DIK - Deutsche Islam Konferenz - Hajj - Frankfurt Mekka und zurück

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Frankfurt - Mekka und zurück

Die Hajj, seit 1400 Jahren eine fast schon ewig anmutende Tradition, ihre Riten sind eindeutig beschrieben und Pflicht für alle Muslime. Doch die Wallfahrt nach Mekka wandelt sich. Die Pilgerströme wachsen, zugleich wird die Pilgerschar bunter, internationaler. Dieser Trend spiegelt sich auch in Deutschland, wenn sich Muslime auf die Hajj vorbereiten.

Da ist Hagar, eine deutsche Muslimin Ende 20. Hagar ist hier geboren und lebt im Ruhrgebiet. Letztes Jahr entschied sie sich, die Pilgerreise anzutreten. Dafür wandte sie sich an eines der 17 Reiseunternehmen in Deutschland, die von Saudi-Arabien lizensiert sind, Hajj-Reisen anzubieten. In der einfachsten Variante kostet es rund 3.300 Euro und dauert 2-3 Wochen. Auch wenn das Reisebüro Visum und andere Dokumente organisiert – für die Pilger bleibt es ein großer Angang, der sich in die Lebenssituation fügen muss. Hagar hatte das Studium gerade frisch abgeschlossen und war noch ohne eigene Kinder. Sie stand vor einem neuen Lebensabschnitt und brachte eine spirituelle Offenheit mit.

Die Pilgerschar wird bunter

"Hagar hat den Zeitpunkt für ihre Hajj früh und selbstbewusst gewählt", meint Imam Mohamed Taha Sabri. Er bietet Vorbereitungskurse für Pilger an. Sabri hat noch die Zeiten erlebt, als meist ältere Menschen in seinen Kursen zusammenkamen, die zum Teil ihr Leben lang auf die Hajj hingespart hatten. Die Kurse heute hätten sich erheblich verjüngt und seien auch bunter zusammengesetzt. An Sabris Seminartischen versammeln sich nun neben Arabern auch Bosniaken, Türken, Pakistanis und deutsche Konvertiten. Schon lange ist die Unterrichtssprache nicht mehr Arabisch, sondern Deutsch.

Gewandelt hat sich aber auch die Haltung. "Früher haben die Teilnehmer von mir erwartet, dass ich sie in den religiösen Vorschriften anleite", sagt Sabri. Dieses Vorwissen bringen viele Teilnehmer heute schon mit. Viele zählen zur Generation YouTube – sind kritisch, informiert, selbstbewusst. Diskussionen und Nachfragen richten sich mehr auf Hintergründe und praktische Fragen, etwa wie man sich in der Gruppe verhalten soll.

Auch Hagar hat als Vorbereitung nach "Hajj" gegoogelt. In Mekka, so hatte Hagar gelesen, sei es sehr heiß und gedrängt voll. 250.000 Pilger sollen die Kaaba pro Stunde umrunden. Viele Regeln und Riten sind einzuhalten. Stattfinden muss die Wallfahrt in den ersten beiden Wochen des Pilgermonats Dhu l-Hijja. Die Pilger müssen vor der Reise den Zustand der spirituellen Reinheit ("Ihram") einnehmen: eine rituelle Waschung vornehmen, sich nicht streiten, keine ungesäumten Kleidungsstücke tragen, auf Geschlechtsverkehr verzichten und weder Haare noch Nägel schneiden. In Mekka sollen die Pilger unter anderem die Kaaba siebenmal umrunden sowie siebenfach hin- und herschreiten zwischen den Hügeln Safa und Marwa. Wenn man die Riten falsch umsetzt, kann die Pilgerfahrt ungültig sein. Bei Hagar mischten sich Vorfreude und Anspannung.

Wie erleben Frauen die Wallfahrt?

Als Hagar schließlich nach Mekka flog, verflüchtigten sich die Sorgen. "Als ich die Kaaba umrundete, war mir sehr bewusst, dass meine Zeit dort äußerst wertvoll ist. Es war mir wichtig, jeden Augenblick zu nutzen". Als Frau reiste Hagar, wie es religiöse Vorschrift ist, nicht allein, sondern in Begleitung ihres Mannes. Einschränkungen aufgrund ihres Geschlechts hat Hagar nicht erlebt – obwohl Saudi-Arabien ansonsten die Bewegungsfreiheit von Frauen ja stark einschränkt. Eine Geschlechtertrennung ist angesichts der Massen nicht umzusetzen. "Beim gemeinsamen Gebet mit vielen anderen Pilgern (im Haram) waren Frauen und Männer grundsätzlich gemischt. Sicherheitskräfte haben versucht darauf zu achten, dass nicht eine Frau zwischen vielen Männern steht. Aber ich war immer an der Seite meines Mannes und wurde nie von ihm getrennt."

Besonders intensiv war für sie das Gemeinschaftserlebnis – eine Grunderfahrung, die auch Muslime früherer Jahrhunderte, lange vor der digitalen Zeit, so erlebt haben. "Es kommen Leute zusammen aus Europa, Asien, Afrika. Nicht alle sprechen Englisch. Durch die großen Menschenmassen kann es schon mal zu kleineren Reibereien kommen. Es war faszinierend zu sehen, wie sich alle Spannungen sofort auflösen, wenn dann der arabische Gebetsruf ertönt."

Wallfahrt und Futurismus

Dieses Grunderlebnis scheint unangetastet – trotz aller äußerlichen Wandlungen. Durch die Globalisierung wachsen die Pilgerströme von Jahr zu Jahr weiter. 2010 erreichten sie 2,8 Millionen. Den Eindruck der Einheit zwischen den Völkern dürfte dies sogar noch verstärken. Ein eigens eingerichtetes "Hajj-Ministerium" erstellt Konzepte, um Massenpanik zu verhindern, wie sie immer wieder ausgebrochen ist, oft mit vielen hunderten Toten. Es gibt streng begrenzte Länderkontingente aus. Das deutsche Reisebüro, mit dem Hagar die Pilgerfahrt beging, darf für 2013 maximal 300 Pilger annehmen.

Die Massen müssen gemanaged werden. Dies kann futuristische Züge annehmen. Ein internationales Forschungsteam hat vor kurzem ein Tracking-System vorgeschlagen, das jeden einzelnen der Millionen Pilger orten kann, falls er oder sie einmal im Gemenge die Orientierung verliert.

Die Hajj ist längst im Zeitalter von Google und GPS angekommen; und doch bleibt sie ein archaisches Erlebnis. "Die Pilgerfahrt war wie eine Schnittstelle in meinem Leben", so berichtet es Hagar. "Ich habe mir den Vorsatz gefasst, bewusster zu leben, weniger Fehler zu begehen. In gewisser Weise fühlte ich mich nach der Hajj wie neugeboren."

Thilo Guschas, 06.11.2013

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An einem geschwungenen Leuchter hängt ein Straußenei.

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