DIK - Deutsche Islam Konferenz - Jugendarbeit der KIgA-Jugend

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"KIgA macht Bildungsarbeit gegen Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft"

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) wurde 2003 als "Migrantische Initiative gegen Antisemitismus" gegründet. Den Initiatoren, eine Gruppe von Frauen und Männern, die in der Bildungsarbeit tätig waren, ging es darum, auf den steigenden Antisemitismus, auch in Teilen der muslimisch geprägten Bevölkerung, zu reagieren.

Aycan Demirel ist Mitbegründer und seit 2004 im Vorstand tätig. Er leitet aktuell das Bundesmodellprojekt "Präventive Bildungsprozesse zum Islamismus in der Schule gestalten" und ist Mitglied des unabhängigen Expertengremiums der deutschen Bundesregierung zur Bekämpfung des Antisemitismus.

Im Interview spricht er über den pädagogischen Ansatz der KIgA, die Resonanz der Jugendlichen und finanzielle Probleme des Projekts, die die Arbeit, trotz hoher gesellschaftlicher Anerkennung, erschweren.

Herr Demirel, was ist das besondere an ihrer Einrichtung?

Demirel: Die KIgA macht politische Bildung für die Migrationsgesellschaft mit speziellen Ansätzen zum Umgang mit neuen Erscheinungsformen des Antisemitismus. Wir nehmen uns der aktuellen Projektionsflächen von Antisemitismus an und entwickeln Methoden für eine pädagogische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien, dem Israel-Palästina-Konflikt und dem Islamismus. Unser Team spiegelt die Migrationsgesellschaft wider. Auch der wissenschaftliche Hintergrund der Kollegen ist unterschiedlich mit Pädagogen, Politik-, Islam-, Geschichts- und Kommunikationswissenschaftlern.

Nach welchem Ansatz arbeitet die KIgA?

Im Mittelpunkt stehen Reflexion über die Bedeutung von Kultur und Religion sowie Fragen zu Identität und Zugehörigkeit. Es geht darum, dass die Bundesrepublik als Migrationsgesellschaft mit all ihren unterschiedlichen Facetten und Identitäten akzeptiert wird. Daher arbeiten wir mit Methoden, die den Jugendlichen eine kritische, aber nicht stigmatisierende, sondern auf Anerkennung und Wertschätzung basierende Beschäftigung mit eigenen Identitätsbezügen ermöglicht. Wir möchten junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit stärken.

Welche Jugendlichen werden erreicht?

Unsere Bildungskonzepte sind für alle Jugendlichen geeignet. Hauptsächlich arbeiten wir aber in Berliner Bezirken mit einem hohen Migrantenanteil.

In den Schulen treffen wir heute Jugendliche mit verschiedensten Migrationshintergründen. Die Herausforderung für Pädagogen besteht darin, die verschiedenen Narrative und Perspektiven auf Juden, Antisemitismus oder den Nahostkonflikt zu kennen. Dabei sollte kein ethnisierender Zugang gewählt werden – also die Ausrichtung der Pädagogik nur auf türkische, polnische oder arabische Jugendliche –, stattdessen sollte man verbindende Elemente in den Mittelpunkt stellen.

Wie reagieren die Jugendlichen?

In der Regel sehr positiv. Das liegt zum einen an ihrem großen Interesse an Themen wie dem Nahostkonflikt, zum anderen an ihrer grundsätzlichen Bereitschaft zu Gesprächen und Diskussionen mit Menschen, die nicht aus ihrem direkten sozialen Umfeld kommen und andere Meinungen vertreten. Die Art, wie wir an die Themen herangehen, spricht sie an. Wichtig ist, den Jugendlichen viel Raum für die Artikulation eigener Erfahrungen und Meinungen zu geben. Sie haben nämlich das Gefühl, dass sie in der Schule ihre Meinung zum Nahostkonflikt nicht artikulieren können. Diese Offenheit, auch grenzwertige Statements erst einmal zuzulassen, ohne sie zu sanktionieren und erst im pädagogischen Prozess zu bearbeiten, ist wichtig für eine erfolgreiche Arbeit.

Wie wird der Zielgruppe das schwierige Verhältnis Israel/Palästina erläutert?

Es geht darum, kollektivierende Solidarisierungen gegen Israel in Frage zu stellen und über die vielfältigen palästinensischen und israelischen Perspektiven, ob historische oder aktuelle, auf den Konflikt aufzuklären.

Wissensvermittlung, insbesondere zum Nahostkonflikt, ist wichtig für eine präventive Pädagogik gegen Antisemitismus, kann aber das Problem nicht lösen. Vielmehr muss die Funktion entschlüsselt werden, die eine juden- bzw. israelfeindliche Haltung für viele deutsche und migrantische Jugendliche hat. Es muss an der Lebensrealität der Jugendlichen angesetzt werden, um herauszufinden, in welchem Kontext die eigene Aufwertung in Form der Abwertung von Juden erfolgt. Stehen dahinter subjektive Ausgrenzungserfahrungen, fehlendes Selbstvertrauen, handelt es sich um sozial erwünschtes Verhalten in der peer-group?

Wer beauftragt die KIgA?

Schulen, andere Bildungseinrichtungen und einzelne Lerngruppen. Bei vollfinanzierten Projekten, die der Entwicklung neuer Konzepte und Methoden dienen, arbeiten wir eng mit einzelnen Schulen zusammen und können neue Ideen umsetzen, ohne dass der Institution zusätzliche Kosten entstehen. Für fertige Konzepte wie Projekttage, Seminare und Fortbildungen ist die Situation schwieriger: Die meisten Förderprogramme sind auf die Entwicklung neuer und nachahmbarer Methoden ausgelegt, ausgearbeitete Konzepte werden aber kaum finanziert. Viele Schulen und Lehrer äußern großen Bedarf an unseren Angeboten, meist erschweren jedoch die Förderstrukturen die Zusammenarbeit mit Bildungsträgern wie der KIgA.

Vor dem Hintergrund, dass der KIgA das Geld ausgeht: Wie wird es weitergehen?

Unsere Projekte werden über öffentliche Mittel finanziert. Wir müssen nur einen kleinen Teil selbst beisteuern. Aber auch geringe Summen an Selbstbeteiligung sind für Basisinitiativen wie KIgA kaum zu stemmen. Für das aktuelle vom Bund geförderte Modellprojekt zu Antisemitismus haben wir einen Teil der erforderlichen Ko-Finanzierung, der bei 50 Prozent liegt, nicht zusammenbekommen. Wir müssen Ende Oktober zwei erfahrene Mitarbeiter entlassen. Das ist ein bitterer Rückschlag für uns und ein grundsätzliches Problem von Bildungseinrichtungen, wie wir eine sind. Unsere Arbeit wird als notwendig erachtet, aber nicht institutionell gefördert. Wenn die Politik ernsthaft an nachhaltiger Arbeit gegen Antisemitismus interessiert ist, dann muss sie handeln.

Das Interview führte Frau Canan Topçu am 08.10.2012

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