DIK - Deutsche Islam Konferenz - Islamische Bestattungen

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Islamische Bestattungen in Deutschland

Freitags fährt Azmera quer durch Frankfurt zum Friedhof Heiligenstock – dorthin, wo seit 1996 auch Muslime bestattet werden. Einmal in der Woche besucht sie das Grab ihrer Eltern, diesmal hat sie Begonien mit roten Blüten mitgebracht. Als Azmeras Vater vor sieben Jahren starb, war schnell klar, dass er in Frankfurt beigesetzt werden würde. Denn die aus Äthiopien stammende Familie, die zunächst in den Sudan und später nach Deutschland flüchtete, hat keine Verbindungen mehr zum Herkunftsland. Azmera lebt seit 20 Jahren in Frankfurt und ist inzwischen dreifache Mutter; über ihr Kopftuch ist ihre Religion zu erkennen.

Muslimisches Gräberfeld auf kommunalem Friedhof

Sichtbar wie im Stadtbild der hessischen Metropole ist die muslimische Vielfalt auch auf dem Flurstück für islamische Bestattungen, das durch Bäume und hohe Hecken vom anderen Teil des Friedhofs abgetrennt ist. Dort sind Menschen beigesetzt, deren Wurzeln in unterschiedlichen Teilen der Welt liegen. Muslime aus der Türkei etwa und dem Iran, aus Bosnien und Pakistan. Bestattet werden die Verstorbenen nach islamischem Bestattungsritual, also seitlich liegend mit dem Gesicht gen Mekka. Zwar stimmt die Himmelsrichtung (Südosten) des Gräberfelds, so ganz nach religiösem Gebot können Angehörige ihre Toten dort aber nicht beerdigen. Denn das Hessische Bestattungsgesetz sieht die Sargpflicht vor.

Andere Bundesländer – wie etwa Hamburg (seit 1997), Schleswig-Holstein (2005) und Niedersachsen (2006) – haben die Gesetze gelockert, ermöglichen Beisetzungen im Leichentuch und kommen somit den religiösen Bedürfnissen muslimischer Bürger entgegen. In Nordrhein-Westfalen hat es der Gesetzgeber den Friedhofsverwaltungen überlassen, über die Sargpflicht zu entscheiden.

Friedhofssatzungen verhindern ewiges Ruherecht

Je nach Bundesland und Kommune unterscheiden sich die Vorschriften auch in Punkto Ruhefristen. Das ewige Ruherecht, wie es im Islam tradiert ist, ließe sich auf bundesdeutscher Erde auf so genannten Wahlgräbern umsetzen. Deren Frist läuft je nach Friedhofssatzung nach 20 bis 25 Jahren aus, kann aber - anders als bei Reihengräbern – verlängert werden. Auf den meisten muslimischen Gräberfeldern können sich Angehörige für Reihen- oder Wahlgrab entscheiden. Nicht aber in Aachen. Dort gibt es zwar seit 1981 ein Gräberfeld für Muslime, wo sogar Bestattungen ohne Sarg möglich sind. Allerdings werden gerade auf diesem Flurstuck nur Reihengräber vergeben, und deren Ruhefrist endet nach 25 Jahren. "Wir müssen schauen, was jetzt auf uns zukommt", meint Karl Keupen, Abteilungsleiter der Aachener Friedhöfe. Denn eigentlich ist von den ersten Gräbern die Frist bereits abgelaufen.

Die in islamischen Ländern gängige Praxis, Tote innerhalb eines Tages zu beerdigen, lässt sich in der Bundesrepublik nicht umsetzen – aus verwaltungstechnischen Gründen und auch wegen der Frist, wie sie in den meisten Bundesländer gesetzlich festgelegt ist: Zwischen Ableben und Beisetzung müssen mindestens 48 Stunden verstreichen. In Hamburg wird es nicht ganz so streng gehandhabt. "Wenn nicht medizinische Gründe dagegen sprechen, ist auch eine frühere Beisetzung möglich", erklärt Lutz Rehkopf, Pressesprecher der Hamburger Friedhöfe.

Emotionale Gründe entscheiden über Bestattungsort

Schätzungsweise 90 Prozent der in Deutschland verstorbenen Migranten muslimischen Glaubens werden im Herkunftsland beigesetzt, insbesondere aus emotionalen Gründen. Die einst als Gastarbeiter gekommenen Menschen sind hier nicht richtig heimisch geworden und möchten daher nicht in "fremder Erde", sondern in der Heimat ihre letzte Ruhestätte haben. Die Überführung werde, ist von muslimischen Bestattern zu hören, von Angehörigen auch wegen der Kosten bevorzugt. Yasar Yürük, der seit zehn Jahren im Rhein-Main-Gebiet ein Bestattungsunternehmen führt, rechnet vor: Zwischen 2000 bis 2500 Euro ist für die Beisetzung im Heimatland zu zahlen – im Preis enthalten sind auch Flüge für zwei Angehörige. Hier sei für eine Bestattung mehr aufzubringen, weil auch noch Grabgebühren anfallen, die für Wahlgräber bis zu 1500 Euro hoch sind und nach Ablauf der Frist von 20 bis 25 Jahren wieder fällig werden.

"Muslimische Bestattungen nehmen aber auf hiesigen Friedhöfen zu", stellt Yürük neuerdings fest. Diese Entwicklung wird von Friedhofsverwaltungen bestätigt. "In der ersten Zeit waren es mehr Kleinkinder als Erwachsene, die hier bestattet wurden", berichtet Harald Hildmann, der bei der Frankfurter Stadtverwaltung für Friedhöfe zuständig ist. Bei den Erwachsenen habe es sich vor allem um Flüchtlinge gehandelt, deren Überführung in das Herkunftsland nicht möglich war.

Integration spiegelt sich in Grabgestaltung wider

Die Nachkommen der Gastarbeitergeneration werden zunehmend heimisch, wollen das Grab ihrer Angehörigen in ihrer Nähe haben und selbst in Deutschland beerdigt werden. Dass die Muslime hier ankommen, spiegelt sich auch in der Grabgestaltung wider. Zwar finden sich auf Grabsteinen in islamischen Abteilungen vor allem Koransuren und orientalische Ornamente, doch nehmen auch Gräber zu, die der hiesigen Friedhofsästhetik entsprechen, also mit Pflanzen eingefasst und Blumen geschmückt sind oder gar von Engeln bewacht werden.

Das Ehepaar aus Äthiopien hat ein schlichtes Grab mit einem Holzschild, auf dem nur Geburts- und Todesdaten eingraviert sind. Und sechs Begonien mit roten Blüten, die Azmera eingepflanzt hat. "Hier werde wohl auch ich irgendwann liegen", sagt die 38-Jährige mit hessischem Akzent. Dann rückt sie ihr grünes Kopftuch zurecht und greift zur Harke, um die Erde zu lockern.

Canan Topçu, 06.08.2009

Zur Person:
Canan Topçu ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Journalistin.

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