DIK - Deutsche Islam Konferenz - Letzte Ruhe - letzte Reise?

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Letzte Ruhe - letzte Reise?

Der Tod von Freunden und Verwandten ist ein großer Schock. Doch zum Verlust eines geliebten Menschen kommen mühevolle organisatorische und grundsätzliche Fragen: Angehörige und Freunde müssen informiert werden, Formalitäten bei Arbeitgeber, Behörden und Versicherungen erledigt werden, das Begräbnis muss geplant werden. Für die Muslime in Deutschland, die sich mit mehreren Orten verbunden fühlen, verkompliziert die Wahl der letzten Ruhestätte die Situation noch mehr.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Mehrheit der verstorbenen Muslime in Deutschland in ihre Herkunftsländer überführt und dies, obwohl islamische Bestattungsrichtlinien eine zeitnahe und lokale Bestattung empfehlen. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Islamische Gelehrte argumentieren, dass eine Überführung vermieden werden sollte. Überall wo nach islamischen Bestattungsvorschriften beerdigt werden kann, möge dies auch geschehen. Bis ins letzte Jahrhundert war die Beerdigung vor Ort eine Zwangsläufigkeit, denn Muslime sollen nach Möglichkeit innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden. Früher waren Überführungen über lange Distanzen zwangsläufig mit hohem Zeitverlust verbunden. Heute, da Verstorbene auch innerhalb von 12 Stunden überführt und beerdigt werden können, stellt sich die Frage, ob bei der Einhaltung der Frist eine Überführung unbedenklich ist. Viele Muslime stehen bei der Entscheidungsfindung für den Beerdigungsort vor zwei Möglichkeiten: Wenn sie ihre Verwandten in Deutschland beerdigen lassen, wie es die islamischen Bestattungsriten empfehlen, dann können Angehörige, Freunde und Bekannte auf Grund der restriktiven Einreisebestimmungen nach Deutschland und den hohen Reisekosten an einer Trauerfeier nicht teilnehmen. Wenn sie jedoch ihre Angehörigen beispielsweise in der Türkei beerdigen lassen, setzen sich die Muslime über die Empfehlung der Gelehrten hinweg. Auf diese Weise können aber sowohl Verwandte und Bekannte aus Deutschland als auch aus dem Herkunftsland auf einer Trauerfeier Abschied nehmen.

Schlechte Infrastruktur und Problem im Konzept "Gastarbeiter"

Die Bestattung von Muslimen in Deutschland etabliert sich allmählich. Zunächst war die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Bestattung für Muslime in Deutschland selten geboten. Die meisten waren jung und gesund als Sie nach Deutschland kamen. Die Verstorbenen wurden fast ausnahmslos in ihre Heimatländer zurück überführt, da es in Deutschland so gut wie keine Infrastruktur für islamische Bestattungen gab. Begünstigt wurde die Überführung von Verstorbenen in ihr Herkunftsland durch die Globalisierung. Mit zunehmendem Frachtverkehr sanken vor allem bei der Luftfracht die Kosten für eine Überführung erheblich. Dies beeinflusste die Entscheidung für eine Bestattung im Heimatland positiv, da zum Teil eine Beerdigung in Deutschland teurer war als die Überführung in das Ursprungsland. Zudem entsprach es damals dem Selbstverständnis der "Gastarbeiter", die sich ursprünglich auf einen temporären Aufenthalt in Deutschland eingestellt hatten. Erst seit Mitte der 1990er Jahre vollzieht sich ein Wandel in dieser Einstellung. Die ehemaligen Einwanderer werden nicht mehr als "Gastarbeiter" angesehen, sondern allmählich von Politik und Gesellschaft als zugehörig begriffen.

Familiennähe und Vorbilder entscheidend für die Wahl der Ruhestätte

Dennoch: In den Jahrzehnten mangelnder Infrastruktur, der Wahrnehmung als "Gastarbeiter" und erleichterter Transportmöglichkeiten hat sich eine Handlungstradition etabliert. So richten sich viele Muslime in Deutschland heute danach, wo ihre Väter, Mütter, Onkel, Tanten oder Nachbarn beerdigt wurden. Entsprechend schätzten Konsulate und Botschaften, dass 90 Prozent der Verstorbenen überführt wurden.

Die Überführung der Verstorbenen in das Herkunftsland ist Ausdruck einer transnationalen Identität. Viele Muslime in Deutschland führen seit Jahrzehnten ein Leben über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Hochzeit, Urlaub und auch Beerdigungen werden, wenn möglich, in beiden Ländern oder tendenziell im Herkunftsland vollzogen. Andere Handlungen, wie Lohnerwerb oder die Partizipation am gesellschaftlichen Leben finden eher in Deutschland statt.

Allmählicher Wandel

Ein Koran liegt im Licht vor dunklem HintergrundWährend des islamischen Begräbnisses werden häufig Koransuren gelesen und die guten Taten des Toten erinnert. Quelle: Christopher Adolph

Mit dem lebenspraktischen Fokus der Kindergeneration in Deutschland nimmt auch die Zahl der transnationalen Handlungen ab. Daher steigt das Bedürfnis nach geeigneten Begräbnisstätten und einer rechtlichen Einbettung. Hier bewegt sich einiges: zwar ist die Bestattungsinfrastruktur in Deutschland heute nicht flächendeckend gegeben, aber in den meisten Städten Deutschlands sind islamische Beerdigungen möglich. Dort gibt es Moscheen und Waschräume, in denen der Verstorbene rituell gewaschen werden kann. Auch existieren Friedhöfe, auf denen die Gräber nach Mekka ausgerichtet sind und eine Beerdigung ohne Sarg möglich ist.

Dennoch gibt es weiterhin Handlungsbedarf. Es existieren noch keine von Muslimen selbstverwalteten Friedhöfe. Die Stadt Hamburg ist bereits mit einer möglichen Lösung vorangegangen und hat mit islamischen Verbänden einen eigenen Staatsvertrag abgeschlossen. Damit könnten muslimische Verbände in Zukunft auch islamische Friedhöfe verwalten.

Für Muslime ist das ein bedeutender Schritt, der es ihnen erleichtert, die letzte Ruhe in Deutschland zu finden.

Özgür Uludag, 11.01.2013

Özgür Uludag ist freier Journalist beim NDR-Fernsehen in Hamburg. Er promoviert zum Thema: "Transnationale Integration vor dem Hintergrund islamischer Beerdigungen in Deutschland" an der Chrstian-Abrechts Universtität zu Kiel und arbeitete zuvor u.a. als Bestatter im Familienbetrieb "Islamisches Beerdigungsinstitut Uludag" in Hamburg.

Zusatzinformationen

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