DIK - Deutsche Islam Konferenz - Ramadan-Tagebuch I

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Ramadan-Tagebuch I

Der erste Teil - die 20 Tage vor der "Nacht der Bestimmung"

Er ist ein Monat der Geduld und die Belohnung für Geduld ist der Garten. Der Ramadan ist die Zeit des großzügigen Gebens und der Monat, in dem die Versorgung der Gläubigen gesteigert wird. (Prophet Muhammad) 

Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.(Martin Heidegger, deutscher Philosoph, 1889 - 1976)

19. Juli 2012, ein Tag vor Ramadan:

Ein Jahr ist wieder vergangen. Morgen fängt der Fastenmonat Ramadan an. Auch wenn die Sommertage lang sind, freue ich mich auf den Ramadan. Noch bin ich etwas skeptisch, ob ich es dieses Jahr schaffen werde, das Rauchen bei der Gelegenheit aufzugeben. Am Abend geht es in die Moschee zum Tarawih-Gebet.[1] Denn der Ramadan ist nicht nur körperlicher Verzicht, sondern auch spirituelle Gabe. In Berlin ist die Ramadanatmosphäre besonders zu spüren. Bei meinem Spaziergang durch Kreuzberg am Vorabend des Ramadan fällt mir das besonders auf. Die Lebensmittelgeschäfte haben spezielle Angebote, die es nur im Ramadan gibt, wie etwa eine große Auswahl von Datteln, denn das Fasten bricht man traditionell mit Datteln. Auch der Duft des Ramadanfladenbrots – ein spezielles Fladenbrot, das es nur im Ramadan gibt – verbreitet sich in den Straßen Berlins. Auf dem Weg in die Moschee sehe ich Jung und Alt aus allen Richtungen in die Moschee strömen. Die freudige Stimmung sieht man den Gesichtern an. Es ist Ramadan.

20. Juli, Tag 1:

Der erste Ramadantag. Ich kam am Vorabend erst sehr spät aus der Moschee zurück, da ich Freunde in der Moschee traf, die ich länger nicht gesehen hatte. Die Unterhaltungen zogen sich bis tief in die Nacht. Dementsprechend bin ich besonders müde als ich um 3:30 Uhr aufstehe, um ein kleines Frühstück zu mir zu nehmen und vor allem Wasser zu trinken. Die Zigaretten rühre ich erst gar nicht an. Danach lege ich mich wieder hin. Am Vormittag fühle ich mich etwas benommen, da ich mich noch an diesen Schlafrhythmus gewöhnen muss. In der Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, rieche ich einen angenehmen Kaffeeduft. Ich blicke um mich, sehe aber nicht woher dieser Duft kommt. Erst später merke ich, dass ein Fahrgast weit weg im anderen Teil des Abteils gerade seinen Kaffee trinkt. Der Kaffeeduft findet trotzdem den Weg zu mir. Aber da muss ich jetzt durch, obwohl bei mir gewöhnlich ohne Kaffe Nichts geht. Die Zigaretten vermisse ich heute erstaunlicherweise gar nicht.

23. Juli, 4. Tag:

Eine gut besuchte Bäckerei in in Kreuzberg mit orientalischen Backwaren.Nicht nur im Ramadan: für Spezia-litäten lohnt sich langes Warten; hier: eine Bäckerei in Kreuzberg. Quelle: Katy Otto

Die ersten drei Tage sind vorbei, ich bin vollends im Ramadanmodus angelangt. Besonders im Ramadan schaffe ich es immer wieder effektiver zu arbeiten. Ich trödele nicht so viel herum, arbeite gezielter, bevor die Energie im Laufe des Tages nachlässt. Ich habe immer gegen Nachmittag meine Tiefphase, so dass ich versuche gerade am Vormittag viel zu schaffen. Nach einer kurzen Siesta am Nachmittag kommt am frühen Abend wieder eine Phase, in der mir die Dinge leicht fallen.

26. Juli, 7. Tag:

Die erste Woche ging sehr schnell vorbei, auch wenn sich die ersten drei Tage sehr in die Länge zogen. Die langen Sommertage machen mir weniger zu schaffen als vermutet. Die Einladungen zum Iftar, dem gemeinsamen Fastenbrechen mit Freunden und Bekannten, trudeln eine nach der anderen ein. Der Ramadan ist ein gemeinschaftstiftendes Ereignis, da man während dieser Zeit Freunde und Bekannte trifft, die man ansonsten aufgrund des Alltagsstresses nicht so oft sieht. Ich genieße diese Momente des Miteinanders. Vor allem finde ich gerade im Ramadan die Zeit und Möglichkeit auch mit den alten Gemeindemitgliedern in der Moschee zu sprechen. Nach dem Gebet am Abend sitze ich heute lange bis in die Nacht mit den alten Hadschis[2] und höre mir ihre Erzählungen aus vergangenen Zeiten an. In diesem Monat herrscht ein anderes, intensiveres Beisammensein.

Die Nacht vom 5. auf den 6. August, 18. Tag:

Etwas mehr als die Hälfte des Ramadan ist nun vorüber. In der zweiten Hälfte folgt die intensivste Zeit im Fastenmonat, denn die letzten zehn Tage haben innerhalb des Ramadan eine besondere Stellung: In diesen letzten 10 Tagen ist die Laylat al-Qadr, die Nacht der Bestimmung. In dieser Nacht wurde der Koran offenbart. Doch in welcher Nacht genau der Koran herabgesandt wurde, ist unklar. Überliefert ist, dass die Nacht der Bestimmung unter den ungeraden Nächten der letzten 10 Tage des Monats Ramadan 'verborgen' sein soll. So halten viele Muslime gegen Ende des Ramadan vermehrt im Gebet innerlich Ausschau nach dieser Nacht. Auch ich plane in den letzten Tagen des Ramadan meine alltägliche Arbeit zu reduzieren und mich noch stärker auf die spirituellen Aspekte des Ramadan zu konzentrieren.

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Eren Güvercin ist freier Journalist und Autor. Im April erschien sein Buch "Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation" im Herder Verlag.

Er bloggt unter: http://erenguevercin.de

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[1] Das Tarawih-Gebet ist ein spezielles Gebet im Monat Ramadan, das in der Regel mit dem Nachtgebet verbunden wird.

[2] Den Titel 'Hadschi' erhält eine Person, wenn sie die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat.

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