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Jung, muslimisch, engagiert

Die muslimischen Verbände wurden einst in die Ecke der "Integrationsverweigerer" gestellt. Ihre Jugendarbeit zeigt, dass sie dort nicht hingehören. Sie wollen die schulischen Leistungen von Jugendlichen verbessern, ihre interkulturelle Kompetenz erhöhen und die gesellschaftliche Teilhabe stärken.

Abdi Tekin ist Multiplikator für das Prodialog-Projekt der DITIB (Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion) im Raum Köln und Umgebung. Regelmäßig führt er Besucher durch Moscheen und beantwortet Fragen zum Islam. Seit knapp einem Jahr leitet der 25-Jährige außerdem eine Gruppe Jugendlicher zwischen 16 und 20 Jahren. Sie diskutieren über die Religion, gehen gemeinsam ins Kino, spielen Fußball und bereiten sich gemeinsam auf Prüfungen vor. Tekin übernimmt auch die Funktion eines Mentors und berät bei der Berufsorientierung. "Ich hätte mir als Jugendlicher jemanden gewünscht, der mich unterstützt. Bei Problemen in der Schule konnten mir meine Eltern früher wenig helfen. Unterstützung musste ich mir immer selbst organisieren." Tekin steht heute kurz vor seinem Abschluss in Wirtschaftwissenschaften an der Uni Bochum.

Alle setzen auf Bildung

Auch der VIKZ (Verein islamischer Kulturzentren) setzt auf Bildung. Seit November 2011 leitet Sait Başkaya (29), als Bildungsreferent das Projekt "Bildungs-Brücken: Aufstieg!". Das Modellprojekt führt die Otto Benecke Stiftung mit dem VIKZ durch und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Eltern mit Migrationshintergrund sollen fit gemacht werden, die Bildungsverläufe der eigenen Kinder zu fördern. Außerdem baute der Verband mit wissenschaftlicher Unterstützung seine bisherige Hausaufgabenbetreuung zum Förderunterricht aus. In der Vergangenheit war der VIKZ immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, die Jugendlichen in den verbandseigenen Wohnheimen lebten abgeschottet, würden nach einer konservativen Auslegung des Koran erzogen und antiwestliche und antidemokratische Einstellungen würden gefördert. Mittlerweile öffnet sich der VIKZ nach außen für die Zusammenarbeit mit anderen lokalen Vereinen.

Aus eigener Erfahrung weiß Sait Başkaya was die Jugendarbeit des VIKZ bewirken kann. "Weil ich auf dem Gymnasium eine Klasse wiederholen musste, nahm ich am Nachhilfeunterricht der VIKZ-Gemeinde teil. Dadurch hatte ich nicht nur bessere Noten, sondern sah auch, dass man mit Fleiß und Disziplin ein guter Schüler sein kann." Das hätte ihm zu neuem Selbstbewusstsein verholfen."Wenn mich damals die ehrenamtlichen Nachhilfelehrer in der Gemeinde, die meist selbst Studenten waren, nicht aufgefangen hätten, wäre mir nie in den Sinn gekommen, Abi zu machen oder zu studieren." Mittlerweile ist Başkaya Doktorand an der Uni Duisburg-Essen.

Für Tekin ist neben der Förderung der schulischen Leistungen vor allem die Auseinandersetzung mit der Religion der wichtigste Aspekt seiner Jugendarbeit. "Wir diskutieren viel gemeinsam mit dem Imam und lernen, Dinge zu hinterfragen. Das ist wichtig und so stärkt man seine Frömmigkeit", sagt er. Mit seiner Arbeit, habe er das Gefühl, tue er Gutes für die Jugendlichen und für die Gesellschaft.

Die Gesellschaft mitgestalten

Kinder lesen gemeinsam aus dem KoranDie Unterstützung von Kindern ist zentral in der Jugendarbeit aller Verbände. Quelle: York Wegerhoff

Die 27-jährige Elvan Korkmaz ist seit 2004 beim BDAJ (Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland) aktiv. Seit Oktober 2010 ist sie im Bundesvorstand des BDAJ und unterstützt den Verband als Generalsekretärin. Sich selbst bezeichnet sie als eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Alevitin und als stolze Westfälin. "Aufgrund meines alevitischen Elternhauses und der damit verbundenen Erziehung habe ich früh gelernt, selbstständig und eigenverantwortlich mein Leben zu gestalten und für meine Ziele einzustehen", sagt die Diplom-Verwaltungswirtin. Das setzt sich in der Jugendarbeit des BDAJ fort.

Im Vordergund stehe die demokratische Erziehung und Bildung junger Menschen auf Grundlage der alevitischen Glaubenslehre mit dem Ziel, sozial engagierte und mündige Jugendliche für die Gesellschaft zu gewinnen, die kritisch denken und handeln. "Wir möchten eine Jugend, die ihr Leben in Deutschland selbst mitgestaltet und aktiv mitwirkt. Toleranz, Weltoffenheit und Integration junger Menschen, der Dialog der Kulturen und die Achtung von Menschen- und Minderheitsrechten, das ist uns wichtig", erklärt Korkmaz.

Voll integriert

Trotz der relativ jungen Geschichte des BDAJ von 18 Jahren ist der Verband mit über 33.000 Kindern und Jugendlichen die größte Migrantenjugendorganisation in Deutschland. Seit 2011 ist der BDAJ außerdem anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und hat als erste Migrantenjungendorganisation den Status als Vollmitglied im Deutschen Bundesjugendring erhalten. Der BDAJ arbeitet eng mit Akteuren außerhalb des Verbandes zusammen, um den interkulturellen und interreligiösen Dialog in Deutschland zu fördern.

Auf die Frage, wie sich der Verband von Gesellschaft und Politik wahrgenommen fühlt, sagt Korkmaz: "Das Wichtigste ist, dass wir uns überhaupt wahrgenommen fühlen. Gesellschaftlich sind wir voll integriert, was die tolle Arbeit unserer Alevitischen Kulturvereine vor Ort deutlich zeigt. In der Politik finden unsere Interessen Gehör." Başkaya nimmt das anders wahr: "Ich persönlich fühle mich als Muslim vernachlässigt." Es müsse noch viel in Politik und Gesellschaft geschehen, um eine höhere Akzeptanz und Partizipation von Muslimen in Deutschland zu ermöglichen.

"Ich möchte nicht, dass man mir sagt, 'Du bist ja gar nicht wie die anderen Türken'. Wir sind deutsche Bürgerinnen und Bürger und hier zu Hause. Es sollte Normalität in Deutschland sein, dass auch Migranten und Muslime zu dieser Gesellschaft gehören", findet er. Allerdings sei es ihm wichtig, dass die kommenden Generationen verinnerlichen, dass man selbst aktiv werden muss. Bevor man Forderungen an die Gesellschaft und den Staat stelle, müsse man die Chancen der Demokratie nutzen und aktiv am gesellschaftlichen und politischen Prozess teilnehmen.

Silke Brandt, 12.09.2012

Silke Brandt studierte Politik- und Islamwissenschaft in Hamburg und in Kairo. Sie arbeitet beim Bildungsunternehmen Phorms Education in Berlin.

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