DIK - Deutsche Islam Konferenz - Muslimische Seelsorge

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Guter Rat – mit oder ohne Allah?

Auch Muslime sterben. Eine banale Aussage, die dennoch drängende gesellschaftliche Fragen aufwirft. Wie ist damit umzugehen, wenn Muslime durch einen Unfall, Krebs oder Selbstmord umkommen? Für Sterbende und Hinterbliebene, die aus einem muslimischen Umfeld kommen, gibt es bislang kein spezielles Betreuungsangebot. Das gleiche gilt für Alkoholsucht, Schulden, Depressionen, für alle Fälle des menschlichen Leids: Betreuung, die für christlich sozialisierte Menschen bereit steht, fehlt für Muslime – zumindest in Deutschland.

Andere Länder sind da weiter. In England bestehen gleich mehrere, teils sehr spezialisierte Sorgentelefone – Angebote für Muslime mit Behinderungen sind darunter, für Muslime mit Aids, für muslimische Jugendliche in Notsituationen. Doch nun bilden sich auch in Deutschland mehrere Initiativen. Unterscheiden kann man sie daran, wie stark sie den Glauben in den Vordergrund rücken.

Islamische Krankenhausseelsorge

Eine professionelle "Seelsorge für Muslime" vermittelt ein Weiterbildungsangebot in Mannheim. Träger ist die Evangelische Akademie der Pfalz in Kooperation mit dem "Mannheimer Institut für Integration und interkulturellen Dialog" sowie der "Union muslimischer Theologen und Islamwissenschaftler". Angeboten wird unter anderem ein Lehrgang zur "islamischen Krankenhausseelsorge". Dort geht es zum Beispiel um Patienten, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander setzen müssen. Dabei lernen die Seelsorger in erster Linie, verständnisvoll zuzuhören. Für den Fall, dass ein Patient von sich aus religiöse Fragen anspricht, etwa "Wie kann Gott das zulassen?", sollen die Kursteilnehmer auch theologisch gewappnet sein. Ein entsprechendes Wissen über den Islam – neben den Grundlagen einer einfühlsamen Gesprächsführung - vermitteln denn auch die Kurse.

"Warum ich?"

Dem gleichen Grundgedanken folgt in Mannheim auch ein zweiter Lehrgang, der den Schwerpunkt "Notfälle" behandelt – ein Kind, das überfahren wird oder der Selbstmord eines Angehörigen. In solch akuten Situationen sollen die Betreuer Sinnfragen beantworten können: "Warum ich?", "Gibt es Vorhersehung?". Im Vordergrund steht die Kunst des Zuhörens. Sofern der Patient es ausdrücklich wünscht, sollen die Seelsorger außerdem islamische Standpunkte wiedergeben können.

Neben Psychologen halten muslimische Theologen sowie christliche Referenten Seminarvorträge. Dies soll die kulturellen Unterschiede zwischen islamischer und christlicher Seelsorge verdeutlichen, um so einen Erkenntnisgewinn für beide Seite hervorzubringen.

Hemmschwellen abbauen

Einen markant anderen Ansatz wählt die neu eingerichtete Telefon-Hotline der DITIB. Auch sie berät Menschen in Not- und Ausnahmesituationen. Schwerpunkte sind familiäre Probleme, häusliche Gewalt, Sucht oder sexueller Missbrauch. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Seelsorge: "Wir wollen eine Orientierungshilfe geben und Hemmschwellen abbauen", sagt die Sozialpädagogin Nuran Aytekin, die bislang einzige hauptamtliche Mitarbeiterin.

Erreichen möchte sie Menschen mit Migrationshintergrund, die sich von konventionellen Beratungseinrichtungen abgeschreckt fühlen, etwa durch sprachliche Barrieren. Daher führt Aytekin die Telefonate wahlweise auf deutsch oder türkisch. Noch entscheidender sei allerdings die "interkulturelle Kompetenz", die bei konventionellen Beratungen oft fehle. Dies kann etwa das Gespür sein, dass für türkischstämmige Menschen die Meinung der Familie oft besonders bedeutend ist. Dies sei wichtig, um die Ratsuchenden auch wirklich zu erreichen.

Religion nur auf Wunsch

Mit dem Islam hat das nur um die Ecke herum zu tun. Wichtig sei es, ein Gespür für "religiöse Befindlichkeit" zu bieten. Ein Vater, der an einem Konflikt mit der Tochter verzweifelt, kann möglicherweise Halt im Glauben finden. "Vielleicht kann die Religion eine Trostquelle sein?" – so allgemein bleibt Aytekin in Beratungsgesprächen. Auf einzelne Koranverse weist sie nicht hin. Hat der Anrufer tiefergehende theologische Fragen, vermittelt sie Kontakt zu muslimischen Geistlichen. Automatisch geschieht dies nicht: Religion gibt es nur auf Wunsch.

"Gewalt hat keine Religion. Wenn eine Frau von Gewalt betroffen ist, sind krisenintervenierende Schritte notwendig", meint Aytekin. Am Telefon gibt sie, wenn nötig, konkrete Handlungsanweisungen, juristische Informationen und Kontakt zu einem Frauenhaus. Einen Anrufer mit finanziellen Schwierigkeiten würde sie in eine Schuldnerberatung verweisen. Dieses Weitervermitteln ist in Aytekins Augen allerdings kein Mangel, sondern fördere die Integration. Was sie möchte, ist die Angst zu nehmen.

Der eher praktische Ansatz der Hotline hebt sich prägnant von der theologischen Haltung aus Mannheim ab, in der die Betreuer auch darauf vorbereitet werden, über den Islam zu sprechen, sofern die Betroffenen danach verlangen. Weitere Initiativen entstehen, mal in die eine, mal in die andere Richtung weisend. Zu nennen ist hier ein weiteres, bundesweites Sorgentelefon, das im Unterschied zur DITIB-Hotline die Religion stärker betont. Einen "praktischen" Weg verfolgt dagegen die "Notfallseelsorge für Muslime in Berlin", die auf eine Initiative des ehemaligen Kommissars Horst Brandt zurückgeht. Die Helfer, die mit muslimischen Unfallopfern und Angehörigen sprechen, bieten keine religiöse Seelsorge, sondern psychologische Betreuung mit interkultureller Kompetenz. Ehrenamtlich tätig sind dort Therapeuten, Psychologen, Psychiater und Mediziner, die selber einen Migrationshintergrund haben.

Thilo Guschas, 05.10.2009

Zusatzinformationen

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