DIK - Deutsche Islam Konferenz - Islamischer Feminismus

Navigation und Service

Islamischer Feminismus in Deutschland

Im islamischen Feminismus liegt ein, so scheint es, unüberbrückbarer Widerspruch. Denn ist es nicht der Islam, auf den sich eine Machokultur gründet, eine Unterdrückung der Frauen, wie sie mit moderner Emanzipation niemals vereinbar sein kann? "Nein", antworten die Akteurinnen dieser Bewegung, im Gegenteil: Islam und Feminismus verbinden sich sogar sehr gut. Wie das geht, zeigt ein Blick in die Praxis. Da ist zum Beispiel das "Selbstbehauptungstraining für muslimische Mädchen", ein Kursangebot des Zentrums für islamische Frauenforschung (ZiF) aus Köln. 

Der Kurs liefert Argumentationshilfen, im Umgang mit der nicht-muslimischen Gesellschaft, aber auch etwa für junge Frauen, denen die Eltern verbieten, zum Studium allein in eine andere Stadt zu ziehen, da sich dies im Islam nicht gehöre. Ein Verbot, das zwar immer weniger Eltern aussprechen, dem aber dennoch begegnet werden soll – und zwar durch Aufklärung. Den Umzug in eine andere Stadt ausgerechnet mit Verweis auf den Islam zu verbieten, das ist - so lernen es die Kursteilnehmerinnen - theologisch unhaltbar. Sie prägen sich folgende Worte ein: "Wissen zu erlernen ist eine Pflicht für jeden Muslim und jede Muslimin, auch wenn man dafür bis nach China gehen muss." So lautet ein bekannter Hadith, also ein Ausspruch des Propheten Muhammad. Eine theologische Quelle mit hohem Praxiswert: Der Islam toleriert, ihr zufolge, nicht nur, dass eine junge Frau auswärtig wohnt und studiert, er fördert es geradezu.

Der Islam stelle die Geschlechter gleich

Im Kleinen zeigt das Beispiel, worum es im islamischen Feminismus geht: Um Frauen, die nicht trotz des Islams stark sind, sondern die, im Gegenteil, ihr Selbstbewusstsein im Islam bestätigt sehen. Im Islam sind Mann und Frau ebenbürtig, so die Überzeugung. In Deutschland wird diese Sicht von mehreren Seiten vertreten, etwa vom Netzwerk für muslimische Frauen HUDA, oder auch der Imamin Halima Krausen aus Hamburg, eine der wenigen islamischen Vorbeterinnen. Zu den bekannten Stimmen zählt auch das ZiF aus Köln, das Wert darauf legt, Praxiselemente wie das "Selbstbehauptungstraining" anzubieten, das aber ebenso Theoriebildung und Forschung, besonders im Hinblick auf eine geschlechtergerechte Sichtweise des Korans vorantreibt.

Im Kern der Bewegung steht die Theologie. Die islamischen Quellen, so die Annahme, sprechen von einer Gleichstellung der Geschlechter, was allerdings durch frauenfeindliche Auslegungen und Übersetzungen verschleiert, und manchmal sogar ins Gegenteil verkehrt worden sei. Um diese feministische Lesart gewissermaßen wieder freizulegen, übersetzt das ZiF einige Ausschnitte des Korans neu. Dabei nutzt es bewusst die Bedeutungsvielfalt des arabischen Wortlauts. Beispielhaft ist hier Vers 34 der Sure "Die Frauen" zu nennen, in der es, einer gängigen Übersetzung zufolge, heißt, Männer dürften ihre Frauen notfalls schlagen. 

Achtsamer Umgang in der Ehe 

In der Publikation "Ein einziges Wort und seine große Wirkung" wendet das ZiF hierbei ein: Das arabische Wort "daraba" komme im Koran mehrfach vor – allerdings nicht mit der Bedeutung "schlagen", sondern meist als "prägen", "umherziehen" und "abwenden". Und daher sei auch für Vers 34 die angemessene Übersetzung "als letztes trennt euch von ihnen". Die traditionelle Übersetzung, von "daraba" als "schlagen", ist in dieser Sicht also eine frauenfeindliche und verzerrende Auslegung, obwohl sie lexikalisch möglich ist.

Aber ist das nicht ein Ignorieren des Offensichtlichen, ein Wegübersetzen, ein Kunstgriff? Keineswegs, erwidert Rabeya Müller, stellvertretende Vorsitzende des ZiF. Im Koran sei unmissverständlich von Menschenwürde die Rede, außerdem von einem achtsamen Umgang unter Eheleuten. "Da macht es also keinen Sinn, wenn es heißt, ein Mann soll seine Frau schlagen!" Es geht nicht bloß um Übersetzungsfragen einzelner Wörter. Es ist ein hermeneutischer Ansatz, der aus der Logik des Textes heraus argumentiert, ansonsten wäre ja der darauf folgende Vers nicht verständlich. Zudem: wie sollte eine Ehe gerettet werden, wenn einer der am Konflikt Beteiligten den anderen schlägt? 

Daher lässt sich Müller nur bedingt auf die althergebrachte historisch-kritische Lesart ein: "Gerade bei diesem Vers wäre dies zu eingleisig und eher ein Ansatz fürs Antiquariat, denn hier geht es um die Frage der interpretierenden Übersetzung. Ansonsten wird und würde immer versucht, die frauenfeindliche Deutung mit den historischen Umständen zu rechtfertigen." In diesem Zusammenhang müsse, neben der Betrachtung aus wissenschaftlicher Distanz, auch die gelebte Religiosität kritisch ins Auge gefasst werden, so Müller: "Natürlich ist grundsätzlich bei dieser Überlegung der historische Kontext von immenser Bedeutung, die Methodik ist allerdings nicht mit dem historisch-kritischen Aspekt etwa in der christlichen Theologie zu vergleichen, dafür ist das Schriftverständnis zu unterschiedlich." 

Auslegung und Deutungshoheit 

Die arabischen Originaltexte neuen Interpretationen zu unterziehen, hat auch einen praktischen Wert. Da der Koran als Wort Gottes gilt, das Muhammad geoffenbart wurde, wird die Auslegung zur scharfen Waffe; ganz wie beim Selbstbehauptungstraining des ZiF, bei dem der Umzug in eine andere Stadt verhandelt wird, liefert die Theologie Argumente, die im Alltag entscheidend sein können, um die Position von Frauen zu stärken. Es geht nicht um Spitzfindigkeiten und Rechthaberei, sondern um Deutungshoheit.

Die emanzipierte Lesart des Korans stößt bei der muslimischen Community auf ein gemischtes Echo. Während sie einerseits Unterstützung und Offenheit findet, sind auch Vorbehalte zu hören, die sich mit dem Begriff "Feminismus" verbinden. Ein Begriff, der Assoziationen weckt an die 68er, an eine provokationsfreudige und oft auch antireligiöse Skepsis, eine westliche Grundhaltung, die nun, so die Befürchtung, dem Islam übergestülpt werden solle.

Begriffsdebatte "Feminismus" 

Um solche Diskussionen zu vermeiden, spricht die Bewegung meist von "Geschlechtergerechtigkeit" statt von Feminismus. Sie betont, es gehe nicht um Provokation. Dass man auch die Religiosität nicht geringschätze, sondern sie ja in den Vordergrund rücke. Und sie bestreitet nachdrücklich, dass ihr Koranverständnis ein Ableger des westlichen Feminismus im Sinne einer a-religiösen Bewegung sei, im Gegenteil, ihre Wurzeln reichten Jahrhunderte zurück, bis ganz zu den Anfängen.

"Was wir wollen, ist, den früh-islamischen Mut wiederzuentdecken, die Diskussionskultur, die es in der frühen Phase des Islams gegeben hat", merkt Rabeya Müller vom ZiF dazu an. In der islamischen Geistesgeschichte gäbe es weibliche Islamgelehrte. Und nicht zuletzt wäre da Khadidscha, die erste Frau Muhammads. Sie war eine völlig selbstständige und unabhängige Frau, die Muhammad als ihren Angestellten kennenlernte. Sie war es, die ihm die Heirat anbot – nicht umgekehrt. Khadidscha gilt als erste Person, die, nach Muhammad, den islamischen Glauben annahm.

Von den Medien kaum beachtet 

Auch der Vorwurf, der islamische Feminismus sei ein westliches Konstrukt, lässt sich leicht entkräften. Das einflussreiche Netzwerk "Sisters in Islam" etwa ist in Malaysia beheimatet. Asma Barlas, eine Vordenkerin und Ikone der weiblichen Sicht auf den Koran, stammt gebürtig aus Pakistan. Auch gehen die Anfänge des heutigen islamischen Feminismus keineswegs auf die Generation von Alice Schwarzer zurück. Qasim Amin, der als moderner Pionier der Bewegung gilt, lebte im Ägypten des späten 19. Jahrhunderts. 

Es ist offensichtlich: Einen Mangel an Belegen und Argumenten gibt es nicht. Dennoch, in den deutschen Medien ist die geschlechtergerechte Sicht auf den Islam kaum ein Thema. "Vielleicht ist die Bewegung vielen tatsächlich unbekannt oder innerislamisch auch vielen suspekt", vermutet Rabeya Müller. Wahrscheinlicher aber sei, dass es hier nicht um eine Wissensfrage gehe, sondern - wieder einmal - um Deutungshoheit: "Unsere Ansätze passen wohl einfach nicht zum 'Feindbild Islam', das sich viele zurechtgelegt haben."

Thilo Guschas, 08.03.2012

Zusatzinformationen

Großmutter und Enkelin im Gespräch

"Meine Oma ist mein großes Vorbild"

Die Großmutter ist 1968 aus der Türkei gekommen, ihre 28-jährige Enkelin ist in Deutschland aufgewachsen. Wie ähnlich und unterschiedlich sind ihre Meinungen zum Rollenverständnis, zum Glauben oder zur Erziehung?

Mehr: "Meine Oma ist mein großes Vorbild" …

Gruppenaufnahme mehrerer Mitglieder des Kompetenzzentrums muslimischer Frauen

Kompetenzzentrum muslimischer Frauen e. V.

Zur gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen und Kindern aus dem muslimischen Kulturkreis möchte das Kompetenzzentrum aus Frankfurt beitragen. Es besteht aus Expertinnen unterschiedlicher Fachbereiche.

Mehr: Kompetenzzentrum muslimischer Frauen e. V. …

Cover des Magazins SPIEGEL Special, Quelle: SPIEGEL Special Nr. 1/1998

Muslimisch, weiblich, unterdrückt und gefährlich - Stereotype muslimischer Frauen in öffentlichen Diskursen

Muslimischen Frauen wird in öffentlichen Diskursen nur ein sehr begrenztes Repertoire an Rollen zugestanden – zur dominanten Figur der "unterdrückten Muslimin" gesellt sich die "gefährliche", da "permanent gebärende" Muslimin.

Mehr: Muslimisch, weiblich, unterdrückt und gefährlich - Stereotype muslimischer Frauen in öffentlichen Diskursen …