DIK - Deutsche Islam Konferenz - Islamic Chique: Style und muslimische Jugendliche

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"Haben junge Muslime den besseren Geschmack?"

Zeitgenössische Subkultur und islamische Religiosität waren in jüngster Zeit ein Liebling der Medien. Es ist eine Kombination, die Stereotype bricht. Verbindet die neue Coolness muslimischer Jugendlicher getrennte Lager – oder vertieft sie die Gräben? Ein Interview mit Maruta Herding, die zu islamischer Jugendkultur forscht und Melih Kesmen vom Modelabel „StyleIslam“.

Interview: Thilo Guschas

Herr Kesmen, Frau Herding – haben junge Muslime den besseren Geschmack?

Kesmen: Das nun nicht. Was viele aber sehr wohl haben, ist ein Stil, der zwei Perspektiven vereint. Ihr Stil bezieht sich auf die bosniakische, türkische oder arabische Kultur - und zugleich auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

Herding: Lange fielen junge Muslime nicht besonders auf. Nun haben sie eigene Stilformen, die sie voller Selbstbewusstsein zeigen.

Wie kann man das im Straßenbild erkennen?

Kesmen: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ganz sicher nicht als Nahost-Folklore oder Beduinenkleidung. Es ist ein zeitgenössischer Stil, den man oft erst auf zweiten Blick erkennt, an Details. Es kann zum Beispiel ein Taschenaufnäher mit einer islamischen Message sein. Sowas tragen aber auch mal Nicht-Muslime.

Herding: Es kann eine islamische Modelinie sein wie "StyleIslam", zu denen Buttons oder T-Shirts gehören. Sichtbarkeit kann aber auch durch auffällige Kopftücher kommen. Zum Stil kann ebenso gut Musik zählen, die Bezug zum Islam hat.

Hat dieser Stil etwas Trotziges – "Schaut mal, Coolness und Islam passen doch zusammen"?

Kesmen: Finde ich überhaupt nicht. Auf einer Messe habe ich zum Beispiel gerade einen Designer aus Ägypten kennengelernt, der Muslim ist, das aber überhaupt nicht in den Vordergrund gerückt hat.

Herding: Religion gilt grundsätzlich eher als etwas Uncooles. Das ist ja auch für das Christentum nicht anders. Und „cooler Islam“ bekommt besondere Aufmerksamkeit, da dem Islam zugeschrieben wird, starr, dogmatisch und spaßfeindlich zu sein.

Kesmen: Niemand kann genau sagen, was ein Kollektiv bewegt, was zum Beispiel in jungen Muslimen vorgeht. Aber es gibt Anzeichen. Meine Modelinie zum Beispiel hat viel Zuspruch. Es gibt offensichtlich ein Bedürfnis nach einem neuen Weg.

Herding: Der „coole Islam“ ist auch eine Reaktion auf die Mehrheitsgesellschaft, die junge Leute als „Muslime“ definiert, selbst wenn sie sich vielleicht gar nicht so sehen. Es ist die Suche nach einem kreativen Ausweg.

Kesmen: Es stimmt, man wird immer schnell abgestempelt, als Türke, als Muslim. Ich erinnere mich genau, als ich sieben oder acht Jahre alt war, konnte einmal eine ältere Frau nicht fassen, wie akzentfrei ich doch deutsch spreche. Dabei bin ich hier aufgewachsen. Das war meine erste Rassismuserfahrung. Und obendrauf kommt noch Druck aus der Familie, aus der Moschee, hin zu einem traditionelleren Lebensstil.

Spielt Religion eine Rolle, wenn junge Muslime clubben gehen?

Kesmen: Schon. Muslim zu sein, heißt für viele: kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe. Aber wenn man jeden Flirt vermeiden muss, was soll man dann überhaupt in der Disko? Andererseits: Ich habe früher in einer Hip-Hop-Combo gespielt. Backstage haben die anderen regelmäßig gekifft. Und in deren Haschischschwaden haben wir dann unser Gruppengebet vollzogen. Das war für uns aber ganz normal.

Herding: Ich würde sagen, dass Religion in der Disko eher keine Rolle spielt, in anderen subkulturellen Kontexten aber schon. „Cooler Islam“ wird dabei oft problematischer dargestellt, als er sich für die jungen Muslime selbst anfühlt. Sie finden in der Regel kreative Auswege. Dazu gehört übrigens auch die Gegenrichtung: dass Subkultur in die religiösen Kontexte hineingetragen wird, zum Beispiel durch einen Hip-Hop-Auftritt während der Ramadan-Feierlichkeiten.

Ein Button mit der Aufschrift: hijab, my right, my choice, my life.Buttons sind unter Jugendlichen ein beliebtes Mittel, ihr Outfit zu individualisieren. Quelle: StyleIslam

Hip-Hop in der Moschee – ist das nicht ungefähr so cool wie das „Wort zum Sonntag“?

Herding: Natürlich, es muss schon passen. Aber wenn es jemand wie Ammar114 ist, der auf der Straße gelebt hat und große „street credibility“ genießt, wirkt es nicht aufgesetzt.

Kesmen: Die Gefahr, dass Jugendkultur anbiedernd rüberkommt, sehe ich eher in Kirchen. Da versuchen oft alte Leute mit dem, was in ihrer eigenen Jugend hip war, Religion neu zu verpacken – und dabei kriegen sie gar nicht mit, in was für einer „Parallelgesellschaft“ sie leben, die mit der heutigen Jugend gar nichts zu tun hat. Diese Gefahr besteht bei der muslimischen Community nicht. Ein Großteil unserer Elterngeneration ist aus den anatolischen Dörfern hierhergekommen. Die Rockmusik von früher kennen die gar nicht. Um es provokativ auszudrücken: Um sich bei der Jugend anzubiedern, hätten die islamischen Verbände gar nicht das Potenzial!

Gibt es Stilformen, die sich aus ethischen Gründen schlecht mit dem Islam vertragen? Death Metal mit seiner Todessehnsucht, Gothic mit seiner urchristlichen Symbolsprache?

Kesmen: Ich finde das unproblematisch. Alles eine Frage der Prägung, mit welchem Style man aufwächst.

Herding: Es stimmt schon, dass bestimmte Stile weniger häufig vorkommen. Aber wenn man an die Taqwacore-Bewegung aus Amerika denkt, die Punk und Islam verbindet, sieht man, dass letztlich alles geht.

Ist „cooler Islam“ ein „Integrationsbeschleuniger“?

Kesmen: Naja. Was ich mir schon alles anhören musste. Meine Mode sei "weichgespülte Religion", "Islam über die Hintertür" und so weiter.

Steckt in dem Ansatz, sich über Religion zu definieren, nicht auch eine Gefahr? Statt um einzelne, ganzheitliche Menschen geht es wieder um "die Muslime".

Herding: Tatsächlich reden wir hier von einer Subkultur, die sich stark über Religion definiert. Ich sehe das aber als Station einer langfristigen Entwicklung. Im Augenblick wird ein neues Selbstbewusstsein in den Vordergrund gerückt. Aber das Ziel ist Normalität und Selbstverständlichkeit, in der die Muslime ohne Diskriminierung dazugehören.

Kesmen: Genau das war mein Wunsch, als ich 2005 mein erstes T-Shirt entworfen habe, mit dem Slogan „I love my prophet“. Ich wollte zeigen: Wir sind durchschnittliche Bürger mit ganz normalen Problemen und Alltagssorgen.

Sie separieren sich also nicht?

Kesmen: Im Gegenteil. Was wir machen, ist Brücken zu bauen.

Thilo Guschas, 25.01.2013

Maruta HerdingMaruta Herding hat in Freiburg, Kairo und Paris studiert. In Cambridge promovierte sie zum Thema "Islamische Jugendkultur in Westeuropa". Quelle: Privat

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