DIK - Deutsche Islam Konferenz - Überblick islamischer Religionsunterricht - Professor Uçar bildet Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus

Navigation und Service

Professor Uçar bildet Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus

Herr Uçar, Sie bilden Lehrer für einen "bekenntnisorientierten" Islamunterricht aus. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Prof. Dr. Bülent Uçar: Die Lehrer nehmen die Binnenperspektive ein, die des Glaubenden. Das heißt allerdings nicht, dass die Schüler indoktriniert werden und Lehrtexte auswendig lernen. Das Ziel ist in jedem Fall auch ein analytischer und reflektiver Umgang mit der Religion. Im Übrigen ist auch der evangelische, katholische, orthodoxe und jüdische Religionsunterricht bekenntnisorientiert. Wenn als einziges der Islamunterricht hiervon ausgenommen wäre, bräuchten wir überhaupt keinen Religionsunterricht, sondern müssten das Grundgesetz ändern und ein neues Fach "Religionswissenschaft" aufbauen.

Wie ist der Glaube im Vorlesungsalltag zu spüren?

Uçar: Das ist schwer zu sagen. Der persönliche Glaube ist Privatsache, wir fragen niemanden danach. Aber ich gehe schon davon aus, dass Atheisten oder Christen sich nicht zum Islamlehrer ausbilden lassen. Es wäre wenig überzeugend und authentisch, wenn ein Nichtmuslim Islamischen Religionsunterricht anbieten würde, so wenig, wie wenn ich als Muslim katholischen Religionsunterricht anböte.

Für katholische Hochschullehrer erteilt die Kirche ein "nihil obstat", eine Lehrerlaubnis. Wer übernimmt dies bei den Muslimen?

Uçar: Es ist rechtlich noch nicht möglich. Obwohl die Muslime nun seit einem halben Jahrhundert in Deutschland präsent sind, gelten sie juristisch nicht als Religionsgemeinschaft und können aus diesem Grund auch kein "nihil obstat" sprechen. Daher tritt derzeit noch der Staat über die Kultusbehörden an diese Stelle. Das kann bedenkliche Folgen haben, wie das Beispiel Türkei zeigt: dort definiert, organisiert und kontrolliert der Staat die Religion. Ich sehe hierin eine Gefahr, da der Staat zu sehr in den Bereich der Religion eingreift. Säkularität heißt beidseitige Zurückhaltung. Der weltanschaulich neutrale Staat hat sich meines Erachtens aus diesem Bereich herauszuhalten. Daher müssen wir dringend daran arbeiten, nun endlich eine Institution, wenigstens als Religionsgemeinschaft, anzuerkennen.

Was sollten denn die Kriterien für die Einstellung eines Dozenten sein?

Uçar: Er sollte selbstverständlich wissenschaftlich arbeiten und den Konsens, die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen der Muslime, teilen. Zu diesen religiösen Basics gehören, um mit Averroes (Ibn Ruschd) zu sprechen, zumindest der Glaube an Gott, den Propheten Muhammad und das Leben nach dem Tod. Bei der Ausbildung von Religionslehrern steht nicht die phänomenologische Religionswissenschaft im Vordergrund, sondern Theologie aus der Binnenperspektive. Letztlich geht es im Religionsunterricht immer um Glaubensüberzeugungen - und nicht um eine nackte Wissenschaft wie Physik, in der man verifizieren und falsifizieren kann. Gott oder das Jenseits können Sie wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen. Daher nimmt die Theologie als einziges Fach eine Sonderrolle an der Universität ein.

Aber diese Glaubensüberzeugungen fallen doch sehr vielfältig aus. Sie können ja nicht "den" Islam lehren.

Uçar: Natürlich nicht, aber der Islam ist auch kein Konzept, das man beliebig auslegen kann. Nehmen Sie zum Beispiel die fünf Säulen des Islams und die Stellung von Koran und Sunna. Diese Grundlagen gelten von Marokko bis Indonesien, egal ob Sie Schiit oder Sunnit sind. Für 99 Prozent der Muslime weltweit ist das unumstritten. Natürlich gibt es in vielen Fragen auch eine große Meinungsvielfalt. Hier folgen wir dem Kontroversitätsprinzip: Was bei den Muslimen umstritten ist, wird im Klassenraum auch als umstritten dargestellt. Ein Beispiel wäre, wer als rechtmäßiger Nachfolger des Propheten gelten kann - über diese Fragen haben sich Sunniten und Schiiten entzweit. Im Unterricht stellen wir beide Meinungen gleichberechtigt dar. Die Lehrkräfte haben nicht die Aufgabe, die große Wahrheit zu verkünden, sondern den Schülern Angebote zu machen. Ob man sie annimmt oder nicht, entscheidet jeder selbst. Es gibt keinen Zwang in der Religion, es kann ihn nicht geben.

Und wie gehen Sie öffentlich umstrittene Themen an, wie die Stellung der Frau?

Uçar: Eine Frage, die man immer nur auf den Islam bezieht. Dabei findet man ein ähnliches Rollenverständnis auch in den Primärquellen des Hinduismus, Judentums und Christentums. Für uns gilt ganz klar: Religionsunterricht ist kein rechtsfreier Raum, das Grundgesetz und seine Vorgaben sind bindend. Mann und Frau sind vor diesem Hintergrund gleichberechtigt. Wir dürfen diese Themen aus der Lehre nicht ausklammern, sondern müssen sie sachlich differenziert darstellen. Dies ist für mich eine der Hauptaufgaben des Islamischen Religionsunterrichtes. Anders als in der Moschee sollen die Schüler in der Schule lernen, Dinge in geschichtlichen Zusammenhängen zu begreifen und nach den Zielen religiöser Normen fragen.

Warum belegen die angehenden Islamlehrer bei Ihnen auch Kurse in christlicher Theologie?

Uçar: Diesen interreligiösen Ansatz verfolgen wir, weil wir in einer mehrheitlich säkular und christlich geprägten Gesellschaft leben. Daher ist es wichtig, den Hintergrund für Feiern wie Weihnachten und Ostern zu verstehen. Im Übrigen haben Judentum, Christentum und Islam viele Gemeinsamkeiten und auch diese wollen wir vermitteln. Die christliche Theologie wird bei uns im Wechsel von muslimischen und christlichen Dozenten behandelt. Auch in der Schule muss es nach meiner Überzeugung im bekenntnisorientierten Religionsunterricht Lernphasen geben, in denen muslimische, christliche und - wenn möglich - auch jüdische Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Die jeweils andere Religion kennenzulernen, trägt zur Verständigung bei, hilft aber auch, den eigenen Glauben besser zu verstehen.

Laut einer Untersuchung der Universität Magdeburg trägt Islamischer Religionsunterricht auch zur Integration bei.

Uçar: Das sehe ich genauso. Der Islamunterricht vermittelt den Muslimen das Gefühl, hier erwünscht zu sein - und damit beginnen sie, sich stärker mit der Schule und der Gesellschaft zu identifizieren. Das trägt entscheidend zur Integration bei. Außerdem vermittelt der Unterricht Werte und schult das Sprachvermögen. Die Schüler lernen, ihre religiös-emotionale Welt auf Deutsch auszudrücken.

Eine Einschränkung sehe ich allerdings: Sinn und Zweck des Religionsunterrichts ist nicht die Integration. Er fördert sie - aber die Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität ist ein Eigenwert, den man nicht zu einem Instrument herabsetzen sollte.

Ist die Nachfrage für Studienplätze bei Ihnen groß?

Uçar: Ein schwieriges Thema. Viele Migrantenkinder der zweiten, dritten Generation stammen aus Arbeiterfamilien und haben eine typische Aufsteigermentalität. Angesehen sind Medizin, Jura, Ingenieurswesen - Lehrer haben kein derart hohes Prestige. Das ist das eine Problem.

Hinzu kommt, dass wir bislang in Deutschland keine ordentlichen Studiengänge haben. Künftige Islamlehrer müssen erst einmal zwei Fächer bis zum Ende durchstudieren, wie Mathe und Deutsch. Erst wenn sie damit fertig sind und Geld verdienen könnten, schließt sich unser Aufbaustudiengang zum Islamlehrer an, der noch einmal zwei bis drei Jahre dauert. Da braucht man schon eine gehörige Portion Idealismus. Nötig wäre eine grundständige Religionslehrerausbildung, wie es sie bei unseren katholischen und evangelischen Kollegen gibt. Dann könnten die Studenten vom ersten Semester an Islamunterricht zusammen mit einem zweitem Fach studieren. Ich bin allerdings skeptisch, ob hier die Deutsche Islam Konferenz etwas bewirken kann, denn sie ist ja nur eine Einrichtung des Bundes. Am Ende sind es die Länder, die alles organisieren, finanzieren und verantworten müssen.

Aber können Sie die Studenten nicht mit Jobaussichten anlocken?

Uçar: Der Bedarf ist tatsächlich da. Man schätzt, dass es in Deutschland bis zu 900.000 muslimische Schüler gibt. Nach den bisherigen Erfahrungen nehmen zwischen 70 und 80 Prozent von ihnen am Islamischen Religionsunterricht teil. Um diesen Bedarf zu decken, müssten wir 10 bis 15 Jahre Islamlehrer ausbilden, vorausgesetzt, dass wir umgehend die Kapazitäten in der Ausbildung erhöhen. Ob wir nur mit dem Bedarf Studenten anlocken können, bin ich nicht sicher. Angehende Lehrer mit Migrationshintergrund sind gefragt - sie bekommen einen Job, auch ohne Zusatzstudium.

Zur Person:

Bülent Uçar, 1977 in Oberhausen geboren, lehrt seit Mitte 2007 als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Er hat Islamwissenschaft, Politische Wissenschaft und Privatrecht mit Rechtsvergleich an der Universität Bonn studiert. Er erteilte Islamische Unterweisung in deutscher Sprache an einer Schule in Bonn und Islamkunde
in Duisburg, hat im nordrhein-westfälischen Schulministerium die Islamkunde betreut und war für die Lehrplanentwicklung und Lehrerfortbildung zuständig. Seine Habilitationsschrift behandelt das Thema "Moderne Koranexegese und die Wandelbarkeit der Scharia in der aktuellen Diskussion der Türkei".

Das Interview führte Thilo Guschas (09.02.2009).

Mehr zu diesem Thema

Islamischer Religionsunterricht in Niedersachsen

Islamischer Religionsunterricht - ein Thema der DIK

Zusatzinformationen

Bunte Kopftücher liegen übereinander.

Koranische Basis des Kopftuchs

Besonders drei Textpassagen des Korans werden häufig zitiert, um das Tragen des Kopftuchs zu begründen. Diese werden in diesem Artikel kurz vorgestellt.

Mehr: Koranische Basis des Kopftuchs …

Stoffe in den Farben schwarz, rot, gold und grün

Grenzen der Religionsausübung - Scharia in Deutschland?

Wie steht die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit zu fremden rechtlichen Normen? Können Muslime in Deutschland die Scharia anwenden? Der Jurist und Islamwissenschaftler, Prof. Dr. Mathias Rohe, antwortet auf diese viel diskutierten Fragen.

Mehr: Grenzen der Religionsausübung - Scharia in Deutschland? …