DIK - Deutsche Islam Konferenz - Von Leipzig bis zum Schwarzwald: Muslimisches Leben in der 'Diaspora'

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Von Leipzig bis zum Schwarzwald: Muslimisches Leben in der 'Diaspora'

Wie ist der Alltag als Muslim in einer weitgehend unreligiösen Umgebung? Diese Frage stellt sich z.B. in Leipzig. Von den mehr als 500.000 Einwohnern gehören heute weniger als 20% der evangelischen oder katholischen Kirche an, nur etwa 1% der Einwohner sind muslimisch und verteilen sich auf mehrere sehr kleine Gemeinden.

Und wie gestaltet sich der Alltag in einer Region, die tief im Christentum verwurzelt ist? Beispielsweise in Villingen, einer Kleinstadt im Schwarzwald, in der es neben zahlreichen Kirchen nun auch eine neu errichtete Moschee der DITIB gibt.

Tamer Örs betreibt ein Bistro im Leipziger Waldstraßenviertel. Gründerzeitbauten aus dem 19. Jahrhundert verleihen der Gegend ein bürgerliches Ambiente. "Mein Bistro in Leipzig habe ich seit über 6 Jahren", erzählt Herr Örs. "Ich wollte die europäische Mentalität kennenlernen", auch deswegen sei er 1999 aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Hier in Leipzig besucht er zwar keine Moschee, dennoch bedeutet ihm sein Glaube viel. Es sei schwierig, Moscheen zu finden, doch er hat sich damit arrangiert: "Für mich ist es auch nicht so wichtig, zum Beten in eine Moschee zu gehen. Was zählt, ist die innere Einstellung." Trotzdem vermisst er das Gemeinschaftsgefühl, wie er es von den Gebetshäusern in der Türkei kennt.

Kirchen und Bürgermeister unterstützen die Gemeinde

Sadik Deniz, Vorstandsvorsitzender der DITIB-Gemeinde in Villingen, wohnt gegenüber einer Kirche und bekommt mit, wie viele Menschen dort zum Gottesdienst gehen. Seine eigene Gemeinde, die es schon seit 1975 gibt, hat seit 2013 eine neu erbaute Moschee, die der wachsenden Anhängerschaft Raum bietet. Das Geld dafür, immerhin 1,5 Millionen Euro, brachten die 310 Mitglieder mit Unterstützung umliegender DITIB-Gemeinden selbst auf. Das Bauprojekt wurde vom Bürgermeister sowie den Kirchen von Anfang an positiv begleitet. Einige Anwohner waren zwar skeptisch, "doch wir haben ihre Fragen und Bedenken in Gesprächen klären können", beruhigt Sadik. Das religionsübergreifende Miteinander funktioniert also in Villingen. Das gleiche attestiert Mehmet Seçkin, Vorstandsmitglied der Takva Camii, der Moschee des Leipziger Zentrums für islamische Kultur und Forschung, für Leipzig.

"Also in Leipzig haben wir fast nur positive Erfahrungen gemacht", meint  er. Seine Gemeinde gibt es seit 1998. Sie zählt 75 Mitglieder, zum letzten Freitagsgebet kamen rund 150 Gläubige. "Unsere Gemeinde will sowohl nach innen als auch nach außen sozial aktiv sein, um für mehr gegenseitiges Verständnis zu sorgen". Daher besteht ein reger Austausch mit lokalen Religionsgemeinschaften wie dem jüdischen Kulturzentrum Leipzig oder der Gemeinde der Thomaskirche, an der der Kantor Johann Sebastian Bach einst den Thomanerchor unter seine Fittiche nahm. Aber negative Erlebnisse bleiben nicht aus. Weil Seçkins Frau Kopftuch trägt, bekäme das Paar sofort mit, ob jemand ablehnend gegenüber Muslimen ist. Betroffen gibt Mehmet Seçkin zu verstehen, dass die Medien hier eine Rolle spielten. "Sie tragen dazu bei, dass es ein schlechtes öffentliches Bild vom Islam gibt. Das tut uns als Muslimen weh."

Tamer Örs hat den gleichen Eindruck. "Leider verbinden viele Menschen Dinge mit dem Islam, die nicht zutreffen." So kommt es vor, dass der für Fragen stets offene Gastwirt automatisch in eine Verteidigungshaltung gedrängt wird, wenn es in Gesprächen um seinen Glauben geht. Ob im Bistro oder im privaten Umfeld, geduldig versucht Tamer Örs dann Unwahrheiten über Islam und Muslime zu widerlegen. "Das kann ganz kurz sein oder aber auch mal einen ganzen Abend dauern. Es kommt auch zu richtigen Diskussionen, aber das Wichtigste ist doch, das man überhaupt miteinander redet."

Sich nicht von der NPD einschüchtern lassen

Tamer Örs mit seinem TeamTamer Örs betreibt ein Bistro in Leipzig. Quelle: Tamer Örs

Und Redebedarf gibt es reichlich. Erst im August demonstrierte die NPD vor der Al-Rahman Moschee, Leipzigs größter Gemeinde, unweit des Leipziger Hauptbahnhofs, gegen die vermeintliche "Islamisierung" Deutschlands. Es folgten weitere Kundgebungen  u.a. von "Pro Deutschland" im Stadtzentrum. Erstaunlich abgeklärt ordnet Mehmet Seçkin diese Vorkommnisse ein. "Ich bin selbstverständlich nicht froh darüber, aber es darf nun mal jeder seine Meinung äußern. Wenn jemand ein Problem mit dem Islam hat, dann kann er das frei sagen." Ob die rechten Parteien den hier lebenden Muslimen dieses Grundrecht ebenso selbstverständlich zugestehen würden? Gegen diese Profilierung auf dem Rücken der Muslime in Deutschland treten jedoch viele Leipziger ein. Bündnisse wie "Leipzig nimmt Platz" solidarisierten sich mit der betroffenen Gemeinde, indem sie sich der NPD in den Weg stellten.

Feindseligkeiten führen zu Zweifeln und Unsicherheit

Auch in Villingen trübten braune Flecken das Schwarzwaldidyll. Als eines Morgens Plakate der NPD an der Baustelle der neuen Moschee hingen, verständigten Deniz Sadik und seine Gemeinde die Polizei. "Letztendlich wollten wir der Sache keine große Aufmerksamkeit schenken, weil das es ja war, was die NPD wollte." Solche Rückschläge hinterlassen Spuren, schüren Zweifel. Ist man tatsächlich in Deutschland angenommen? Doch die Gemeinde richtet den Blick nach vorn und packt Themen auf lokaler Ebene an. Schon für das kommende Jahr wird die Einrichtung des islamischen Religionsunterrichts an den lokalen Schulen angestrebt. Was in einigen deutschen Großstädten einer Selbstverständlichkeit nahekommt, wäre für die kleine Gemeinde ein großer Schritt. In Leipzig hingegen liegt ein solcher Religionsunterricht noch in weiter Ferne, dennoch hegt Mehmet Seçkin die Hoffnung, dass sich das "irgendwann" ändern könnte. Bis dahin "versuchen wir das in unserer Moschee aufzufangen mit eigenem Koranunterricht".

Der Wunsch nach Anerkennung

Sadik Deniz bewegen diese Fragen gesellschaftlicher und religionsrechtlicher Anerkennung sichtlich. "Nach 50 Jahren als 'Gastarbeiter' in Deutschland wünsche ich mir auch, dass muslimische Gemeinden endlich als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt werden. Muslime, Kirchen und Staat haben das lange verschlafen, man hätte heute schon weiter sein können damit." Dieser Status würde Moscheebauten oder die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts erleichtern.

Der Leipziger Mehmet Seçkin hebt den symbolischen Wert, den eine solche Entwicklung hätte, hervor: "Juden und Christen haben doch auch diesen Status." Immerhin seien einige Bundesländer auf dem richtigen Weg, beispielsweise Hamburg oder Bremen, die unter großem öffentlichen Interesse Staatsverträge mit muslimischen Gemeinden eingingen.

Anderen zugestehen, was man sich selber wünscht

Bremen und Hamburg sind allerdings weit weg – ist es nun ein Problem, nicht der Nabel des muslimischen Lebens in Deutschland zu sein? Tamer Örs sieht das anders: "Ich brauche keine große Kirche oder Moschee, sondern nur die richtige innere Einstellung und Atmosphäre für meine Gottesliebe." Ob Leipzig oder Villingen, Köln oder Berlin, "in einer Gesellschaft kommt es darauf an, dass man sich gegenseitig akzeptiert und dass man das, was man sich selbst wünscht, auch anderen zugesteht."

Diese positive Grundhaltung hat Tamer Örs mit Mehmet Seçkin und Sadik Deniz gemeinsam – trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungen, Ansichten und Lebenswelten als Muslime jenseits großer muslimischer Gemeinden. Einig sind sie sich auch in dem Anspruch, ihre Umgebung mitzugestalten. Ob im offiziellen Rahmen oder spontan im Bistro, sie setzen sich ein für gegenseitige Akzeptanz, Verständnis und Respekt.

Volker Nüske, 13.01.2014

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