DIK - Deutsche Islam Konferenz - Interview Großmutter-Enkelin

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"Meine Oma ist mein großes Vorbild"

Leman Kelahmetoğlu kam 1968 nach Deutschland. Die heute 77-Jährige arbeitete zunächst in einer Harzer Nudelfabrik, später als Näherin in verschiedenen Betrieben in Berlin und führte dort 25 Jahre lang eine eigene Änderungsschneiderei. Kelahmetoğlu hat 5 Kinder und 16 Enkelkinder. Eines davon ist die 28-jährige Sezen Tatlıcı-Ince. Sie hat ein Studium in Business Administration absolviert und ist Mitgründerin des Vereins "Typisch Deutsch e.V.", in dem sich Menschen engagieren, die das Bild davon, was deutsch ist, erweitern wollen.

Im Interview sprechen die beiden über ihr Rollenverständnis, ihren Glauben, ihre Wertvorstellungen und wie sich diese im Laufe der Generationen verändert, aber auch tradiert haben.

Frau Kelahmetoğlu, Sie sind 1968 als Gastarbeiterin nach Deutschland gekommen. War es damals nicht ungewöhnlich für eine Frau, alleine ins Ausland zu gehen?

Kelahmetoğlu: Das war es. Man sagte: "Wer weiß, was einer Frau dort passieren kann!". Einige Verwandte warfen meiner Mutter vor, wie sie mich alleine gehen lassen könne. Auch mein Mann war nicht begeistert. Aber nachdem mein Vater gestorben war, für den ich als Schneiderin gearbeitet hatte, wusste ich nicht, wie es weitergehen soll. Ich sagte mir, bevor wir verhungern, muss ich etwas tun und wenn so viele nach Deutschland gehen, kann ich es auch versuchen.

Porträt der EnkelinDie Enkelin, Sezen Tatlici-Ince Quelle: York Wegerhoff

Was waren damals ihre Vorstellungen und Ziele?

Kelahmetoğlu: Ich wollte eigentlich nur genug Geld verdienen, um meine Familie zu unterstützen, etwas ansparen und dann zurückgehen. Aber dann sind die Kinder hier aufgewachsen, haben geheiratet und selbst Kinder bekommen, und so bin ich geblieben, denn was sollte ich ohne sie in der Türkei? Aber ich habe es nie bereut. Ich liebe Deutschland, ich habe hier alles bekommen.

Mit was für einem Rollenverständnis sind Sie aufgewachsen?

Kelahmetoğlu: Mein Vater war ein gläubiger und sehr moderner Mann. Für ihn waren Mann und Frau gleich. Er hat viel Wert auf Bildung gelegt. Er sagte: "Egal, ob Sohn oder Tochter, meine Kinder werden zur Schule gehen!". Ich habe fünf Jahre lang die Schule besucht, was damals für ein Mädchen nicht selbstverständlich war. Aber ich habe auch schon früh gearbeitet, habe schon mit neun Jahren das Schneidern gelernt.

Tatlıcı-Ince: Meine Oma ist mein großes Vorbild. Von ihr habe ich gelernt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin als erste aus unserer Familie, wie sie, allein ins Ausland gegangen. Auch die Wertschätzung von Bildung wurde an uns weitergegeben. Meine Mutter hat zu uns gesagt: "Ich lege Wert auf Individualität, aber eine Sache setze ich voraus und zwar das Abitur". Von meiner Mutter, die auch Elternvertreterin war, habe ich gelernt, mich für meine Rechte einzusetzen, mich einzumischen und einzubringen in die Gesellschaft. Ich würde mich selbst als Feministin bezeichnen, aber nicht à la Alice Schwarzer. Ich habe dieselben Rechte wie mein Mann, aber ich möchte kein "Mann im Rock sein", sondern mir eine gewisse Weiblichkeit bewahren.

Welchen Stellenwert hat Religion für Sie?

Kelahmetoğlu: Unser Glaube ist uns sehr wichtig. Wir gehören einer arabischen Minderheit in der Türkei an. Wir sind muslimische Aleviten aus Antakya. Wir fasten, gehen in die Moschee, begehen die islamischen Feiertage. Aber letztlich gibt es nur einen Gott. Egal ob Moslem, Christ oder Jude, wir sind alle Geschwister. Seinen Glauben trägt man im Kopf und im Herzen, nicht nach außen.

Tatlıcı-Ince: Davon bin ich auch überzeugt. Ich bin sehr gläubig, aber nicht sehr religiös. Der Glaube muss tief in deinem Herzen sein. Das bedeutet zum Beispiel, andere Menschen nicht zu betrügen, ehrlich zu sein, mit Bedürftigen zu teilen. Dieser Glaube ist mir viel wichtiger, als sich nur an religiöse Regeln zu halten.

Hat sich in puncto Religiosität im Verlauf der Generationen etwas verändert?

Tatlıcı-Ince: Ich habe Cousins, die jeden Freitag in die Moschee gehen, andere, die nicht sehr religiös sind und sogar einen, der Atheist ist. Für uns ist es wichtig, diese Vielfalt zuzulassen. Man sollte niemandem vorschreiben, was er zu denken und zu glauben hat.

Welche unterschiedlichen Vorstellungen treffen innerhalb Ihrer Familie, gerade zwischen den Generationen, aufeinander?

Tatlıcı-Ince: Dass ich während des Studiums alleine gewohnt habe, war für einige Familienmitglieder zum Beispiel ungewöhnlich. Ein anderer Punkt war das Thema Heirat. Meine Oma war erst 14 Jahre alt, als sie geheiratet hat. Ich habe erst vor ein paar Monaten geheiratet, mit 27. Da wurde schon öfter die "Angst" geäußert, dass ich alleine bleiben könnte und ob ich nicht endlich heiraten wolle. Jetzt bekomme ich öfter den Rat zu hören, nicht lange mit dem Kinderkriegen zu warten. Aber ich werde das zu dem Zeitpunkt machen, den ich für richtig halte.

Kelahmetoğlu: Unsere Kinder sind frei zu tun, was sie möchten, so lange sie nichts Schlechtes tun.

Was würden Sie an Ihre eigenen Kinder weitergeben, was würden Sie anders machen als Ihre Eltern und Großeltern, Frau Tatlıcı-Ince?

Tatlıcı-Ince: Man sollte nicht zu streng, aber auch nicht zu offen sein. Ich würde meinen Kindern nicht per se verbieten, einen Freund oder eine Freundin zu haben, ihnen aber auch nicht mit zwölf oder dreizehn Jahren Kondome in die Hand geben. Übernehmen würde ich, mit bestimmten Themen offen umzugehen. Meine Mutter hat uns aufgeklärt. Sie ist auch mit uns in die Disko gegangen, um uns zu zeigen, wie es dort ist. Es ging darum, uns den Reiz des Verbotenen zu nehmen.

Kelahmetoğlu: Bis ein Kind achtzehn ist, muss man "kontrollieren", was es macht und mit wem es zusammen ist. Erst dann kann es selbst entscheiden, was gut und schlecht für es ist.

Tatlıcı-Ince: Das sehe ich etwas anders. Ich denke, man sollte eher ein freundschaftlich-offenes Verhältnis zu den Kindern haben als ein kontrollierendes.

Frau Tatlıcı-Ince, was sind Ihre Ziele, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Tatlıcı-Ince: Ich wünsche mir, dass wir Einigkeit in Vielfalt in Deutschland bekommen, dass jeder so leben kann, wie er ist. Meine Eltern und Großeltern haben immer gesagt, dass jeder so leben soll, wie er möchte, auch wenn es einem nicht passt. Das ist etwas, das mir in der deutschen Gesellschaft fehlt. Deshalb habe ich auch den Verein ‚Typisch Deutsch’ gegründet. Und ich würde mir wünschen, dass die Verdienste der 1. Generation, also von Menschen wie meiner Oma, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, mehr gewürdigt werden.


Das Interview führte Rana Göroğlu am 28. November 2011.

Rana Göroglu hat Geschichte, Politik und Turkologie in Berlin und Göttingen studiert und ihr Studium mit einem Master of Arts in Euroculture, einem interdisziplinären, europäischen Studiengang an der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden abgeschlossen. Seit 2003 arbeitet Göroglu crossmedial als freie Journalistin und Redakteurin. Zu ihren Schwerpunkten gehören Themen mit Bezug zur Türkei sowie zur deutsch-türkischen Migrationsgeschichte und Gegenwart. Sie ist Mitbegründerin des Vereins Neue Deutsche Medienmacher, einer Initiative, die sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzt.

Zusatzinformationen

Großmutter und Enkelin im Gespräch mit der Reporterin

Fotogalerie Großmutter-Enkelin

Leman Kelahmetoglu und ihre Enkeltochter, Sezen Tatlici-Ince, sitzen während des Interviews mit der Journalistin Rana Göroğlu im Wohnzimmer der vielfachen Großmutter.

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Die Deutsche Islam Konferenz ist ein Dialogforum zwischen Vertretern des deutschen Staates und Muslimen in Deutschland. Ziel des langfristig angelegten Dialogs ist, das Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

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