DIK - Deutsche Islam Konferenz - Muslimische Pflege

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Maßgeschneidert: Altenpflege für Muslime

Ein Heimathafen in der Fremde

Sultan Baylar bietet ihren Gästen Lokum an, eine klebrige türkische Süßigkeit, dann Kölnisch Wasser für die Hände. Da wo sie herkommt, macht man das so. Allerdings kann die frühere Hausfrau ihren Gästen die traditionellen Gaben nicht mehr selber reichen. Die 67-Jährige kann kaum noch stehen und sitzt mit ihrem batteriebetriebenen Herz die meiste Zeit in weiten Hauskleidern auf dem Sofa. Jeden Tag kommt eine ihrer Pflegerinnen und übernimmt auch gastfreundschaftliche Gesten für sie. Heute ist Zeynep Yalcin da, 43 Jahre alt, sie trägt ein buntes Kleid und rotes Kopftuch und nennt Baylar freundlich „Sultan anne“, Mutter Sultan.

Sie würde ja eigentlich lieber in der Türkei wohnen, sagt Mutter Sultan und seufzt. „Hier alt zu werden war nicht geplant.“ Doch mit ihrem bettlägerigen, kranken Mann und den eigenen Leiden kann sie nicht in die Heimat zurück. Die beiden sind nur in Deutschland krankenversichert. „Wir werden wohl in Berlin bleiben.“

Kultursensible Pflege

2 ältere Herren spielen mit Krankenschwester MemoryIn der Kamil-Tagespflege

So wie Ehepaar Baylar geht es hundert Tausenden früheren, so genannten Gastarbeitern in Deutschland. Anders als geplant sind sie „in der Fremde“ geblieben, nachdem sie aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Einige wollen bei ihren Kindern bleiben, die ihrerseits hier Familien gegründet haben. Andere schätzen gerade im Alter das deutsche Gesundheitssystem. Prognosen sagen voraus, dass im Jahr 2030 ein Viertel der in Deutschland lebenden älteren Menschen Einwanderer sein werden.

Immer wieder muss jedoch ein Teil von ihnen erleben, dass deutsche Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen nicht auf die speziellen Bedürfnisse der gläubigen, aber auch weniger gläubigen Muslime eingestellt sind. Oft brechen sie Behandlungen frühzeitig ab, weil es kein Personal gibt, das ihre Sprache spricht oder Speisevorschriften, wie der Verzicht auf Schweinefleisch, nicht berücksichtigt werden. Gleichzeitig wird die „kultursensible“ Alten- und Krankenpflege als Marktlücke entdeckt. Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Einrichtungen, die mit türkisch- und arabischstämmigen Angestellten arbeiten.

Es reicht nicht, Türkisch oder Arabisch zu sprechen

„Gott sei´s gedankt, ich bin sehr zufrieden mit meinen Mädchen“, sagt Sultan Baylar. Wie sie ihre Pflegerinnen gefunden hat? Ihr türkischer Arzt hatte ihr nach der Diagnose vor sieben Jahren eine Broschüre in die Hand gedrückt. „Hauskrankenpflege Deta-Med“ stand darauf. Die Analphabetin musste sich nach dem Telefonat um nichts weiter kümmern. Den Papierkram mit den Gesundheitsbehörden übernahm eine Sozialarbeiterin des türkischen Pflegedienstes.

„Es reicht nicht, Türkisch oder Arabisch zu sprechen“, sagt Nare Yesilyurt, Leiterin von Deta-Med. „Es gibt besondere kulturelle Eigenheiten von Muslimen, die man kennen muss.“ Die 41-Jährige hat das Berliner Unternehmen vor 10 Jahren gegründet und beschäftigt inzwischen über 200 Mitarbeiter. Die werden von der Chefin persönlich in „kulturspezifischer Altenpflege“ geschult. Dabei lernen die Pfleger etwa, welche Suren sie bei der ambulanten Sterbebegleitung aus dem Koran rezitieren sollten oder die Schahada, das Glaubensbekenntnis, vorzusprechen. Sie erfahren ferner, dass Muslime vor den Gebeten nur mit fließendem Wasser gereinigt werden wollen, weil das im Islam so vorgeschrieben ist. Die im Orient übliche Haarentfernung an verschiedenen Körperstellen gehört ebenfalls zum Lernprogramm.

Güllü Albayrak Kuzu, die Leiterin der Kamil Tagespflege, kennt diese Regeln. Sie bekommt täglich „Besuch“ von rund 15 Patienten in ihren farbenfrohen Räumen in Berlin. Die meisten sind Türken und Araber und leiden unter Demenz. Von 8 bis 16 Uhr werden sie betreut und gewaschen, sie können hier basteln, türkischen Tee trinken oder in einem der Ledersessel mit Massageprogramm entspannen. „Die Sessel sind der Renner“, sagt Albayrak Kuzu, die ein paar davon im Bet- und Ruheraum aufgestellt hat.

Service für Analphabeten gehört zum Standard

Für die Pflegeleiterin mit Kopftuch ist die Sprache der Schlüssel zur kultursensiblen Altenpflege. „Viele Probleme kann man im Röntgenbild nicht sehen“, sagt sie. Wenn die medizinischen Betreuer die Muttersprache der Patienten teilen, baue sich schneller Vertrauen auf. Und damit könne man die Krankheitsbilder und -ursachen oftmals genauer erkennen.

Albayrak Kuzu hat zuvor viele Jahre in deutschen Pflegeeinrichtungen gearbeitet. Sie kennt die Unterschiede zur kultursensiblen Arbeit: Oft muss Rentnern aus bildungsfernen Einwandererfamilien erst erklärt werden, was Alten- oder Tagespflege überhaupt bedeutet. Viele wissen nicht, dass die Ex-Gastarbeiter die Kosten der Pflegeversorgung nicht selbst übernehmen müssen. Zudem kann ein Großteil der älteren Muslime in Deutschland nicht lesen und schreiben. Bearbeiten von Unterlagen und Terminkoordination gehört daher meist zum Standardangebot der kultursensiblen Pflegebranche. Albayrak Kuzu  und ihre sechs Mitarbeiter etwa kümmern sich auch um Briefe, Anträge, Arztbesuche oder neue Medikamentenrezepte ihrer Patienten.

Noch große Scheu vor Pflegeheimen

Hinzu kommt, dass es gerade in türkischen und arabischen Familien keineswegs selbstverständlich ist, pflegebedürftige Eltern an Fremde abzugeben. Viele haben große Scheu und ein schlechtes Gewissen deswegen. Das Berliner „Türk Bakim Evi“, das erste türkische Altenheim in Deutschland, kennt das Problem: Obwohl es seit seiner Eröffnung Ende 2006 Freitagsgebete, Gerichte ohne Schweinefleisch und türkisches Satellitenfernsehen anbietet, ist nur ein Teil der 155 Betten belegt. Auch die Chefin der Kamil-Tagespflege muss oft mehrmals mit den Angehörigen reden, „bis sie ihre Eltern probeweise zu uns geben“.

Doch inzwischen sind hier die meisten Plätze belegt. Gegen neun Uhr morgens schlurfen grauhaarige Männer und betagte Damen mit Kopftuch durch den Flur. Der Fahrer hat sie soeben abgesetzt und winkt ihnen nach. „Hal-lo“ singen die Frauen der Chefin fröhlich zu. Sie ziehen gemächlich ins Esszimmer. Dort wartet schon Frühstück auf sie. Einige freuen sich schon jetzt auf die elektronische Massage danach.

Ferda Ataman, 01.09.2009

Ferda Ataman ist Journalistin für den Tagesspiegel.

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