DIK - Deutsche Islam Konferenz - Stereotypisierungen muslimischer Frauen

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Muslimisch, weiblich, unterdrückt und gefährlich - Stereotype muslimischer Frauen in öffentlichen Diskursen

"Allahs rechtlose Töchter. Muslimische Frauen in Deutschland" – so titelte Deutschlands auflagenstärkstes Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL im November 2004 und präsentierte in einem 34-seitigen Themenschwerpunkt das traumatische Schicksal einzelner muslimischer Frauen, die von ihren Familien tyrannisiert werden (s. Abbildung 1). Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass ihre Lebensumstände repräsentativ seien für einen Großteil muslimischer Frauen in Deutschland.

Mit dem Cover – auf dem eine gesichtslose, in dunkle lange Kleidung gehüllte Frau mit gesenktem Kopf durch das Bild huscht – reproduzierte der SPIEGEL das historisch tradierte und nach wie vor dominante Stereotyp der unterdrückten Muslimin.

Cover des Magazins sternAbb. 2: Stern Nr. 28 vom 08.07.2010

Die Analyse über einen längeren Zeitraum zeigt, dass sich bei der medialen Darstellung muslimischer Frauen durch fortwährende Wiederholung mit geringer Variation ein bestimmtes Muster herausgebildet hat, dessen sich beispielsweise auch das Magazin "stern" mit seiner Titelstory "Frauen im Islam" vom Juli 2010 bediente (s. Abbildung 2).

Der Untertitel "Wie sie im Namen Allahs unterdrückt werden – und sich dagegen wehren" gesteht muslimischen Frauen zwar ein gewisses Maß an Handlungsmacht zu, erklärt ihre Unterdrückung aber zugleich pauschal zu einem Faktum. Die unterdrückte Muslimin fungiert in diesem Wahrnehmungsmuster als Kontrastfigur, deren Pendant die emanzipierte westliche Europäerin bildet. Gerahmt wird dieser Topos von einem Diskurs, der Europas freiheitlich-demokratischer Kultur und Tradition der Aufklärung einen nicht-integrierbaren, rückständigen und gewaltbereiten Islam gegenüberstellt.

Sexismus und Patriarchat – spezifisch islamisch?

Die Rechtlosigkeit und Unterdrückung, denen muslimische Frauen ausgesetzt seien, hat laut diesen SPIEGEL- und stern-Ausgaben eine eindeutig zu identifizierende Quelle: den Islam. In der stern-Titelstory finden sich großgedruckte Koranzitate in eine Bildstrecke hinein montiert, die den frauenfeindlichen Charakter des Islams illustrieren sollen – vergleichbare Bibelstellen werden nicht thematisiert. Da aus medienanalytischer Sicht nicht nur das Dargestellte, sondern auch das Ausgeblendete bedeutsam ist, wird damit der Eindruck erweckt, dass patriarchale Strukturen ein Alleinstellungsmerkmal des Islams wären. Auch beim SPIEGEL-Themenschwerpunkt handelt es sich nicht um eine breiter angelegte Religions- oder Patriarchatskritik, was sich darin zeigt, dass nicht "Gottes rechtlose Töchter" porträtiert werden, sondern – signalisiert durch die Verwendung der arabischen Bezeichnung für "Gott" – patriarchale Strukturen nur im Zusammenhang mit Islam und MuslimInnen angeprangert werden.

Verschleierung des eigenen Sexismus bei der Thematisierung der "armen Musliminnen"

Ein solcher ausschließlicher Fokus auf die islamische Religion als monokausale Erklärung für Frauenunterdrückung erfüllt mehrere Funktionen: Wenn patriarchale Gewalt und Sexismus in erster Linie bei den Anderen verortet und nicht in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt werden (schließlich beherbergen Frauenhäuser auch mehrheitsdeutsche Frauen), kann das Phänomen bequem ausgelagert werden, zugleich wird die Vorstellung eines unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen "westlicher" und "islamischer" Kultur zementiert.

Dass der Verweis auf einen vermeintlich genuin muslimischen Sexismus mit eigenen sexistischen Einstellungen einhergehen kann, lässt sich empirisch nachweisen: Bei einer aktuellen repräsentativen Studie in acht EU-Mitgliedsstaaten stimmten in Deutschland 76,1 % der Befragten der These zu "Die muslimischen Ansichten über Frauen widersprechen unseren Werten". Aus demselben Sample der Befragten waren 52,7 % gleichzeitig der Meinung "Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen" – und artikulierten damit selbst ein konservatives Geschlechterverständnis.¹

Funktionen von Selbst- und Fremdbildern in Bezug auf "die muslimische Frau"

Aus psychoanalytischer Sicht lässt sich das Fremdbild als Kehrseite des Selbstbildes begreifen. Durch Projektion auf den Anderen können negative Elemente des Eigenen nach außen verlagert werden. Die Funktion solcher Fremd- und Selbstbilder liegt auf der Hand: Die Fremddämonisierung wird meist begleitet von einer Selbstidealisierung – rechtlos erscheinen nur noch die "Töchter Allahs", die westlichen Europäerinnen stünden hingegen am Ende eines verwirklichten Emanzipationsprozesses.

Im Umgang mit muslimischen Frauen in Deutschland bietet eine solche Sichtweise in zweifacher Hinsicht eine Entlastung: Das Projekt der Geschlechtergleichheit scheint innerhalb der Mehrheitsbevölkerung nahezu realisiert – die Rolle mehrheitsdeutscher Männer und Frauen besteht nun darin, muslimische Frauen "mit Migrationshintergrund" vor ihren Männern zu schützen. Andererseits können durch einen solchen Fokus die Diskriminierungserfahrungen muslimischer Frauen jenseits der eigenen Community unsichtbar gemacht werden.

Wessen Stimmen werden gehört und wessen nicht?

Es fällt bei der Analyse des medialen Diskurses über "die muslimische Frau" in Deutschland ins Auge, dass diese in erster Linie als Opfer muslimischer Männer thematisierbar scheint und sich vorrangig in diesem Kontext Gehör zu verschaffen vermag, jedoch nicht als Opfer einer Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie u.a. Studien der Antidiskriminierungsstelle des Bundes belegen², sehen sich insbesondere kopftuchtragende Frauen im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt mit Vorurteilen, Ablehnung und Benachteiligung konfrontiert. Ihre Erfahrungen finden im öffentlichen Diskurs einen vergleichsweise geringen Widerhall.

Dieses unterschiedliche Maß an Aufmerksamkeit, das muslimische Frauen, die von gesellschaftlichem Ausschluss betroffen sind, erfahren, deutet darauf hin, dass es bei dem Topos der unterdrückten Muslimin weniger um die Emanzipation muslimischer Frauen als eher um eine Selbstvergewisserung geht. Denn die Schicksale der von Zwangsheirat und anderen Gewaltformen betroffenen Frauen beglaubigen ein dominierendes Islambild, das durch die Zuschreibung von Rückständigkeit und Unzivilisiertheit gekennzeichnet ist, während die aus freien Stücken Kopftuch tragende Frau die Deutungshoheit der Mehrheitsgesellschaft infrage stellt. Durch sie wird das Kopftuch zu einem uneindeutigen Symbol.

Die "gefährliche Muslimin"

Cover des Magazins SPIEGEL Special, Quelle: SPIEGEL Special Nr. 1/1998Abb. 3: SPIEGEL-Special Nr. 1 vom Januar 1998

Die Verhüllung, die bei der medialen Inszenierung der muslimischen Frau als Thema vorherrscht, lässt sich auch als Metapher für ein verschwörerisches Agieren im Geheimen und Verborgenen lesen. Neben dem Topos der "unterdrückten Muslimin" existiert parallel also auch die Figur der "gefährlichen Muslimin" – und das nicht erst seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die diskursive Verknüpfung von Schleier und Fundamentalismus findet sich zum Beispiel auf dem Cover der SPIEGEL-Special-Ausgabe vom Januar 1998 mit dem Titel "Weltmacht hinterm Schleier – Rätsel Islam" (s. Abbildung 3).

Anknüpfend an orientalistische Haremsphantasien des 19. Jahrhunderts wird hier einerseits das Bild der geheimnisvollen und erotischen Orientalin aufgerufen. Zugleich wird das Zusammenspiel von "Frau", "Islam" und "Bedrohung" durch das halbe Gesicht einer verschleierten Frau, deren Augenbraue zu einem Krummsäbel geformt ist, versinnbildlicht.

    

Auch das Plakat der Anti-Minarett-Initiative der Schweizerischen Volkspartei von 2009 bedient sich dieser vergeschlechtlichten Symbolik der sich ausbreitenden "islamischen Gefahr" (s. Abbildung 4). Phallushafte Minarette schießen raketenförmig aus dem Inneren der Schweizer Flagge empor, die linke Bildhälfte nimmt eine bis auf die Augenpartie tiefverschleierte und wie die Minarette ganz in schwarz gezeichnete Frau ein.

In islamfeindlichen Diskursen stellt die Gebärfähigkeit der Muslimin eine "Waffe" dar. Mit dem Fokus auf ihre Fortpflanzungsfähigkeit wird die Figur der "gefährlichen Muslimin" in die Tradition biologistisch-rassistischer Argumentationsweisen eingebettet.

Bedrohung durch die "permanent gebärende" Muslimin

Ein demografisches Bedrohungsszenario gehört auch in etablierteren Diskursen zum festen Bestandteil antimuslimischer Rhetorik, wie das Beispiel des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin zeigt. In seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" finden sich entsprechende Passagen: "Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar".³

In dem Bild der permanent Gebärenden fließen das Stereotyp der unterdrückten und gefährlichen Muslimin zusammen: Weil sie so unemanzipiert ist, bekommt sie so viele Kinder, und weil sie so viel Nachwuchs produziert, vermehren sich MuslimInnen als unerwünschter Bevölkerungsteil so überproportional – so die Argumentationskette.

Die Notwendigkeit von Gegendiskursen

Die Kategorie Geschlecht spielt in antimuslimischen Diskursen eine zentrale Rolle. Stereotypisierungen "der muslimischen Frau" können dabei zwischen bevormundender" Darstellung als Opfer und Dämonisierung schwanken. Solche Diskurse aufzubrechen und vielstimmiger zu machen ist schon allein deshalb notwendig, da Bilder und Stereotype, die im medialen und politischen Diskurs produziert werden und als soziales Wissen kursieren, einen stigmatisierenden Effekt haben können und sich auf das Handeln von Menschen auswirken können.

Yasemin Shooman, 09.01.2012

Yasemin Shooman ist Historikerin und Doktorandin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Antimuslimischer Rassismus/Islamfeindlichkeit, Migration und Medienanalyse.


[1] Andreas Zick et al. Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, Berlin 2011, S. 70-72.

[2] Vgl. z.B.Rechtswissenschaftliche Expertise der ADS und Sozialwissenschaftliche Expertise der ADS.

[3] Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S. 267.

Zusatzinformationen

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Neue Kopftuchmode in Deutschland   

Junge Musliminnen sind heute genauso modebewusst wie nicht-muslimische Frauen in Deutschland. Und dank der Kreationen innovativer Designer sind nun auch Schwimmen und Sporttreiben mit Kopftuch kein Problem mehr.

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