DIK - Deutsche Islam Konferenz - Vätergruppe Neukölln

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Der Vaterflüsterer von Neukölln

Seine Selbsthilfegruppe für türkische Männer hat Kazim Erdogan viele Auszeichnungen eingebracht, zuletzt durch den "Panterpreis" der Taz. Die Botschaft der "Vätergruppe": Macho-Sprüche helfen nicht weiter.

"Das Geheimnis?" Kazim Erdogan schmunzelt. Es geht um die "Vätergruppe", die er in Berlin-Neukölln gegründet hat. Eine Gruppe für türkische Männer, wo sie über ihr Rollenverständnis als Mann reden, über Erziehung, Beziehungsprobleme. Über Gefühle. Eine Gruppe also für die, die in Deutschland den Ruf weghaben, Integrationsverweigerer zu sein, aus der Zeit gefallene Machos, Ehrenmörder. Ja, das Geheimnis? Erdogan rückt seinen Nadelstreifenanzug glatt, ordnet das graue Haar. Er sagt, mit milder Ironie: "Wir sind nun einmal das schwache Geschlecht. Wir brauchen Hilfe. Reden Sie selbst mit den Männern."

Und da sitzen die zwanzig, die an diesem Montagabend zusammen gekommen sind, auf Holzstühlen, zwischen den Händen eine Tasse zuckerstarrenden Tee. Einer von ihnen, Aydin, erzählt, warum er teilnimmt. Aydin ist 40, trägt Turnschuhe und eine Kassenbrille. Die Community schneidet ihn, weil er seine beiden Kinder, 7 und 14, allein erzieht: "Du machst doch Frauenarbeit." Wie er damit umgehen soll, wusste er lange Zeit nicht. Zurückschnappen? Harthörig werden und schweigen? Nun hat er einen Ansatz gefunden. "Wenn mich jemand beschimpft, lade ich ihn einfach zu mir nach Hause ein. Wenn sie sehen, wie sauber und ordentlich alles ist, werden sie ganz schnell stumm." Aydin bejaht heute seine Rolle als Alleinerziehender. Das war ein langer Weg, sagt er stolz. Respekt vor sich selbst zu empfinden, das strahlt nach außen aus. Das ist Aydins Erkenntnis aus der Vätergruppe.

Problemfelder Milieu und arrangierte Ehe

ein Mann lauscht den Worten"Wir haben einen schlechten Ruf, aber man hat nie mit uns gesprochen." Quelle: York Wegerhoff

Alleinerziehende gibt es oft in der Gruppe, erklärt Kazim Erdogan. "Wir in Neukölln haben andere Orte in Deutschland längst überholt mit der Scheidungsrate." Viele Beziehungen würden zerbrechen durch den Stress des Milieus. Schuld seien aber auch Ehen, die von den Eltern arrangiert wurden. Oft passen die Persönlichkeiten einfach nicht zusammen, auch kollidieren widersprüchliche Rollenbilder. "Die Frauen bekommen im Fernsehen schnell mit, dass sie keine Befehlsempfänger sein müssen", sagt Erdogan. Die Männer sind verzweifelt, überfordert, ratlos. Immer wieder ist auch Gewalt ein Thema in der Gruppe. Und wenn die Ehe scheitert, werden einige Männer auch zu Alleinerziehenden.

So weit muss es nicht kommen, glaubt Erdogan. Vor allem der Umgang mit Kindern bringe viel Konfliktpotenzial in die Ehe. "Es reicht nicht, einfach nur in der Familie anwesend zu sein", formuliert Erdogan. Er spricht von aktiver Erziehung, Kommunikation statt Rückzug, Grenzen setzen, falschen Druck vermeiden. Es sind die aktuellen Thesen zur Erziehung. Erdogan bringt sie den türkischen Vätern nahe. Viele leben von Gelegenheitsjobs oder sind arbeitslos. Auch Erdogan war Aushilfsarbeiter, als er nach Deutschland kam, später viele Jahre Hauptschullehrer und Schulpsychologe. "Genau, 'piskokaputt'!", flachst er mit den Vätern, was so viel heißt wie "psychisch krank", ein türkisch-deutscher Wortmix, den einer der Männer gerade erfunden hat. Erdogan findet den richtigen Ton.

Auch die Außenwirkung ist ein Thema. "Die Türken haben einen schlechten Ruf, aber man hat nie direkt mit uns gesprochen". Regelmäßig lädt Erdogan Gastredner ein. Gerade war ein Oberstaatsanwalt da, der über das Abrutschen von Jugendlichen in die Kriminalität sprach, davor war es Gesine Schwan, die über Bildungschancen redete. Die Gäste beleben die Gruppen – aber sie sind auch Multiplikatoren. Die Gruppe leitet Erdogan ehrenamtlich, aber er weiß genau, was er tut. Sein Ziel sind Veränderungen und Aufbrüche.

Begonnen hat Erdogan mit zwei Teilnehmern. Er hatte da noch Flyer ausgeteilt in Kaffeehäusern. Heute geht es über Mundpropaganda. Jede Woche kommen zwanzig Männer und mehr. Viele Nachahmergruppen wurden gegründet, aktuell eine in Österreich. Die Idee trifft den Nerv der Zeit, aber vieles hängt auch an Erdogans Humor. Den deutschen Besucher fragt er: "Wie, Sie sprechen kein Türkisch? Sind Sie denn nicht integriert?" Eine leichtfüßige Anspielung auf ein sperriges Thema, man lacht gemeinsam.

Kränkende Klischees

Auch Yusuf, 56, ein arbeitsloser Berufsschullehrer, kommt regelmäßig zur Gruppe. Die Diskussionen inspirieren ihn. Aber hier findet er auch Raum, um zu klagen. "Neulich hat mir ein Deutscher ins Gesicht gesagt: 'Ihr Türken kümmert euch nur um die Söhne und vernachlässigt die Töchter' – nur weil ich zu ihm gesagt hatte 'Ich habe einen Sohn und eine Tochter', statt andersherum!" Gerade Yusuf musste das kränken. Sein Credo, das er im Gespräch sogar mehrere Male anbringt, lautet: "Männer und Frauen haben unterschiedliche Körper, das ist schon alles". Ein Neuköllner Pendant zum Ausspruch "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es" von Simone de Beauvoir.

Sicher, Yusuf ist ein Vorzeigeteilnehmer. Nicht alle hier sind ein männlicher de Beauvoir oder ein türkischer Jan-Uwe Rogge. Es ist eine Selbsthilfegruppe. Da ist zum Beispiel Salim, 36. Sein Thema sind Beziehungskonflikte. Gegenüber seiner Frau, von der er mittlerweile geschieden ist, wurde er oft aggressiv, gesteht er. Es ging um die gemeinsame Tochter. "Jetzt habe ich eingesehen: Es gibt nicht nur den einen Erziehungsstil." Er habe sich nun im Griff. "Das habe ich aus dem Islam. Das Wort Islam heißt ja schon 'Frieden'", betont er. Salim ist kein durchschnittlicher Muslim. Er trägt weißes Gewand und langen Bart, die Erkennungszeichen eines Strenggläubigen. Offenbar stellt er die Religion über vieles andere. Daher unterstreicht er es auch noch einmal: Der Islam war es, der ihm zu mehr Gelassenheit in der Beziehung verholfen habe. Und trotzdem sagt auch Salim: "Ja, und auch die Vätergruppe hat mir dabei geholfen."

Thilo Guschas, 30.11.2011

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Kazim Erdogan

Fotogalerie "Der Vaterflüsterer von Neukölln"

Sehen Sie hier einige Eindrücke aus einer der Sitzungen der Vätergruppe, die Kazim Erdogan in Berlin-Neukölln gegründet hat.

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Gruppenaufnahme mehrerer Mitglieder des Kompetenzzentrums muslimischer Frauen

Kompetenzzentrum muslimischer Frauen e. V.

Zur gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen und Kindern aus dem muslimischen Kulturkreis möchte das Kompetenzzentrum aus Frankfurt beitragen. Es besteht aus Expertinnen unterschiedlicher Fachbereiche.

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Das Plenum 2011 tagte in noblem Ambiente.

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Die Deutsche Islam Konferenz ist ein Dialogforum zwischen Vertretern des deutschen Staates und Muslimen in Deutschland. Ziel des langfristig angelegten Dialogs ist, das Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

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