichts zu tun

Andreas Schleicher, Mitautor der PISA-Studie, warnt vor "den Kosten, nichts zu tun". Ein Staat, der wenig in gerechte Bildungspolitik investiere, könne kurzfristig zwar sparen, riskiere langfristig aber enorme Kosten.
Dabei steht Deutschland im Ländervergleich besonders schlecht da: 16% aller Migranten, die in Deutschland leben, aber hier nicht geboren wurden, sind arbeitslos. Nur die USA und Belgien schneiden noch schlechter ab. Schleicher fordert ein Umdenken: "Wir sollten Migranten nicht als Last sehen, sondern als Chance begreifen".
Entscheidend ist laut PISA-Studie, dass Schüler mit Migrationshintergrund stärker beim Deutsch Lernen unterstützt werden. Hilfreich wäre zudem, wenn Schulbücher mehr auf die Lebenswirklichkeit der Migranten eingingen. Auch Änderungen im Schulsystem könnten die Situation entscheidend verbessern. Die bestehende Trennung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium gehe zu Lasten der Migranten: Sie fördere das Aufkommen von "Problemschulen", an denen viele Migranten zusammen kommen. So geben die Schüler der zweiten Einwanderergeneration an, dass auf ihrer Schule mehr als ein Drittel Migranten seien. Allerdings ist dies nicht allein in Deutschland der Fall, sondern in der Hälfte aller Länder, die PISA untersucht hat.

Ungenutztes Potenzial

"Die Schüler, die am meisten Aufmerksamkeit bräuchten, bekommen die schlechteren Bildungschancen", sagt PISA-Autor Andreas Schleicher. Dabei seien Kinder, die erst nach ihrer Geburt nach Deutschland kommen, nach eigenen Aussagen interessiert an Mathematik - und zwar deutlich mehr, als Kinder aus nicht eingewanderten Familien. Sie spürten, dass das Fach eine Schlüsselqualifikation für die meisten Berufe ist. Ihre Lernbereitschaft bleibe allerdings ungenutzt, vorhandenes Potential gehe verloren.

Selbstbewusste dritte Generation

Nicht nur politische Reformen können die Chancen für Schüler mit Migrationshintergrund verbessern, auch private Initiativen sind gefragt. Der Verein "Deukische Generation" handelt bereits. Seine Mitglieder möchten türkischstämmige Jugendliche dazu bewegen, etwas aus ihrem Leben zu machen.
Aylin Selcuk war gerade 18 Jahre alt, als sie den Verein vor anderthalb Jahren gründete. Damals interviewte sie für eine Abitur-Aufgabe Hauptschüler türkischer Herkunft. Sie hörte genau zu und bekam einen Einblick in die oft schwierigen Familiensituationen, die oft von Perspektivlosigkeit geprägt waren.
Für Aylin waren diese Eindrücke der Anlass, die "Deukische Generation" zu gründen. Der Vereinsname vermischt die Wörter "deutsch" und "türkisch". Selbstbewusst gibt sich die dritte Einwanderergeneration einen eigenen Namen. Um die Zugehörigkeit zum Islam geht es dabei ausdrücklich nicht: "Bildungschancen haben nichts mit Religion zu tun", meint Aylin.

Die Eltern aufklären

Als "Eltern-Lotsen" engagiert sich die "Deukische Generation". Wir erklären türkischen Eltern, dass es überhaupt ein dreigliedriges Schulsystem gibt. Man muss seine Kinder nicht automatisch auf die Gesamtschule schicken. "Das wissen viele Eltern gar nicht!", empört sich der "Deuke" Taha Baskan und ergänzt damit die PISA-Analysen durch eine Erfahrung vor Ort.
Taha ist eines der Gründungsmitglieder des Vereins. Er studiert BWL und jobbt nebenbei in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Ein karrierebewusster Weg - für ihn keine Selbstverständlichkeit: "Für junge Türken ist der Gruppenzwang oft stark, mit anderen Türken rumzuhängen und nur Unsinn zu machen." Taha konnte sich dem entziehen: "Glück gehabt!", sagt er in der Rückschau.
So sollte es allen jungen Deutschtürken gehen, wünschen sich die "Deukischen". Sie versuchen, türkische Schüler für Messen zu begeistern, auf denen Sportvereine ihre Aktivitäten bewerben. Ganz gleich, ob es Fußball, Kitesurfing oder Marathon ist - alles, was den Gruppenzwang aufbricht und die Jugendlichen von der Straße holt, ist willkommen.

Sie können mehr als viele glauben

Zugleich wendet sich die "Deukische Generation" auch an die Öffentlichkeit. Die Vereinsmitglieder wollen richtig stellen, dass "Türken nicht gleich Kanaken mit Bomberjacken" sind, wie es Taha ausdrückt.
Gerade dreht die Gruppe einen TV-Spot gegen Vorurteile. Regelmäßig organisiert sie öffentliche Quizspiele, an denen Fünftklässler aus türkischen Familien teilnehmen. "Um allen zu zeigen, dass diese Kinder viel mehr können, als die meisten denken", sagt Aylin.
Wem man etwas zutraue, dem räume man Chancen ein - auch Bildungschancen, so die Hoffnung. Die Mitglieder der Deukischen Generation sind "Image-Politiker" in eigener Sache. Kann ihr Projekt gelingen - können sie ankommen gegen die Bildungsungerechtigkeit, die PISA für Deutschland feststellt? Aylin gibt sich kämpferisch: "Wir lassen uns nicht entmutigen, nur weil Politiker seit Jahrzehnten nichts getan haben!"

Thilo Guschas

Zum Thema: DIK-Empfehlungen Schulpraktische Fragen 2009

Zusatzinformationen

Drei Jugendliche lernen gemeinsam.

Bildung muslimischer Migranten

Erkenntnisse zu Bildung von Migranten aus muslimisch geprägten Herkunftsländern liefert die erste bundesweit repräsentative Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge "Muslimisches Leben in Deutschland".

Mehr: Bildung muslimischer Migranten …

Grabstein auf türkischem Friedhof in Berlin-Neukölln

Geschichte der Muslime in Deutschland

Die heutige Präsenz von Muslimen in Deutschland ist in erster Linie eine Folge der Arbeitsmigration der 1960er und 1970er Jahre. Aber einige Muslime lebten schon im 17. Jahrhundert hier - eine Spurensuche.

Mehr: Geschichte der Muslime in Deutschland …

Prof. Bülent Uçar vor einer Bücherwand

Professor Uçar bildet Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus

Erstmals werden an deutschen Universitäten Lehrer für den Islamischen Religionsunterricht ausgebildet. Zu den Pionieren zählt die Universität Osnabrück, an der Bülent Uçar als Professor für Islamische Religionspädagogik lehrt.

Mehr: Professor Uçar bildet Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus …

Literatur

Literaturtipps

Wenn Sie mehr über den Islam und Muslime in Deutschland erfahren möchten, finden Sie hier eine Bücherliste zum Thema.

Mehr: Literaturtipps …

Bunte Kopftücher liegen übereinander.

Koranische Basis des Kopftuchs

Besonders drei Textpassagen des Korans werden häufig zitiert, um das Tragen des Kopftuchs zu begründen. Diese werden in diesem Artikel kurz vorgestellt.

Mehr: Koranische Basis des Kopftuchs …