DIK - Deutsche Islam Konferenz - Kompetenzzentrum muslimischer Frauen

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Kompetenzzentrum muslimischer Frauen e. V.

Frau Çakir, Sie sind eine der Initiatorinnen des Kompetenzzentrums muslimischer Frauen e.V. (KMF). Ist das eine Selbsthilfegruppe?

Naime Çakir: Nein, als Selbsthilfegruppe verstehen wir uns nicht. Gleichwohl möchten wir mit der Gründung des KMF ein Zeichen setzen, nämlich dass wir unsere Bedürfnisse selbst formulieren und zur Lösung der Probleme beitragen wollen. Wir möchten uns mit unseren Ressourcen und unseren Kompetenzen in die Gesellschaft einbringen und andere Frauen dazu ermuntern, es uns gleich zu tun.

Sie sprechen von "wir"; wer gehört dem KMF an?

Naime Çakir: Wir sind etwa dreißig Frauen, die ihre Wurzeln in der Türkei, Marokko, Bosnien, Afghanistan, Polen und in Deutschland haben. Unsere Mitglieder gehören dem sunnitischen, schiitischen und alevitischen Islam an und fühlen sich auf unterschiedliche Weise dem Islam verbunden. Unter uns sind praktizierende Muslima mit und ohne Kopftuch, aber auch Frauen, deren Bezug zum Islam vor allem ein kultureller ist.

Wo ordnen Sie sich selbst ein?

Ich möchte das religiös-spirituelle nicht missen. Zu allererst bin ich aber Mensch, Frau, Mutter einer siebenjährigen Tochter und und und... und auch Muslima: Die Religion ist also nur eine von meinen Teilidentitäten.

Was genau verbirgt sich hinter dem Kompetenzzentrum muslimischer Frauen?

Naime Çakir: Wir verstehen uns als ein Zentrum, das sich Fragen der Integration, Partizipation, Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit widmet. Wir sind kein religiöser Verein, uns geht es um soziale und gesellschaftliche Themen. Langfristig möchten wir auch eine Beratungsstelle für hilfesuchende Frauen sein; noch haben wir leider nicht die Kapazitäten, um umfangreich beraten zu können. Diesen Bereich decken wir überwiegend informell ab. Wenn sich Frauen an uns wenden, weil sie auf uns aufmerksam geworden sind, dann nehmen wir uns schon Zeit für Gespräche. Wir haben aber keine Hotline und feste Sprechstunden. Wir sind alle berufstätig und auch familiär eingebunden. Im KMF engagieren wir uns ehrenamtlich.

 

Wo genau bringt sich das KMF ein?

Naime Çakir: Derzeit kümmern wir uns um zwei Projekte: Gesundheitsberatung in drei Moscheegemeinden, und wir sind seit kurzem der Trägerverein von MUSE (muslimische Seelsorge in Wiesbaden). Wir arbeiten gerade an einem Konzept, das die Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern im Blick hat. Denn Bildung und Fortbildung ist eine der Säulen, auf der das KMF steht. Uns geht es darum, die Chancengleichheit, Integration und Teilhabe von Frauen und Kindern aus dem muslimischen Kulturkreis zu fördern. Ein Weg dazu ist die Schulung von Multiplikatoren, also von Mitarbeitern in öffentlichen Einrichtungen und anderen Institutionen, und das schließt muslimische Organisationen ein. In Frankfurt beispielsweise waren wir an zwei Fortbildungen beteiligt, die das Amt für multikulturelle Angelegenheiten veranstaltet hat - das eine richtete sich an Imame und Seelsorger, das andere an Jugendgruppenleiter in Moscheegemeinden. Der interkulturelle und interreligiöse Dialog ist ein weiterer Bereich, in dem wir aktiv sind.

Muslima zu sein oder dem islamischen Kulturkreis anzugehören reicht doch nicht aus, um sich in gesellschaftliche und politische Debatten einzubringen; es geht doch um Sachverstand...

Naime Çakir: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Leider melden sich inzwischen allzu viele "Experten" zu Wort und beziehen Stellung auch in den Bereichen, in denen sie keinerlei Kompetenz haben. Wir im KMF sind auch nicht in allen Themen fit – jedenfalls nicht jede Frau in jedem Sachgebiet. Wir haben aber ein Team von Expertinnen, die selbst etwas auf die Beine stellen wollen und können. Unter uns sind islamische Theologinnen, Religionswissenschaftlerinnen, Juristinnen, Pädagoginnen und Psychologinnen. Bei den Anfragen überlegen wir genau, wer von uns über die richtige Qualifikation verfügt, da uns der Glaube nicht zu Expertinnen macht.

Welche Idee steckt hinter der Gründung des KMF?

Naime Çakir: Die Gründerinnen des Kompetenzzentrums waren unabhängig voneinander in unterschiedlichen Bereichen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs ehrenamtlich tätig und stellten fest, dass es wenige Angebote für muslimische Frauen gab. Und weil wir alle uns daran störten, dass muslimische Frauen in öffentlichen Debatten über einen Kamm geschert werden und über uns als die "armen, bemitleidenswerten Wesen" geredet wird, haben wir uns vor zwei Jahren zusammengetan; inzwischen sind wir als gemeinnütziger Verein anerkannt. Wir meinen: Die Opferposition schafft gesellschaftliche Hierarchien und trägt zur Klientelisierung muslimischer Frauen bei. Probleme möchten wir keineswegs aussparen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es sie in manchen Familien gibt. Ich weiß aber auch, dass wir die Probleme nicht lösen werden, wenn wir alles Unheil "dem" Islam anlasten. Die gesellschaftliche Integration und Emanzipation muslimischer Frauen wird nicht durch die permanente Aufforderung zum Bruch mit der Religion gelingen, sondern durch adäquate Bildungsangebote, der Stärkung ihrer beruflichen Chancen und gesellschaftliche Teilhabe.

zur Person:

Naime Çakir ist Vorsitzende des Kompetenzzentrums muslimischer Frauen. Die 42-Jährige studierte Sozialpädagogik und Religionswissenschaft. Sie stammt aus der Türkei und lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland.

Das Interview führte Canan Topcu, 23.11.11.

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Das Plenum 2011 tagte in noblem Ambiente.

Ziele der Deutschen Islam Konferenz 2010

Die Deutsche Islam Konferenz ist ein Dialogforum zwischen Vertretern des deutschen Staates und Muslimen in Deutschland. Ziel des langfristig angelegten Dialogs ist, das Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

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