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Islam im Schulalltag

In Deutschland nehmen mehr als 700.000 muslimische Kinder am Schulunterricht teil. Ihre Zugehörigkeit zum Islam spielt im Schulalltag meist keine große Rolle. Sichtbar wird sie zum Teil bei Themen, die in der Öffentlichkeit viel diskutiert werden, wie Schwimmunterricht oder Klassenfahrten. Einige Schulen versuchen, die islamische Glaubenspraxis in das Schulleben zu integrieren, indem sie zum Beispiel islamische Feiertage begehen.

"Nennt mir eine Regel, die ihr jeden Tag missachtet!", fordert Lehrer Friedhelm Wiemer seine Schüler auf. Fünf, sechs Arme schnellen in die Luft. "Beleidigen!", sagt Dunja*, eine Schülerin. Die 7. Klasse der Slomanstieg-Schule nimmt heute das Thema "Gesprächsregeln" durch. Einige Mädchen haben aufwändig gefönte Frisuren, mehrere Jungs tragen Sportschuhe und Jogginghose. Der Slomanstieg ist eine Grund- und Hauptschule in Hamburg-Veddel, einem sozialen Brennpunkt der Stadt. Drei Viertel der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen sind Muslime.

Thema Klassenfahrt

Dass viele Schüler Muslime sind, mache sich zusätzlich bemerkbar. Als Beispiel nennt Wiemer Klassenfahrten. Die Schüler sind nun in der 7. Klasse und erreichen die Pubertät. Einige muslimische Eltern verbieten ihren Töchtern, auf Klassenfahrt zu gehen, weil sie fürchten, sie könnten dort mit einem Jungen zusammenkommen.

Kann Wiemer die Sorgen der Eltern zerstreuen? "Schwierig. Mit den meisten gibt es kaum Kontakt. Zu den Elternabenden kommen nur wenige." Um die Eltern mehr einzubinden, hat die Schule einen Mütter-Deutschkurs eingerichtet. Es wird sogar eine Kleinkindbetreuung angeboten, während die Frauen Deutsch lernen. Der Kurs hat großen Zulauf. "Bisher habe ich dadurch aber nicht mehr Kontakt zu den Eltern bekommen", bilanziert Wiemer.

Spannungen nicht durch die Religion, sondern die Lebensumstände

An der Schule kommt es oft zu Zankereien, die Kinder sind im Unterricht unruhig. "Das hat nichts mit Religion zu tun, sondern mit den Lebensumständen der Kinder", meint Barth. Sie denkt an die Realschule zurück, an der sie vorher gearbeitet hat: "Die Kinder hatten zu essen, genug Geld und kein so schwieriges Familienleben, wo Kinder zu fünft in einem Raum schlafen müssen. Sie kamen eigentlich nur zum Lernen in die Schule. Hier bringen die Kinder einen riesigen Rucksack an sozialen Problemen mit in den Unterricht."

Eines von Barths Fächern ist Religion. Im Unterricht erlebt sie die muslimischen Kindern positiv: "Sie sind auf keinen Fall engstirnig, was ihnen ja oft nachgesagt wird." Barth erteilt einen "Religionsunterricht für alle", eine spezielle Regelung des Bundeslandes Hamburg, in dem die gesamte Klasse nacheinander alle Weltreligionen durchnimmt. Dort zeigten sich die Muslime offen, konstruktiv auch über andere Religionen zu diskutieren, so Barth. "Außerdem wissen sie sehr viel über ihren Glauben, das ist gut für das Unterrichtsgespräch."

Was sind "strenge" muslimische Eltern?

Die Stunde ist zu Ende. Im Treppenhaus entsteht ein Gespräch mit der 16-jährigen Karima*. Dass muslimische Schüler fit in Glaubenssachen sind, kann sie bestätigen: "Über Religion reden wir auch oft privat". Mit "wir" meint sie sich und ihre beste Freundin Michelle*, die neben ihr steht. Karima ist Muslimin, Michelle dagegen eine "Deutsche", womit sie Christin meint. Michelle äußert sich kritisch über die muslimischen Schülerinnen, die sie am Slomanstieg kennt: "Die dürfen fast nichts. Nicht rausgehen oder mit Jungs abhängen."

"Du meinst mich, oder?", hakt Karima nach und kontert:

"Ich finde nicht, dass meine Eltern streng-religiös sind. Sie achten schon darauf, wen ich heirate, aber sonst sind sie okay. Ich muss kein Kopftuch tragen, meine Mutter trägt auch keins. Daher konnte ich auch ganz normal schwimmen lernen."

"Aber dass du nicht heiraten kannst, wen du willst, find' ich voll daneben!", regt sich Michelle auf. Sie meint das Gebot, dass muslimische Frauen keine Andersgläubigen heiraten dürfen, im Gegensatz zu den muslimischen Männern. Das Gespräch gerät in eine Sackgasse. Die beiden Freundinnen können sich nicht einigen, ob Karimas Eltern nun "streng" sind oder nicht.

"Hier werden wir nicht diskriminiert"

Als Muslimin fühlt sich Karima wohl an der Schule. "Wir dürfen hier die islamischen Feiertage begehen, wie das Zuckerfest. Das finde ich total gut." Außerdem gefällt Karima, dass Muslime und Nicht-Muslime gleich behandelt würden: "Hier werden wir nicht diskriminiert. Außerhalb der Schule passiert das relativ oft. Ich schaue dann darüber hinweg, aber es tut schon weh. Jeder von uns ist doch irgendwo Ausländer! Aber an unserer Schule läuft es zum Glück gut."

Auch andere Schulen stellen sich auf muslimische Schüler ein. Jede findet andere Ansätze. Besonders engagiert sind beispielsweise die Theodor-Haubach-Schulen, eine Grund-, Haupt- und Realschule in Hamburg, die bereits mehrere Projektideen umgesetzt hat. Doch ganz gleich, wie wirksam die Projekte im Einzelnen sein mögen – letztlich sei eines entscheidend, meint Schulleiterin Karin Bühring: "Dass Eltern ihre Kinder unterstützen, ganz konkret, indem sie helfen den Ranzen aufzuräumen und sich nach den Themen des Unterrichts erkundigen."

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden von der DIK-Redaktion geändert.

Thilo Guschas, 24.11.2008

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