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Geschichte der Muslime in Deutschland

Auch wenn die heutige Präsenz von Muslimen in Deutschland in erster Linie eine Folge der Arbeitsmigration der 1960er und 1970er Jahre ist, reichen ihre Anfänge viel weiter zurück.

Die ersten Muslime kamen als Kriegsgefangene aus der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen (1683) nach Deutschland. Zwar wurde die Mehrzahl dieser Gefangenen entweder getauft oder kehrte in die Heimat zurück. Einige wenige sind aber auch hier gestorben, wovon Grabsteine aus den Jahren 1689 in Brake und 1691 in Hannover zeugen.

Spuren bis zum ersten Weltkrieg


Im achtzehnten Jahrhundert kamen Muslime wiederum als Kriegsgefangene aus dem russisch-türkischen Krieg 1735-39 ins Land. Die 22 türkischen "Langen Kerls" waren ein Geschenk des Herzogs von Curland an den preußischen König Friedrich Wilhelm I. (reg. 1713-40) im Jahre 1739. Ihnen wurde im "Königlichen Waisenhaus" ein Zimmer zum Gebet eingerichtet. Später wurden sie aus "königlicher Großmut" wieder in ihre Heimat entlassen. Im Jahre 1741 wurden unter Friedrich II. tatarische und bosnische Muslime in das so genannte Ulanenregiment integriert, das zeitweise bis zu 1.000 Soldaten umfasste.

Im Zuge der preußisch-osmanischen Kontaktaufnahme wurde 1763 eine ständige osmanische Gesandtschaft in Berlin eingerichtet, dessen dritter Gesandte, Ali Aziz Efendi, 1798 in Berlin starb. Zu seiner Bestattung stellte der preußische König Friedrich Wilhelm III. ein Gelände auf der Tempelhofer Feldmark zur Verfügung. Darauf fanden noch vier weitere islamische Bestattungen statt, bevor der Friedhof 1854 einem Kasernenhof weichen musste. Die fünf Leichname wurden 1866 auf den bis heute erhaltenen türkischen Friedhof am Columbiadamm in Berlin-Neukölln überführt. Dort steht seit 2003 die türkische Şehitlik-Moschee.

Im Ersten Weltkrieg schlug sich das Osmanische Reich auf die Seite der Mittelmächte. Daraufhin kamen einerseits muslimische Kriegsgefangene der Alliierten in zwei Internierungslager in Wünsdorf und Zossen bei Berlin und andererseits auch osmanische Militärs nach Berlin. Im so genannten "Halbmondlager" in Wünsdorf wurde die erste Moschee auf deutschem Boden errichtet. Der Kuppelbau aus Holz mit 25 Meter hohem Minarett hatte jedoch keinen langen Bestand und wurde schon 1930 wegen Baufälligkeit abgerissen.

Muslime in der Zwischenkriegszeit


Nach dem Ersten Weltkrieg verblieben noch etwa 90 muslimische Exilanten und Studenten in Berlin, die ein gewisses Gemeindeleben etablieren konnten. So wurde 1922 die "Islamische Gemeinde zu Berlin" ins Leben gerufen, die 1930 als "Deutsch-Moslemische Gesellschaft" etwa 1.800 Mitglieder verschiedener nationaler wie ethnischer Herkunft vereinte. Die Gesellschaft setzte sich aus zugezogenen Studenten, Akademikern und Intellektuellen sowie deutschen Konvertiten zusammen. Diese gründete 1924 die Moschee in Berlin-Wilmersdorf. Daneben hatten sich zu der Zeit schon zahlreiche kleinere muslimische Vereinigungen gebildet.

Das Dritte Reich erwies sich auch für die Muslime in Deutschland als schwierige Zeit. Besonders durch die Instrumentalisierung der muslimischen Vereine und die Polarisierung durch die Aktivitäten des Muftis von Jerusalem, Amin al-Husayni, wurde das religiöse Leben der muslimischen Gemeinden beeinträchtigt. Der aus dem britischen Mandatsgebiet geflohene Amin al-Husayni weilte von 1941 bis 1945 mehrfach in Berlin und lebte dort auch zeitweise.

Seine Rolle im Dritten Reich ist wegen seines religiös verbrämten Antisemitismus und Nationalismus umstritten. So versuchte er während des Krieges sowohl einen pro-deutschen arabischen Widerstand gegen die Briten zu organisieren, als auch auf dem Balkan Muslime für die Waffen-SS zu rekrutieren. Andererseits versuchte er durch seine Kontakte zur NS-Führung die jüdische Besiedlung Palästinas, besonders aus dem deutschen Herrschaftsgebiet zu verhindern, obwohl er vom Umfang der Judenvernichtung Kenntnis hatte.

Nachkriegszeit bis heute


Nach dem Krieg hatten sich alle vormals existierenden Vereine aufgelöst. Die verbliebenen Muslime sammelten sich um die Wilmersdorfer Moschee. Berlin sollte für die Nachkriegsgeschichte aufgrund der isolierten Lage vorerst keine bedeutende Rolle mehr spielen. Impulsgeber für die Wiederbelebung muslimischen Lebens war die indisch-pakistanische Bewegung der Ahmadiyya. Diese ließ sich von Großbritannien aus 1955 in Hamburg nieder und gründete die "Ahmadiyya Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland e. V.".

In der Folge wurden in mehreren Städten Niederlassungen eingerichtet. In München wurde 1958 die "Geistliche Verwaltung der Muslimflüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland e. V." für ehemalige muslimische Wehrmachtsangehörige ins Leben gerufen. 1961 gründeten schon lange in Hamburg ansässige iranische Kaufleute das schiitische islamische Zentrum an der Außenalster. Im Verlauf der Sechziger Jahre etablierten mehrheitlich arabische Studenten und Akademiker die islamischen Zentren in München und Aachen.

Mit dem Abschluss von Anwerbeabkommen mit muslimischen Staaten, wie der Türkei (1961), Marokko (1963), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) kamen Muslime in größerer Zahl nach Deutschland. Während der Wirtschaftskrise wurde 1973 ein Anwerbestopp erlassen. Da zur gleichen Zeit auch in den Herkunftsländern die Wirtschaftslage entsprechend unsicher war, entschieden sich viele Migranten für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland.

Ihre Familien holten sie im Zuge der Familiezusammenführung nach. Dadurch wurde es notwendig, auch die bisher provisorisch geregelten religiösen und kulturellen Belange zu organisieren. Dazu wurden ab Mitte der 1970er Jahre in größerem Umfang Moscheevereine und Organisationen gegründet. Aufgrund sprachlicher, religiöser und politisch-ideologischer Verständigungsschwierigkeiten entstand neben türkischen auch eine Vielzahl anderer Moscheevereine.

Neben den Arbeitsmigranten sind ab Mitte der 1970er Jahre bis heute Muslime als Flüchtlinge und Asylsuchende hauptsächlich aus der Türkei, dem Libanon, Iran, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und dem Irak nach Deutschland gekommen. Zudem sind muslimische Studierende und Akademiker zu nennen. Diese waren nicht nur in Westdeutschland maßgeblich an der Gründung der Islamischen Zentren und der ab den 1990er Jahren entstehenden islamischen Hochschulvereinen beteiligt. Auch in der damaligen DDR waren Studierende aus arabischen Bruderstaaten (z. B. Syrien und Jemen) Ausgangspunkt eines bescheidenen Gemeindelebens vor allem in Leipzig und Ost-Berlin.

Nicht zu vernachlässigen sind die deutschen Konvertiten zum Islam. Sie spielen zumindest seit dem ersten Weltkrieg trotz ihrer schätzungsweise relativ geringen Zahl im muslimischen Gemeindewesen eine bedeutende Rolle. Das spiegelt sich vor allem im Zentralrat der Muslime in Deutschland wider.

DIK-Redaktion, 08.12.2008

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