DIK - Deutsche Islam Konferenz - Frankfurter Initiative progressiver Frauen

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"Warum werden wir nicht gesehen?"

Sie wollen sich einmischen und mitreden: die Frauen der „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“ (fraINfra). Ein Netzwerk von Frauen verschiedener Herkunft und aus diversen Berufszweigen. Sie kommen aus islamischen Kulturkreisen, doch darauf wollen sie sich nicht reduzieren lassen. Gönül Halat-Mec von fraINfra erläutert im Gespräch mit Naima El Moussaoui, für welche Ziele und Themen die Initiative eintritt.

In Ihrem Frauennetzwerk haben sich rund 180 Frauen zusammengeschlossen, die meisten sind türkischer Herkunft. Darunter sind Ärztinnen, Juristinnen, Betriebswirtinnen, Informatikerinnen und Psychologinnen. Was wollen die Frauen von fraINfra erreichen?

Gönül Halat-Mec: Wir sind aus der Motivation heraus entstanden, Frauen wie uns eine Stimme zu geben und gegenüber der Politik zu demonstrieren, dass es auch eine gelungene Integration gibt. In der Öffentlichkeit existiert weiterhin das Bild von der ungebildeten und unterdrückten Frau aus dem islamisch geprägten Kulturkreis. Warum werden wir nicht gesehen? Vor allem in den Medien werden meist nur die Problemfälle abgebildet. Diesem Bild wollten wir etwas entgegensetzen. Außerdem geht es uns auch darum, Vorurteile wie "muslimisch gleich antidemokratisch" zu widerlegen.

Welches Frauenbild will fraINfra dem Klischee der bevormundeten muslimischen Frau entgegenhalten?

Für uns ist es selbstverständlich, dass eine Frau genauso Karriere machen kann wie ein Mann. Nur eine Frau, die gebildet und finanziell unabhängig ist, kann in der Partnerschaft und in der Gesellschaft mitreden. Diese Frauen gibt es, aber es müssen noch mehr werden. Die Mehrheitsgesellschaft hat ihre Vorstellung von der unterdrückten muslimischen Frau und die islamischen Verbände vertreten die Ansicht: Alle Muslime sind wunderbar und aus religiösen Gründen dürft ihr bestimmte Dinge nicht von uns erwarten. Die Islamverbände haben den Anspruch alle Muslime zu vertreten, aber das tun sie nicht. Man muss hervorheben, dass Vielfalt auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft vorhanden ist. Wir haben uns in der Debatte vorher nicht wiedergefunden.

Sie arbeiten als Anwältin für Familienrecht und viele Ihrer Klienten sind türkisch- und arabischstämmig. Was beobachten Sie in diesen Familien hinsichtlich der Gleichstellung von Mann und Frau?

Es ist insgesamt so, dass heute viel mehr Frauen sagen, ich brauche meine Rechte und Gleichberechtigung. Sie akzeptieren nicht mehr, dass der Mann alleiniges Familienoberhaupt ist und vorgibt, wie sie zu leben haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob die jeweilige Frau ein Kopftuch trägt oder nicht. Als ich 1997 mit dem Familienrecht angefangen habe, sagte mir ein Kollege: Bei den türkischstämmigen Familien gibt es doch keine Scheidungen. Das hat sich inzwischen geändert. Auch Frauen aus dem islamischen Kulturkreis setzten ihre Grenzen. Wir müssen die Unabhängigkeit der Frauen fördern, damit die Männer merken, dass ihre Frauen genauso viel zu sagen haben wie sie selbst.

Es ist zwar so, dass bei Muslimen die Gleichberechtigung von Mann und Frau deutlich reduzierter ist als in einer Gesellschaft, die seit den 60ern aktiv daran gearbeitet hat. Aber es liegt nicht an der Religion, denn auch der Katholizismus schränkt Frauen erheblich in ihren Rechten ein. Wir müssen die humanistischen Werte gegen alle Religionshüter verteidigen, wer auch immer das ist. Auch wenn wir von fraINfra islamischer Herkunft sind, steht für uns die Religion nicht im Vordergrund.

Sie bezeichnen sich entsprechend als Netzwerk "säkularer Frauen" und wollen Staat und Religion voneinander trennen. Was steht denn bei Ihnen im Vordergrund?

 Für uns stehen Bildung und Chancengerechtigkeit im Vordergrund. Religion ist für uns Privatsache. Menschen mit Migrationshintergrund müssen die Chance erhalten, am sozialen Aufstieg teilzuhaben und das können sie nur durch Bildung. Viele Bildungsdefizite haben vor allem mit dem deutschen Schulsystem zu tun, das jahrelang Probleme nicht wahrgenommen hat. Kinder, die eben nicht Deutsch als Muttersprache hatten, sind durch das dreigliedrige Schulsystem hindurchgefallen. Schon aufgrund der frühen Auslese haben diese Kinder schlechtere Chancen. Wir brauchen Reformen, Lehrerfortbildungen, kleinere Schulklassen, gezielte individuelle Förderung. Das Bewusstsein für Vielfalt muss wesentlich stärker werden, damit diese Kinder nicht mehr abgestempelt werden.

Die Bildungschancen von Kindern aus Migrantenfamilien stehen nach wie vor schlecht – auch wenn es kleine Fortschritte gibt, wie der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung verdeutlicht. Was tut Ihre Initiative, um mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder nicht-deutscher Eltern zu erreichen, können Sie mir Beispiele nennen?

Wir sind überzeugt davon, dass ein erfolgreiches gesellschaftliches Miteinander nur durch adäquate Bildung und die damit verbundenen Bildungschancen gelingen kann. Als Kinder der ersten Migrantengeneration belegen wir diese These mit unserem eigenen Werdegang. Wir werden vor allem von Einrichtungen und Projektinitiatoren angesprochen, die junge Menschen aus Migrantenfamilien in ihrem schulischen und beruflichen Werdegang unterstützen und dabei nach Vorbildern suchen. Dabei können wir helfen: Beispielsweise haben wir im vergangenen Jahr ein Projekt mit dem Mentorenprogramm des Vereins für Kultur und Bildung in Frankfurt am Main (KUBI e.V) gestartet und Mentorinnen aus unserem Netzwerk vermittelt, um die Schul- und Berufschancen der jungen Menschen verschiedener Herkunft zu verbessern. Unsere Mentorinnen und die Mentees arbeiten seither erfolgreich zusammen.

Aktuell kooperieren wir zudem noch mit der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt, die einen hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund aufweist. Im Rahmen der beruflichen Orientierungswochen an der Schule, die den Oberstufenschülern jährlich einmal angeboten werden, unterstützen wir die Abiturstufe, Kontakte zu verschiedenen renommierten Unternehmen herzustellen. Die engagierte Lehrerin wollte im Rahmen dieser Veranstaltung einen anderen Weg gehen, nämlich den Schülern auch Vorbilder zeigen, die mit ihrem persönlichen Lebensweg die jungen Menschen motivieren können. Die jeweilige Kontaktperson sollte selbst aus einer Familie mit Migrationsgeschichte stammen und den Schülern als Vorbild, für Fragen und mit Rat zur Seite stehen. Hierbei haben wir vermittelt und unterstützt.

Die Frauen von FraINfra wollen vor allem für muslimische Mädchen und junge Frauen ein Vorbild sein. Was ist ihre Botschaft?

Viele Frauen in meiner Umgebung haben gegen den Widerstand der Lehrer und auf dem zweiten Bildungsweg Erfolg gehabt, weil die Lehrer ihnen vieles nicht zutrauten.

FraINfra will Mädchen und junge Frauen aus Migrantenfamilien mitteilen, dass sie gläubig sein und trotzdem Karriere machen und an dieser Gesellschaft teilhaben können. Das eine schließt das andere nicht aus. Wir können in dieser Gesellschaft gut integriert sein, ohne unsere Identität aufgeben zu müssen.

Wir wollen, dass gerade diese Mädchen sehen: Da sind welche von "uns", die es geschafft haben. Dieser Gedanke existiert noch, weil wir gesellschaftlich leider noch nicht so weit sind, dass wir uns alle als Deutsche fühlen. Schließlich gilt man auch mit einer deutschen Staatsbürgerschaft immer noch nicht als vollwertige Deutsche, wenn man nicht den christlichen Glauben hat. Auch hier wieder: Religion wird in den Vordergrund gerückt und an Unterschieden festgehalten.

Gönül Halat-Mec ist Mitglied der vierköpfigen Koordinierungsgruppe der "Frankfurter Initiative progressiver Frauen" (fraINfra).

Das Interview führte Naima El Moussaoui im Januar 2012

Zusatzinformationen

Gruppenaufnahme mehrerer Mitglieder des Kompetenzzentrums muslimischer Frauen

Kompetenzzentrum muslimischer Frauen e. V.

Zur gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen und Kindern aus dem muslimischen Kulturkreis möchte das Kompetenzzentrum aus Frankfurt beitragen. Es besteht aus Expertinnen unterschiedlicher Fachbereiche.

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Cover des Magazins SPIEGEL Special, Quelle: SPIEGEL Special Nr. 1/1998

Muslimisch, weiblich, unterdrückt und gefährlich - Stereotype muslimischer Frauen in öffentlichen Diskursen

Muslimischen Frauen wird in öffentlichen Diskursen nur ein sehr begrenztes Repertoire an Rollen zugestanden – zur dominanten Figur der "unterdrückten Muslimin" gesellt sich die "gefährliche", da "permanent gebärende" Muslimin.

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Großmutter und Enkelin im Gespräch

"Meine Oma ist mein großes Vorbild"

Die Großmutter ist 1968 aus der Türkei gekommen, ihre 28-jährige Enkelin ist in Deutschland aufgewachsen. Wie ähnlich und unterschiedlich sind ihre Meinungen zum Rollenverständnis, zum Glauben oder zur Erziehung?

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mehrere Männer im Gespräch

Der Vaterflüsterer von Neukölln

Seine Selbsthilfegruppe für türkische Männer hat Kazim Erdogan viele Auszeichnungen eingebracht, zuletzt durch den "Panterpreis" der Taz. Die Botschaft der "Vätergruppe": Macho-Sprüche helfen nicht weiter.

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Kopftuchmode

Neue Kopftuchmode in Deutschland   

Junge Musliminnen sind heute genauso modebewusst wie nicht-muslimische Frauen in Deutschland. Und dank der Kreationen innovativer Designer sind nun auch Schwimmen und Sporttreiben mit Kopftuch kein Problem mehr.

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