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Fasten, Mitfühlen, Austauschen – Ramadan hat viele Facetten

Die Meisten kennen ihn als den Monat, in dem Muslime tagsüber nichts essen und nichts trinken dürfen. Doch was passiert eigentlich nach dem Fastenbrechen? Muslime in Deutschland zeigen, dass in diesem Monat mehr steckt.

2013: Ramadan in Deutschland

Ramadan 2013 in Deutschland

Essen bzw. Fasten ist das Erste an was die Leute denken, wenn von Ramadan die Rede ist. Natürlich spielt im Ramadan das Fasten eine wichtige Rolle, es ist jedoch nur eins von den vielen Ereignissen, die den Ramadan definieren. Traditionell wird das Fasten mit Molke und Datteln gebrochen. Quelle: Arne List

Mit großen Augen betrachten Leonie S. und ihre Freundinnen die funkelnde Beleuchtung zwischen den Minaretten. "Willkommen Ramadan" steht dort in großen Buchstaben geschrieben. Willkommen sind auch sie und ihre Freundinnen. Sie sind spät dran. Die Sonne ist bereits vom Horizont verschwunden. Kaum setzen sie den ersten Schritt in eines der großen weißen Zelte, schon ruft der Imam zum Gebetsruf­ auf– dem Startschuss für alle Fastenbrechenden. Doch sprinten tut hier niemand. Gelassen nimmt der Sitzpartner der Lehramtsstudentin eine schrumpelige Dattel in den Mund und begrüßt noch schnell seinen Nachbarn von nebenan. Und nun ist endlich die scharf gewürzte Linsensuppe an der Reihe.

"Der Sultan der elf Monate"

 "Komisch...", flüstert Leonie ihrer Freundin zu, "Müssten die nicht hungrig sein nach 18 Stunden?". 18 Stunden ohne einen Krümel zu essen oder einen Tropfen zu trinken. Ein nahezu unvorstellbarer Zustand für viele Menschen in Deutschland. Doch für Muslime steckt viel mehr in diesem Monat als nur Hunger und Durst. "Der Sultan der elf Monate" wird der neunte Monat des islamischen Mondkalenders gennant. Mit viel Vorfreude erwartet man ihn das ganze Jahr. Es ist ein Monat der Besinnung und des Beisammenseins. Ein Monat, der versöhnt und Menschen auf der ganzen Welt verbindet. "Wir sind wirklich positiv überrascht von der Gemeinschaft. Wir hatten uns das alles viel hektischer und geschlossener vorgestellt, weil man doch den ganzen Tag nichts gegessen hat", erzählt Verena W., eine der vielen nicht-muslimischen Gäste des Abends.

Jedes Jahr lädt die Göttinger DITIB Moschee zum gemeinsamen Fastenbrechen für alle Bürger der Stadt ein. So treffen sich jeden Abend in der Moschee der Universitätsstadt bis zu 400 Menschen, um gemeinsam zu essen, sich auszutauschen und kennenzulernen. Genauso wie die Freundinnen Verena W. und Leonie S. . Zuvor hätten sie sporadisch Kontakt mit ihren muslimischen Mitmenschen gehabt, geben sie zu. Umso freundlicher seien sie jedoch empfangen und in die Moschee begleitet worden. "Nicht einmal Kopftücher mussten wir tragen. Die Menschen haben uns alles erklärt und übersetzt und wir durften sogar beim gemeinsamen Gebet dabei sein", freut sich eine weitere Kommilitonin der Beiden und führt ein Stück süße Baklava in den Mund.

Heimatgefühle beim Festi-Ramazan in Dortmund

Baklava zum Nachtisch gibt es auch in Dortmund. Dort wird in diesem Jahr das zweite Mal in Folge das größte Ramadan-Fest Europas, das Festi-Ramazan, veranstaltet. Auf einer Veranstaltungsfläche von 100.000 m², einer Einkaufsmeile von einem Kilometer und 60 Essensständen, ist eine Mischung aus Messe, Kirmes und Kinderfest entstanden. "Unser Ziel ist es den älteren Genrationen das Gefühl von Heimat zu geben und die Geschichte der Ramadan Festlichkeiten aus ihrer Jugend auferstehen zu lassen. Zusätzlich soll bei Kindern und Jugendlichen die Neugier auf  kulturelle Vielfalt geweckt werden", erklärt Eyyüp Dokuz, Mitveranstalter des Festi-Ramazan. Das Fest richte sich insbesondere an Nicht-Muslime, die hier vielleicht ihre erste Begegnung  mit deutschen Muslimen und ihren Lebenswelten haben könnten. "Interesse und Sehnsucht bestehen", fügt der 38-jährige Computerfachmann hinzu. Am ersten Ramadan-Wochenende seien bereits 30.000 Besucher gekommen. Da ist viel Planung und Organisationstalent gefragt. Und auf umso mehr Unterstützung hätten die Veranstalter seitens der Stadt Dortmund gehofft: "Dies  ist ein großer Beitrag den wir in Richtung interreligiösen und interkulturellen Dialog leisten, aber leider mussten wir sogar für die Genehmigung der Veranstaltung und bis heute noch für jedes verlegte Kabel bangen", beklagt Dokuz mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Nächte des Ramadan"

Während jedoch das Festi-Ramazan weiter an Zulauf gewinnt und der rauschebärtige Nasreddin Hoca, ein humorvoller türkischer Sufi-Gelehrter aus dem 13.Jahrhundert, auf der Bühne mit dem Dönermann vom Stand nebenan "Reise nach Jerusalem" spielt, eröffneten in der Hauptstadt erneut die "Nächte des Ramadan" ihre Pforten. Dort finden rund um die Berliner Museumsinsel vom 27.Juli bis zum 11. August 2013, Konzerte, Workshops und Museumsführungen für Kinder und Erwachsene statt. Höhepunkte des kulturellen Programms sind die Abschlussfeierlichkeiten zum Ramadanfest am 10. – 13. August 2013. Hier findet in der größten Berliner Moschee, der Sehitlik Moschee, und auf der Karl-Marx-Straße ein muslimisches Familienfest für alle Berliner statt.

Ramadan – die beste Zeit zur Abgabe der muslimischen Almosensteuer

Neben dem sozialen und kulturellen Austausch steht der Ramadan auch für Empathie und Mitgefühl. Frei nach dem Motto: "Erst derjenige, der hungert, kann nachvollziehen". Daher nutzen Muslime diesen Monat verstärkt für die Abgabe der muslimischen Almosensteuer, die Zakat, und freiwilligen Spenden, die Sadaqa. Dabei richten sie sich besonders an die Sunna des Propheten Muhammad, der zweitwichtigsten Quelle des islamischen Rechts nach dem Koran. Hier wird davon berichtet, dass der Prophetder Großzügigste unter allen Menschen gewesen sei, und den Höhepunkt seiner Großzügigkeit im Ramadan erreicht habe.1

Ob Hilfeleistung oder interreligiöser Dialog, der Ramadan ist die Zeit in der sich Muslime besonders auf soziales Miteinander besinnen - die Blütezeit der Gleichheit und der Toleranz. Das Fasten in diesem Monat ist für jeden gesunden Muslim eine Pflicht. So sitzen jedes Jahr erneut Menschen aller sozialen Schichten, ob Banker oder Obdachloser, nebeneinander und brechen ihr tägliches Fasten. Doch was auf den ersten Blick wie ein großes Ess-Fest aussieht, ist bei genauerem Betrachten nur Mittel zum Zweck. Und vielleicht die beste Gelegenheit, den ersten Schritt zur Klingel des muslimischen Nachbarn zu machen.

von Sümeyye Celikkaya, 31.07.2013

[1] Überliefert von Ibn Abbas in Sahih Al-Bukhari (Kapt.1/4):

Ibn 'Abbas sagte: "Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, war der Großzügigste unter allen Menschen, und den Höhepunkt seiner Großzügigkeit erreichte er im Ramadan, wenn ihm Gabriel begegnete. [...] Wahrlich, der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, war mit dem Hergeben von guten Dingen schneller als der unhaltbare Wind."

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