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Eine Frage des Stils?

Erziehungsmethoden muslimischer und nicht-muslimischer Eltern

Ein Interview mit Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan

Muslimische Schüler müssen sich im Vergleich zu ihren Klassenkameraden nicht nur in der deutschen Gesellschaft zurechtfinden. Sie versuchen auch, ihren Alltag mit den islamischen Wertvorstellungen zu vereinbaren, die ihre Eltern an sie weitergeben. Dies geht aus einer Expertise hervor, die die Erziehungsstile von muslimischen und nicht-muslimischen Eltern in Deutschland verglichen hat. Ein Interview mit dem Autor der Expertise, dem Psychologen Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan.

Wenn man die Erziehung in deutschen und muslimischen Familien vergleicht - muss man dann von zwei unterschiedlichen Welten sprechen?

Uslucan: Nein, das wäre übertrieben. Schließlich werden Kinder ebenso geprägt durch Gleichaltrige, die Medien und auch durch eigene Ziele. Die Erziehung durch die Eltern ist da nur ein Teil.

Wo liegen die Unterschiede in der Erziehung?

Uslucan: Bei deutschen Eltern fällt auf, dass sie ihre Kinder besonders unterstützen - zumindest nach ihrer eigenen Einschätzung. Allerdings haben wir auch die Jugendlichen in beiden Gruppen selbst befragt. Sie nehmen die Unterstützung ihrer Eltern in deutlich geringerem Maße wahr. Offenbar überschätzen sich hier die Eltern! Bei den türkischen Familien sticht hervor, dass sie besonderen Wert auf Disziplin legen. Und sie räumen ein, dass sie öfters einmal inkonsequent in der Erziehung handeln. Man kann allerdings nicht von "den türkischen Familien" sprechen. Wir haben einmal nur solche deutschen und türkischen Eltern verglichen, die einen Hauptschulabschluss besitzen. Dabei kam heraus, dass diese türkischen Familien ihren Kindern mehr Unterstützung bieten als die deutschen. Das Bildungsniveau spielt also eine große Rolle.

Aber gibt es - neben der Bildung - nicht auch unterschiedliche Wertevorstellungen?

Uslucan: Durchaus. Deutschen Eltern ist wichtig, dass ihre Kinder selbstständig und authentisch sind. Wenn ein Kind zum Beispiel traurig ist, soll es seine Trauer auch zeigen. Türkische Familien achten mehr darauf, was andere von ihnen denken. Daher wollen sie ein gehorsames und artiges Kind. Dahinter stehen unterschiedliche Gesellschaftsformen: Deutschland ist individualistisch geprägt, in der Türkei steht das Kollektiv im Vordergrund. Allerdings löst sich die moderne Türkei von diesem Bild - man mokiert sich sogar über die Türken in Deutschland, dass sie so altmodisch seien! Dieser Wandel verunsichert die deutschen Türken. Bei vielen Vätern kommt hinzu, dass sie arbeitslos sind. Dadurch fühlen sie sich in ihrer Legitimation angegriffen und suchen Halt in religiösen Werten, auch bei der Erziehung.

Wie sieht eine islamische Erziehung aus?

Uslucan: Man soll Gehorsam zeigen - gegenüber Gott, der Schöpfung und den Eltern. Wichtig sind Bescheidenheit und Dankbarkeit. Man soll sich in andere einfühlen und solidarisch sein.

Wie gehen die Jugendlichen mit diesen Vorgaben um?

Uslucan: Zunächst versuchen sie sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Das ist auch für deutsche Jugendliche schon nicht leicht. Zusätzlich müssen sich die türkischen Heranwachsenden gegenüber ihren Eltern für ihren individualistischen Lebensstil rechtfertigen. Besonderen Konfliktstoff bringt das Thema "Ausbildung". Türkische Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder erfolgreich in der Schule sind und einen akademischen Beruf wie Arzt oder Anwalt erlernen. Wenn die Kinder dann keine guten Schulleistungen bringen, enttäuschen sie damit ihre Eltern und sich selbst. Auf den Jungen lastet dabei ein besonders großer Druck. Ihnen wird der Rücken freigehalten, damit sie eine gute Ausbildung abschließen. Wenn es bei Mädchen mit dem Beruf nicht klappt, können sie immer noch Ehefrau und Mutter werden.

Folgen die türkischen Kinder ihren Eltern - oder brechen sie aus?

Uslucan: In türkischen Familien ist die Weitergabe von Werten besonders stark. Eine türkische Tochter zum Beispiel ähnelt ihrer Mutter mehr, als das bei einer deutschen Familie der Fall wäre. Dahinter verbirgt sich eine Suche nach Halt, weil es keine "Normalbiografien" mehr gibt. Die Pluralität der Lebensentwürfe in Deutschland wirkt für Migranten undurchsichtig und verunsichernd. Daher suchen türkische Jugendliche gelegentlich Zuflucht im konservativen Weltbild ihrer Eltern.

Welchen Einfluss hat eine islamische Erziehung auf das tatsächliche Verhalten der Jugendlichen?

Uslucan: Das sollte man nicht überbewerten. Einige Medien gehen so weit, Gewaltverhalten durch den Islam zu erklären. Das ist natürlich Unsinn. Ein 13-, 14-Jähriger wird nicht durch die Religion geleitet, sondern handelt immer aus einer konkreten Situation heraus. Wichtiger als die Religion ist zum Beispiel die Erfahrung, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden.

Welche Schlüsse lassen sich aus Ihren Ergebnissen ziehen? Gibt es einen optimalen Erziehungsstil?

Uslucan: Allgemein empfiehlt man in der Erziehungspsychologie einen "autoritativen Stil": Man bietet dem Kind Wärme, setzt aber auch klare Grenzen. Es ist ein Modell für Westeuropa, bei dem man besonders auf die Selbstständigkeit des Kindes achtet. Es ist auch für die deutsch-türkische Mittelschicht zu empfehlen. Doch in der türkischen Unterschicht, aber auch in der deutschen, sind auch andere Erziehungsziele bedeutend, wie etwa Gehorsam. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es für Erziehung kein Patentrezept gibt. Man muss sich auch am Temperament, Alter und Entwicklungsstand des einzelnen Kindes orientieren.

Was ist Ihre Empfehlung an Erzieher und Lehrer?

Uslucan: Lehrer klagen oft, dass türkische Eltern sich wenig in der Schule einbringen, weil sie nicht gut Deutsch sprechen. Zu empfehlen sind hier Angebote, die sich einfach umsetzen lassen. Türkische Eltern könnten sich von ihren eigenen Kindern vorlesen lassen, um dadurch Deutsch zu lernen. Außerdem sollte man türkische Eltern dazu anhalten, ihre Kinder bei Entscheidungen stärker mit einzubeziehen.

Das Interview führte Thilo Guschas (05.09.2008).

Zur Person:

Hacı-Halil Uslucan wurde in der Türkei geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. In Berlin studierte er Psychologie, Philosophie und allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. Er promovierte im Bereich Psychologie. 2006 habilierte er sich an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg mit der Arbeit "Jugendliche Gewalt und familiale Erziehung in inter- und intrakulturellen Kontexten". Uslucan wirkte federführend an mehrere Studien mit, unter anderem 2002-2005 zum Thema "Gewalt in Familien türkischer Herkunft". Er ist Autor mehrerer Fachbücher und war freier Mitarbeiter der FAZ, für die er über 100 Kolumnen zur deutsch-türkischen Presselandschaft verfasste. Gegenwärtig ist er Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen und Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung.

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