DIK - Deutsche Islam Konferenz - Ein Tag im Ramadan

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Wenn der Glaube Hunger und Durst besiegt

Der Wecker klingelt. Es ist 4 Uhr, Samstagmorgen in Mönchengladbach. Fedua Djelassi zieht die Bettdecke ein letztes Mal über den Kopf, dann setzt sie sich aufrecht hin. Aufstehen. Ihre Mutter ruft, der Vater auch. Allmählich trotten alle mehr oder weniger müde in die Küche, zum Schluss ihre beiden Brüder. Es gibt Cornflakes, Brot, Obst und Joghurt, Kaffee und Tee. "Ich esse immer Cornflakes." So auch an diesem Morgen. "Vor allem muss man etwas trinken, sonst kriegt man das später zu spüren." Denn während des Tages darf Fedua es nicht mehr, keinen Schluck. Auch essen wird sie danach nichts mehr. Ein neuer Tag im Fastenmonat Ramadan beginnt.

"Und esset und trinket, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen Faden von einem schwarzen Faden unterscheidet. Dann haltet das Fasten streng bis zur Nacht", heißt es im Koran über die Dauer des täglichen Fastens – über 30 Tage hinweg. Doch bevor das Tageslicht die Dunkelheit verdrängt, darf gegessen werden: das Sahur-Essen am Morgen. Das Fasten gehört zu den Grundpflichten, den Fünf Säulen des Islam. Der Koran wurde im Ramadan offenbart. Deshalb gilt der Fastenmonat für Muslime als besonders heilige Zeit, in der sie sich intensiv ihrem Glauben widmen.

Nachempfinden wie sich Arme fühlen

Einen weißen Faden haben die Djelassis nicht. Am Kühlschrank hängt ein Kalender mit den genauen Uhrzeiten, wann das Fasten beginnt und endet. Im Sommer sind die Tage lang, "da ist das Fasten manchmal etwas schwieriger", sagt Fedua. "Manchmal kriege ich Durst, vor allem wenn ich arbeite und viel rede." Die 20-jährige Abiturientin jobbt in einem Restaurant. Doch das Fasten gehöre zu ihrer Religion, erklärt sie, und sei auszuhalten. "Kinder in Afrika haben Monate lang nichts zu essen." Im Ramadan lerne man zu schätzen, was man hat.

Dass die Fastenzeit mal im Sommer und mal im Winter anfängt, liegt am islamischen Mondkalender. Darin ist der Ramadan der neunte Monat. Ein Mondjahr ist kürzer als ein Sonnenjahr. Deshalb wandert der Fastenmonat in der gängigen gregorianischen Zeitrechnung. Kranke, Kinder, Schwangere und Reisende müssen nicht fasten. Alle anderen verbinden es mit ihrem Tagesablauf.

Das bedeutet für den Großteil der Familie Djelassi: arbeiten. Auch Mutter Mongea Djelassi ist berufstätig, doch fasten und arbeiten sei kein Problem: "Mein Körper hat in der Fastenzeit Ruhe, das ist gut für mich." Sie fühle sich stark und erholt. Heute muss sie nicht lange arbeiten, in der Woche aber bis 20 Uhr. Noch vor der Arbeit bereitet sie dann das "Chorba" vor: Die kräftig gewürzte Fisch-Suppe ist im Ramadan bei tunesischen Familien Tradition. Wichtig sei es, mit der Familie gemeinsam zu essen, sagt sie. "Sehr wichtig ist aber vor allem, Essen für arme Menschen auszugeben."

Eine körperliche, geistige und soziale Erfahrung

Muslime sind im Ramadan besonders angehalten, an ihre Mitmenschen zu denken. Zudem geht es auch um eine innere Reinigung. Der Fastende soll nichts Verwerfliches denken oder sagen. "Mancher Fastende hat von seinem Fasten nichts als Hunger", soll der Prophet daher gesagt haben.

Aus dem Kassettenrekorder erklingen Koransuren. Es ist nicht mehr lang bis zum Fastenbrechen, dem Iftar. In der Küche wird gezaubert. Der tunesische Salat aus Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Äpfeln ist fertig: "Das ist immer mein Job", sagt Fedua. Genauso auch das Brek: Gebratene Blätterteigtaschen gefüllt mit Kartoffeln, Petersilie, Zwiebeln, Eiern und Thunfisch. Cousksi bel Ham, Couscous mit Rindfleisch, ist das Hauptgericht. Ihre Mutter erklärt jeden einzelnen Schritt. "Du darfst beim Couscous nicht am Olivenöl sparen", sagt sie. Immer wieder gibt sie den Couscous in eine andere Schüssel und knetet ihn mit Wasser durch. Nur der Herd gibt mit seinen vier Platten eine Grenze vor: Ein Topf mit Suppe, einer mit Fleisch und dampfendem Couscous, einer mit Kichererbsen und eine Pfanne mit Brek.

In der Gemeinschaft beten

Einige Familien treffen sich zu gemeinschaftlichen Essen in der Moschee. Während der Fastenzeit versuchen Muslime möglichst häufig gemeinschaftlich in der Moschee zu beten und den Koran zu rezitieren. Im Ramadan beten sie im Anschluss an das Nachtgebet ein freiwilliges Gebet: das Tarawih. Die Gebete können aber auch zuhause verrichtet werden.

Fastenbrechen ist heute um genau 20.35 Uhr. Die letzten Minuten laufen, die Gäste sind da. Alles wirkt wie ein Endspurt auf den letzten 50 Metern. Die Mutter holt Teller und Gläser aus dem Schrank, Fedua verteilt die gekühlten Wasserflaschen, das Fladenbrot, "schnell, schnell", sie lacht über ihre Hektik. Der Tisch ist gedeckt… Als erstes eine Dattel und ein Schluck Wasser. Erst dann folgen die anderen traditionellen tunesischen Speisen im Ramadan: Suppe (Chorba), Salat, Brek und Couscous.

Ein süßes Fest beendet das Fasten

Die Hände greifen zum traumhaft leckeren Gebäck und frischen Kaffee. "Baklawa gehört auch zum Ramadan", erklärt Fedua. Das andere Gebäck ist aus Honig, Pistazien und jede Menge Mandeln gemacht – alles ist mit Rosenblütenwasser aromatisiert.

"Ganz, ganz viel Süßes und Geschenke für die Kleinen gibt es zum Zuckerfest und die Familien besuchen sich." Drei Tage geht das Fest des Fastenbrechens (Id al-Fitr), das den Ramadan beendet. Es beginnt in diesem Jahr am 20. September.

Doch ein weiterer Tag ist vergangen, Fedua streicht ihn mit Rotstift vom Kalender. Die Mutter packt derweil alles in Folien und Tüten, was die Gäste tragen können. Sie beeilt sich, es ist bald Mitternacht. In vier Stunden klingelt der Wecker.

Naima El Moussaoui, 13.09.2009

Zur Person:

Naima El Moussaoui ist freie Journalistin, sie engagiert sich für Dialogprojekte, arbeitet unter anderem für die Deutsche Welle und für den Kölner Stadt-Anzeiger.

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