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Engagement muslimischer Eltern in Erlangen für islamischen Religionsunterricht

04.03.09

Muslimische Eltern in Erlangen wollten für ihre Kinder einen Religionsunterricht auf Deutsch. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium und der Universität Erlangen-Nürnberg haben sie einen Schulversuch "islamischer Religionsunterricht" auf die Beine gestellt, der mittlerweile Vorbildcharakter hat.

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Einführung von islamischem Religionsunterricht (IRU) an öffentlichen Schulen ist, dass eine Religionsgemeinschaft existieren muss, die als Ansprechpartner gegenüber dem Land fungiert, um unter anderem die Inhalte des Religionsunterrichts festzulegen.

Lokaler Ansprechpartner als Lösungsansatz

In Erlangen ist zur Überwindung dieses Problems eine pragmatische Lösung gefunden worden. Die Christlich-Islamische Arbeitsgemeinschaft, der Christen, Muslime und Vertreter der Universität Erlangen angehören, hatte es sich als Ziel gesetzt, Fragen von Muslimen zu erörtern. Die muslimischen Gesprächspartner, die meisten von ihnen selbst Eltern, äußerten den Wunsch nach einem islamischen Religionsunterricht an den Schulen ihrer Kinder. Eine Befragung, die die AG anstieß, ergab, dass Erlanger Eltern, Schüler und Lehrer einem Schulversuch islamischer Religionsunterricht grundsätzlich positiv gegenüberstanden.

Daraufhin wurde 1999 die Islamische Religionsgemeinschaft Erlangen gegründet. Das Besondere an dieser Religionsgemeinschaft ist, dass sie durch ihre Beschränkung auf Erlangen tatsächlich die Mehrheit der Muslime der Stadt vertritt, und vom Kultusministerium als Ansprechpartner anerkannt wird. Im gleichen Jahr beantragte die Islamische Religionsgemeinschaft Erlangen erfolgreich einen Schulversuch "islamischer Religionsunterricht".

Die Wahl für die Durchführung des Schulversuchs fiel auf die Erlanger Grundschule Brucker Lache. Engagierte muslimische Eltern der Grundschule baten 2003 alle muslimischen Eltern eine Petition zum Start des Schulversuchs zu unterzeichnen. 45 von 47 muslimischen Eltern unterschrieben. "Es hat schon einige Überzeugungsarbeit gekostet, dass alle Eltern für den Unterricht gestimmt haben," erinnert sich Elternvertreter Turan Demirhan.

Aus eigener Erfahrung plädierte Demirhan, der auch Mitglied der Christlich-Islamischen Arbeitsgemeinschaft ist, für islamischen Religionsunterricht an der Schule seiner Tochter. "Mit meinem Vater habe ich über Religion - und überhaupt zuhause - immer nur auf Türkisch gesprochen," erzählt er. "Deshalb hatte ich es nicht leicht, als ich in die deutsche Schule gekommen bin." Mit seinen Kindern spricht er zuhause Deutsch. "Deutsch ist das A und O," so der Familienvater.

Zusammenarbeit bei Lehrplanerstellung und Lehrerauswahl

Zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 startete somit islamischer Religionsunterricht an der Erlanger Grundschule in allen vier Klassenstufen – ein bekenntnisorientierter Unterricht auf Deutsch. Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus erstellte gemeinsam mit der Islamischen Religionsgemeinschaft Erlangen den Lehrplan für diesen Unterricht. "Inhaltlich ging es uns darum, dass die Kinder sich Grundwissen aneignen," so Demirhan. Kontroverse Themen wurden in den Inhalten des Unterrichts zunächst ausgeklammert. Die Lehrkräfte wurden ebenfalls gemeinsam ausgewählt.

Die aktiven muslimischen Eltern spielten eine wichtige Rolle für den Erfolg des Schulversuchs. Sie vermittelten Inhalte und Anliegen der deutschen Gesprächspartner über die "Sprachmauer" hinweg an andere muslimische Eltern und bewegten sie durch persönliche Vertrauensbeziehungen, ihre Kinder dem Lehrer des islamischen Religionsunterrichts anzuvertrauen.

Wissenschaftliche Begleitung und positive Bilanz

Das Interdisziplinäre Zentrum für Islamische Religionslehre der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, das Professoren verschiedener Fakultäten eigens für den Erlanger Schulversuch gründeten, begleitete und evaluierte den Schulversuch. Im Schulleben fühlen sich muslimische Schüler und Eltern durch islamischen Religionsunterricht mehr einbezogen, den anderen Religionen gleichgestellt, und bringen sich als Konsequenz mehr in den Schulalltag ein. Es entsteht ein engerer Kontakt zu Lehrern, wobei der Islamische Religionslehrer häufig eine Mittlerposition einnimmt. Zusätzlich begannen die Schüler, sich untereinander vermehrt über ihre Religionen auszutauschen. Muslimische Kinder lernten durch den islamischen Religionsunterricht, sich über ihre Religion auf Deutsch zu unterhalten.

Professor Dr. Johannes Lähnemann ist Mitglied des Interdisziplinären Zentrums und berichtet von den Ergebnissen des Erlanger Schulversuchs: "Die Akzeptanz bei den muslimischen Eltern ist groß: Sie müssen die Kinder zu den Modellversuchen anmelden, was in den Schulen nahezu für alle muslimischen Kinder geschieht. Die Schulleiter und Lehrkräfte der Schulen mit diesen Modellversuchen, die am 20. Januar 2009 zur Konsultation im Präsidium des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrervereins (BLLV) in München zusammen kamen, berichteten einhellig von der breiten Akzeptanz und Zustimmung auf Seiten von Eltern, Schülerinnen und Schülern. Wiederholt wurde die Schüleräußerung zitiert: 'Jetzt sind wir endlich gleichberechtigt in der Schule mit unserer Religion'. Sowohl der Erwerb fundamentaler Kenntnisse zur islamischen Religion in deutscher Sprache wurde begrüßt als auch die interreligiöse Perspektive, die zum islamischen Unterricht konstitutiv hinzu gehört."

Auch der Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft Erlangen, Remzi Güneysu, berichtet von grundsätzlich positiven Rückmeldungen zum Schulversuch. "Zu Beginn des Schulversuchs fragten sich die anderen Lehrer: 'Was macht der Islamlehrer mit den Kindern?' Denn die Kinder sind insgesamt ruhiger geworden und haben in anderen Fächern häufig ihre Noten verbessert," berichtet Güneysu. "Die muslimischen Religionslehrer tragen erheblich zum Verständnis zwischen den Religionen bei."

Das sogenannte "Erlanger Modell" hat in Bayern Vorbildcharakter: Nach diesem Modell werden mittlerweile Schulversuche "islamischer Religionsunterricht" auch an einer Hauptschule in Erlangen, einer Realschule in Nürnberg, einer Realschule in Fürth, drei Grundschulen und einer Hauptschule in Bayreuth und einer Haupt- und einer Grundschule in München durchgeführt.

Weiterführende Links:

Website des Interdisziplinären Zentrums für Islamische Religionslehre: www.izir.de

Evaluation des Erlanger Modells durch das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Dr. Ingrid Müller): www.isb.bayern.de


Iris Exo

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