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Mathe in der Moschee?

Nachhilfangebote muslimischer Netzwerke

Viele muslimische Kulturzentren und Moscheen bieten mittlerweile Nachhilfe an. Das war nicht immer so. Es sind die muslimischen Eltern, die immer mehr nach derartigen Angeboten verlangen. Dabei geht es bei der Nachhilfe nicht um religiöse Themen, sondern um Erfolg in der Schule.

Konzentriert beugt sich Deniz* über Zülfikars* Matheheft. Er kontrolliert Linealzeichnungen, die ein wenig aussehen wie Vogelschwingen. "34° = spitz, 133° = stumpf", liest Deniz murmelnd vor. "Alle Winkel richtig gemessen!", lobt er und rutscht zu Celal* herüber, dem nächsten Schüler. "Wie heißen die Vergangenheitsformen von winden?" Celal zuckt mit den Schultern. Englisch mag er, aber mit Deutsch will es einfach nicht klappen. "wand, gewunden", sagt Deniz geduldig.

Er erteilt Hausaufgabenhilfe im alevitischen Kulturzentrum in Hamburg-Altona, einem von unzähligen Nachhilfe-Angeboten durch muslimisch-alevitische Einrichtungen in Deutschland.

Muslimischer Glaube ist kein Einstellungskriterium

Religion und Nachhilfe sind verschiedene Dinge. Diese Haltung vertreten viele muslimische Gruppierungen, die vergleichbare Dienste nach Schulschluss anbieten, von der DITIB bis zum Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). "Wir inserieren ganz einfach in der Zeitung. Und als Nachhilfelehrer stellen wir dann Leute ein, die sich anbieten", meint Erol Pürlü, Dialogbeauftragter des VIKZ. Ob jemand Muslim ist oder nicht, sei jedenfalls kein Einstellungskriterium. Im Vordergrund stünde der Erfolg in den jeweiligen Fächern. Besonders gern gesehen seien allerdings deutsche Lehrer, "weil Deutsch ihre Muttersprache ist – das ist gut für die sprachliche Entwicklung der Kinder", sagt Pürlü.


"Hallo Deniz, Zülfikar, Celal!" Heide*, eine Frau Mitte 50, mit Brille und Pagenschnitt, betritt den Raum und setzt sich mit an den Tisch. Sie beginnt Zülfikar abzufragen – was ist die Vergangenheit von to see? "Ich weiß nur die Buchstaben: s, a, w. Aber wie man das ausspricht, habe ich vergessen – saff vielleicht?" "Nein, soh, mit double u am Ende", korrigiert Heide. Hauptberuflich arbeitet sie als Lektorin für englische Fachaufsätze. Über eine Zeitungsannonce ist sie an die Nachhilfestelle gelangt. Sie ist selber keine Muslimin – anfangs hatte sie sogar Berührungsängste: "Wichtig war mir, dass es keine Koranschule ist." Doch das alevitische Zentrum hat ihrer Prüfung standgehalten. Heide kommt zum Unterrichten, weil sie "Schülern helfen will, die nicht so viel Geld haben". Die Nachhilfe gibt sie gratis.

Wunsch nach einer Perspektive für die Kinder

"Die Kosten sind ein wichtiger Aspekt", meint auch Pürlü vom VIKZ. "Privater Einzelunterricht wäre sicherlich effektiv, aber das ist etwas für Leute, die das nötige Geld haben." Das kann Zülfikar bestätigen. Er hatte zunächst Kurse in einem kommerziellen Nachhilfeinstitut belegt, das nur ein paar Häuser vom alevitischen Kulturzentrum entfernt liegt. Doch es dauerte nicht lang, da hatten die 120 Euro, die das Institut im Monat verlangte, das Familienbudget gesprengt.

Dass muslimische Netzwerke überhaupt Nachhilfe anbieten, hat sich erst über die Jahre entwickelt. "Wenn man zwanzig, dreißig Jahre zurückschaut, das war ja noch die erste Generation von Einwanderern", meint Ali Özdil vom Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut Hamburg, das ebenfalls Schüler bei den Hausaufgaben unterstützt. Viele aus der ersten Generation hätten noch eine Rückkehr in die Türkei geplant. Für heutige junge Eltern liege die Zukunft dagegen in Deutschland. "Daher finden sie es immer wichtiger, dass ihre Kinder nicht auf die Hauptschule gehen und danach schlechtere Chancen haben. Sie wünschen sich, dass die Kinder auf weiterführende Schulen kommen oder studieren."

Gut oder schlecht für die Integration?

Doch es gibt es auch kritische Stimmen. So meint Ezhar Cezairli, Mitglied der Deutschen Islam Konferenz: "Moscheevereine und andere islamische Vereinigungen sollten für die religiösen Bedürfnisse der Menschen dasein" - aber sie sollten darüber hinaus keine Aufgaben übernehmen, die "weit über ihre Kompetenzen hinausreichen". Dies betrifft nach Cezairlis Meinung das Nachhilfangebot, aber auch weitere Aktivitäten islamischer Einrichtungen, wie Integrationskurse, Deutschkurse, Seelsorge, Familienbetreuung, Sportangebote und Jugendarbeit. "Diese gehören in neutrale staatliche Einrichtungen, nicht in Moscheen, die als Gebetshäuser fungieren sollten." Mit der Erweiterung des Aufgabenbereiches von Moscheevereinen, gebe man "Vereinigungen, die zum Teil eben nicht für eine pluralistische und freiheitlich-demokratische Gesellschaftsform stehen, Instrumente an die Hand, ihren Einfluss auf die muslimischen Jugendlichen und die muslimische Community zu verstärken". Integrationsfördernd sei das nicht.

Tatsächlich sind die Räumlichkeiten für die Nachhilfe so neutral gehalten, wie es bei den Aleviten in Hamburg-Altona der Fall ist. Das Mehrzweck-Kulturzentrum befindet sich in einem Altbau, wenige Schritte von einer Einkaufszone entfernt. Andere Verbände nutzen vielfach auch Moscheen, um dort Hausaufgabenhilfe zu erteilen. Eine pragmatische Lösung, die keinesfalls bedeute, dass das Nachhilfeangebot religiös eingefärbt sei, betont Pürlü. Nein, es sei keine Abschottung und erst recht nicht gegen die Integration gerichtet, meint auch Özdil vom Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut: "Im Gegenteil, alle Einrichtungen, die die Bildung von muslimischen Schülern fördern, sind doch gut für die Integration!"

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden von der DIK-Redaktion geändert.

Thilo Guschas, 08.12.2008

Zum Thema: DIK-Empfehlungen Schulpraktische Fragen 2009

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