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Islamischer Religionsunterricht in Niedersachsen

Zwölf Kinder drängen sich um einen Globus aus Plastik. Ungeduldig warten sie auf die Frage ihrer Lehrerin, Tünay Özreçber. Nachdem Stille eingekehrt ist, fragt sie: "Wo liegt Mekka?" Flugs drehen die Viertklässler die Kugel hin und her, bis Saudi-Arabien im Blickfeld steht. Islamischer Religionsunterricht an der Salzmannstraße-Grundschule in Hannover - was für die Schüler längst eine Selbstverständlichkeit ist, gilt bildungspolitisch noch immer als Besonderheit.

Bekenntnisorientierter Islamischer Religionsunterricht ist weiterhin die Ausnahme

In Sachen Islamunterricht zählt Niedersachen bundesweit zu den Vorreitern. Das Fach informiert nicht nur über den Islam, wie dies zum Beispiel im Schulversuch "Islamkunde" in Nordrhein-Westfalen geschieht. Der Unterricht in Niedersachsen ist bekenntnisorientiert - die Kinder werden zum Glauben erzogen. Damit ist er dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht praktisch gleichgestellt.

Die Lehrerin Tünay Özreçber, Ende 20, spricht freundlich zu den Kindern, wenn es sein muss, durchaus auch mit einem Schuss Kühle. Ein Blick von ihr reicht, und Störenfriede verstummen. Ihr Unterricht ist fein durchdacht. Die Schüler durchlaufen Lernstationen: Nach dem Ländersuchen auf dem Globus folgt ein Gruppengespräch über die Kaaba, dann schließt sich eine stille Phase mit Arbeitsbögen an. Glaubensinhalte werden nicht etwa vermittelt durch Auswendiglernen von religiösen Texten, wie dies in konservativen Koranschulen geschieht, sondern durch moderne Didaktik.

Viel Engagement und Eigeninitiative der Lehrer sind notwendig

Özreçber setzt diese Didaktik selbstbewusst und kindgerecht um. Dies ist keineswegs selbstverständlich. Denn Özreçber ist Autodidaktin - zwangsläufig. Als sie vor fünf Jahren den islamischen Religionsunterricht an der Schule eingeführt hat, gab es keine Lehrbücher. Die meisten Arbeitsblätter, Texte und Bilder stellt die Lehrerin auch heute noch eigenhändig zusammen. Sie hatte auch keine Ausbildung - es gab keine. "Ich habe bei den Kollegen im evangelischen Religionsunterricht zugeschaut, um mir methodische Anregungen zu holen", kommentiert sie ihre Pionierleistungen bescheiden. Özreçber ist Akteurin einer "Zwischenzeit", in der schon unterrichtet wird, aber eine Lehrerausbildung noch im Aufbau ist.

Bei den Schülern kommt der Unterricht gut an. Das Fach rangiert - neben Sport - unter den Lieblingsfächern der Schüler. Das Thema der heutigen Stunde, Mekka, finden die Schüler "cool". Einen von ihnen elektrisiert es sogar so sehr, dass er "zuhause sofort nachgooglen will, was ich alles über den schwarzen Stein in der Kaaba herausfinden kann!"

Aufregender Start des Religionsunterrichts in Hannover

"Der islamische Religionsunterricht gehört bei uns fest dazu", erklärt Schulleiterin Marion Frontzek. Sie sitzt in ihrem Büro, in der Hand eine gefüllte Kaffeetasse, aus der sie nicht trinkt - sie denkt angespannt zurück, wie der Unterricht damals eingeführt wurde. Die Schule hatte sich vor fünf Jahren freiwillig gemeldet, als erste in Hannover. Frontzek verdreht die Augen: "Was für eine Aufregung damals!"

Kurz nach der ersten Unterrichtsstunde hatte ein Fotograf der "Bild" ein Foto von Özreçber geschossen. Sie ist eine junge, schöne Frau, ohne Kopftuch, damals Anfang 20. Ein Moscheeverein hängte das Foto, das in der Bildzeitung abgedruckt wurde, in seinen Räumen auf, versehen mit dem Kommentar: "Wollt ihr, dass so eine Frau eure Kinder unterrichtet?" Unter einigen Muslimen herrschte Angst, was für ein Islamverständnis dieser "Religionsunterricht" wohl vermitteln würde.

Schura Niedersachsen als Kooperationspartner des Kultusministeriums

Mittlerweile haben sich die Wellen gelegt. Die Anmeldungen sind über die Jahre beständig gestiegen. Die Voraussetzung für diesen Erfolg hatten die Muslime in Niedersachsen durch die Gründung des Dachverbandes "Schura Niedersachsen" selbst gelegt. Der Schura gehören der Großteil der niedersächsischen Moscheevereine und Verbände an. Das niedersächsische Kultusministerium hat die Schura gemeinsam mit anderen Verbänden zu einem "Runden Tisch Islamischer Religionsunterricht" eingeladen. Dieser Zusammenschluss der Muslime darf die islamische Religionsgemeinschaft in Niedersachsen vorübergehend vertreten - eine entscheidende Voraussetzung, denn nur Religionsgemeinschaften haben laut Grundgesetz einen Anspruch auf staatlichen Religionsunterricht, der zum Glauben erzieht.

Lernen, auf Deutsch über die eigene Religion zu sprechen

Für Özreçber erschöpft sich der Sinn des Faches jedoch nicht darin, den Islam zu vermitteln. Entscheidend sei auch, dass der Unterricht auf Deutsch stattfinde. "Ganz zu Anfang haben wir die Beschneidung von muslimischen Jungen durchgenommen. Zu den zugehörigen rituellen Feierlichkeiten haben die Kinder damals "Pipi-Schneidefest" gesagt", erinnert sich Özreçber. Bei dem Wort "Moschee" seien die Kinder sogar in Gelächter ausgebrochen. Der Wortklang war für sie fremd, viele von ihnen kannten nur den türkischen Begriff "cami".

Deutschlernen ist nicht die einzige positive "Nebenwirkung" des Unterrichts. "Wir kommen mit den Eltern der muslimischen Kinder besser ins Gespräch", beobachtet die Schulleiterin Frontzek. Sie nehmen verstärkt an den Elternabenden teil. "Wir müssen Mütter nicht nur einbestellen, wenn die Leistungen ihrer Kinder hinken, sondern es gibt einen positiven Gesprächsanlass, den Islamunterricht." Das Fach schafft Identifikation mit der Schule, ist Frontzek überzeugt. Klassenfahrten ins Landheim oder der Gastbesuch einer Kirche mit muslimischen Schülern - früher häufige Reizthemen - seien selbstverständlich geworden.

Die Unterrichtsstunde neigt sich dem Ende zu, die Schüler sollen sich in der "Kinoecke" versammeln. Doch die Schüler sehen keinen wirklichen Film, es geht mehr um ein inneres Bild. Die Schüler bekommen ein Tonband vorgespielt, das sie auf einer Traumreise nach Mekka begleiten soll. Sie sollen das Gelernte Revue passieren lassen, das Wissen festigen, aber es geht um mehr. Eine Koranrezitation ertönt. Religiöse Gefühle ansprechen ist eine intime Angelegenheit. Mehr als Impulse geben, ist nicht möglich, dies gilt auch für einen "bekenntnisorientierten" Islamunterricht. Die Kinder schließen die Augen, denken vielleicht an das, was sie von Familienangehörigen gehört haben, die schon einmal eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen haben, und stellen sich vor, sie reisten selbst dorthin.

Thilo Guschas, 06.02.2009

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