DIK - Deutsche Islam Konferenz - Bildungschancen - Muslimische Kinder feiern Weihnachten mit

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Muslimische Kinder feiern Weihnachten mit

Es war zwar keine Hauptrolle, die Hafsa beim Krippenspiel übernahm. Aber immerhin begleitete das Mädchen in diesem Jahr die Aufführung im "Kinderreich" musikalisch – mit einem Xylophon. Das "Kinderreich" ist eine katholische Einrichtung; insofern ist es nichts Besonderes, dass dort christliche Feste einen hohen Stellenwert haben. Das Krippenspiel wäre nicht der Erwähnung wert, hätten nicht auch Kinder wie Hafsa mitgewirkt. Denn die Fünfjährige ist Tochter eines muslimischen Ehepaars.

Christliche Kindergärten auch für Muslime interessant

Hafsas Eltern haben sich bewusst für die katholische Kindertagesstätte (Kita) entschieden. "Wir leben in einem christlichen Land und das soll Hafsa auch unmittelbar erfahren", sagt Saime Övüç. Als Tochter türkischer Einwanderer wurde sie "sehr religiös" erzogen und ist praktizierende Muslima. Die Kita-Wahl sieht sie nicht als Widerspruch zu ihrem Glauben, sondern als eine Möglichkeit, die religiöse Erziehung der Tochter zu ergänzen. Für das "Kinderreich" spreche, dass dort Werte wie Nächstenliebe, Dankbarkeit und Demut vermittelt würden. Dass ihre Tochter auch die christlichen Feste mitfeiert und am Gottesdienst teilnimmt, ist für die 30-Jährige selbstverständlich. Sie selbst hat ebenfalls einen katholischen Kindergarten besucht und diese Zeit in guter Erinnerung behalten.

Hafsa ist eines von mehreren Kindern aus muslimischen Elternhäusern, die die katholische Kita im Frankfurter Stadtteil Niederrad besuchen. "Beim Anmeldegespräch weisen wir darauf hin, dass die Kinder bei uns die christliche Religion erfahren und erleben werden", sagt Kita-Leiterin Annette Silberhorn. Zehn Prozent der Kita-Kinder kommen aus muslimischen Familien. Die Eltern legten Wert darauf, dass ihr Nachwuchs die christliche Religion kennen lernt. Und dazu gehörten eben auch Gottesdienste, Krippenspiele und christliche Feste, sagt Annette Silbernhorn.

Islamische Feste als Gesprächsstoff

Feste anderer Religionen werden im "Kinderreich" nicht besonders gefeiert – nicht etwa, weil es von der Kita-Leitung nicht gewollt ist. "Wir haben schon oft die Idee gehabt, mit den Kindern auch andere religiöse Feste zu feiern", erzählt die Diplompädagogin. Bisher habe es sich nicht ergeben, obwohl die Eltern immer wieder ermuntert worden seien, sich einzubringen. Annette Silberhorns Darstellung deckt sich mit Saime Övüçs Ansicht: Sie legt keinen Wert darauf, dass im "Kinderreich" auch das islamische Opfer- oder Zuckerfest gefeiert wird. "Für uns sind das Familienfeste; Zuhause erfährt meine Tochter den Stellenwert unseres Glaubens und unserer Feste", sagt sie. Damit Hafsas Spielgefährten mehr über ihre islamische Religion erfahren, spricht Saime Övüç zu entsprechenden Anlässen mit den Kindern über den Fastenmonat, das Opfer- oder das Zuckerfest.

Gesprächsstoff bieten muslimische Feste auch in der städtischen Einrichtung in Frankfurt-Preungesheim. In dieser Kita, die auch viele muslimische Kinder besuchen, arbeitet Ümit Gündüz. Die Tochter türkischer Einwanderer ist in Frankfurt geboren, und auch sie hat einen katholischen Kindergarten besucht. Inzwischen ist sie 29 Jahre alt und Erzieherin in einer städtischen Einrichtung, die auch muslimische Kinder besuchen. "Zu den religiösen Festen gratulieren mir Eltern und ich ihnen mit Handschlag und auch mit Küssen. Das wiederum bekommen Kinder mit und wollen wissen, warum wir das machen", berichtet die 29-Jährige. Bei Gesprächen im Stuhlkreis gehe sie auf Fragen ein.

Weder das Zucker- noch ein anderes muslimisches Fest hat in der Preungesheimer Kita einen besonderen Stellenwert, obwohl der Anteil von Kindern aus muslimischen Familien hoch ist. Das ist jedoch kein Grund, christliche Feste ausfallen zu lassen. Für Ümit Gündüz gehört es zum Beruf, mit den Jungen und Mädchen Weihnachtslieder einzuüben und Nikolausfeiern vorzubereiten – Feiern, an denen auch muslimische Kinder und ihre Familien teilnehmen. Die meisten Eltern seien sehr offen, stellt auch Ümit Gündüz fest. "Es gibt nur wenige Hardliner, die unsere Einladung ignorieren."

Interreligiös Feste feiern

Muslimische Feste werden aus unterschiedlichen Gründen und unabhängig davon, ob städtischer oder kirchlicher Träger, in kaum einer Frankfurter Kita gefeiert. Manche Einrichtung, so ist bei Nachfrage zu erfahren, kam bislang nicht auf die Idee oder sahen nicht die Notwendigkeit, das Opfer- oder das Zuckerfest auszurichten. Andere würden gerne, haben jedoch keine Vorstellung davon, wie. Als Gesprächsthema jedoch tauchen die Feste bei einigen Einrichtungen auf – so auch in einer Kita im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. "Gerade um die Feiertage herum fragen die Kinder viel", berichtet die Kita-Leiterin Margarete Zipf. Seit mehr als 30 Jahren ist sie in derselben städtischen Einrichtung beschäftigt und erinnert sich daran, wie es zu Beginn war: "Wir hatten nur wenige Migrantenkinder – zumeist aus italienischen oder griechischen Familien." Inzwischen haben 90 Prozent einen so genannten Migrationshintergrund, und mehr als die Hälfte stammt aus einer muslimischen Familie mit türkischer, marokkanischer oder afghanischer Herkunft.

Zipf berichtet von "Zeiten großer Verunsicherung" und davon, dass sie und ihr Team nicht gewusst hätten, wie sie mit Weihnachten umgehen sollten. "Aus lauter Rücksicht und um es muslimischen Eltern recht zu machen, tauften wir es um und luden zur Jahresabschlussfeier ein." Inzwischen ist die Kita offensiver und lädt wieder zur Weihnachtsfeier ein, die so gestaltet ist, dass keines der Kinder in Konflikte gerate. Margarete Zipf erzählt erfreut: "Egal ob sie Christen oder Muslime sind, alle Eltern kommen."

Canan Topçu, 23.12.2008

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