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Türkei: Urlaubstrends im Herkunftsland

"Wir haben es mal mit Spanien versucht, aber die türkische Erde zieht uns an wie ein Magnet. Immer, wenn wir verreisen wollen, entscheiden wir uns in letzter Sekunde für die Türkei. Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil wir leiden möchten und die Türken Masochisten sind ", lacht der Mannheimer Memet Kilic über sich selbst. Wie die meisten Deutschtürken der zweiten Generation verbringt auch der 41-Jährige Rechtsanwalt und Mitglied des SWR-Rundfunkrates seinen Urlaub in der Türkei. Am liebsten in Form einer Pauschalreise nach Antalya oder Fethiye, erzählt er und ergänzt: "in den zwei Wochen Urlaub wollen wir Sonne tanken, entspannen, gut essen und mit unserem Sohn noch einmal Kind sein."

Ähnlich wie Kilic verbringen viele der zweiten Generation ihren Urlaub am Meer. Getreu dem Motto: Sommer, Sonne, Strand. Wie bei den deutschen Türkeiurlaubern steht auch bei den Deutschtürken Antalya in Kombination mit "all inclusive" Angeboten hoch im Kurs. Gefolgt von den Küstenstädten Çesme, Bodrum, Dalaman und Marmaris.

Ihr Motto "Sommer, Sonne, Strand"

Die junge Kommunikationswissenschaftlerin Handan Ipekci fährt zwar auch jedes Jahr nach Antalya. Allerdings in ihr eigenes Häuschen fernab vom Trubel. "Jetzt, da wir ein zweites Kind haben, bin ich froh, nicht auch noch Hotels und Preise zu vergleichen oder kindgerechte Anlagen finden zu müssen. Wir können jederzeit ans Meer und den schattigen Obstgarten genießen. Und wenn unsere Eltern aus Istanbul und Trier dazu kommen, geht die Post ab. Dann ist es ein lustiger Großfamilienurlaub", schwärmt die 28-Jährige aus Bergisch-Gladbach.

Mit Kind und Kegel im vollgepackten Auto zwei bis dreitausend Kilometer zu fahren, um in das heimatliche Dorf zu gelangen, gehört im Zeitalter der Billigflieger der Vergangenheit an. So steigt zwar laut dem ADAC seit zwei Jahren wieder die Zahl derer, die über den Balkan in die Türkei fahren. Richtig lohnenswert ist das jedoch nur für Großfamilien. Ab der zweiten Generation wird der Familienurlaub immer häufiger mit einem Hotelurlaub kombiniert, also ein bis zwei Wochen Familienbesuch und ein bis zwei Wochen Hotel- oder Cluburlaub.

Viele der deutschtürkischen Rentner verbringen mittlerweile gut ein halbes Jahr in der Türkei. Ca. 40 Prozent von ihnen kaufen laut Schätzungen verschiedener Reiseveranstalter lediglich Flüge in die Städte, die nahe der heimatlichen Dörfer liegen. Weil sich hier andere Bekannte und Verwandte niedergelassen haben und die Gesundheitsversorgung besser ist, bleiben viele in den Städten. Von hier reisen sie dann in ihr Dorf und machen alleine oder mit den Kindern und Enkeln im Sommer einen kurzen Strandurlaub in der Südregion.

Familienbesuche nehmen ab, Hotelurlaube nehmen zu

Die Landesverbundenheit ist bei der zweiten Generation längst nicht mehr so ausgeprägt wie bei der ersten. Paris, die Malediven, Kuba oder Polen sind für viele Deutschtürken lange schon keine unbekannten Orte mehr. Wie die meisten deutschen Urlauber entscheiden sich auch Deutschtürken entsprechend der Finanzen, Bildung und Interessen für ihr Urlaubsland - die Türkei ist für sie daher nicht nur für Familienbesuche interessant. 

Şerhat, der in Bochum gerade mit seinem Jurastudium angefangen hat, besuchte letztes Jahr in Anatolien die Gegend um den Araratberg. "Es war schon cool, die Berge, die Wasserfälle oder diese dunklen Nächte ohne Laternen, wo man sich auf das Lehmdach legte und unter einem gigantischen Sternenhimmel im Freien schlief. Das selbst gemachte Brot, der Yoghurt meiner Oma waren schon lecker. Aber immer nur dorthin fahren? Ich habe ja auch eine Freundin", lacht der 20-Jährige verlegen. Noch verläuft der Urlaub der dritten Generation meist abhängig von den Eltern. Doch eine Tendenz der dritten Generation zu mehr Hotelurlaub und weniger Familienbesuchen bestätigen auch Hotelanlagen in der Türkei.

Deutschtürken sind aktiver, sportlicher und konsumfreudiger als Türken

Alev Karataş, die seit einigen Jahren ihren Wohnsitz in Berlin gegen Istanbul getauscht hat, ist eher alternativ orientiert. Mal genießt sie die Sonne in Bodrum und mal unternimmt sie einen Städtetrip ins südöstliche Mardin oder erkundet die Schwarzmeerküste. "Schwarzmeer-Touren machen viele. Es ähnelt ein bisschen dem Schwarzwald. Aber die Reise nach Kars, nahe der armenischen Grenze, war beeindruckend. Bald fahre ich mit einer deutschtürkischen Gruppe aus Deutschland in den Osten nach Van." Touren in das Landesinnere, den Osten und speziell an den größten Binnensee der Türkei nach Van liegen im Trend. Transmigranten wie Alev, die fälschlich als "Rückkehrer" bezeichnet werden, obwohl sie nie in der Türkei gelebt haben, erkunden die Türkei eher durch kulturelle Kurzreisen.

"Kulturreisen sind bei den Türkei-Türken selten. Dabei haben sie das größte Open Air-Museum der Welt", bedauert Dieter Schenk, Koordinator der Turkon Holding, einem Unternehmen für die gehobene Tourismusbranche. Während die Türken im Land meist in großen Gruppen oder mit Familien den Hotelurlaub verbringen, sind Deutschtürken, die eher für sich reisen, in der Regel viel aktiver, sportlicher und konsumfreudiger, resümiert Schenk.

 

Möglich: Tourismus für islamische Bedürfnisse

Einen Urlaub der besonderen Art bieten einige wenige Hotels auch für konservative Familien. Mit einem separaten Schwimm- und Wellnessbereich speziell für Frauen, dem ausschließlichem Ausschank alkoholfreier Getränke, der Angabe der Gebetsrichtung im Zimmer und dem regelmäßigen Gebet ist der Urlaub unter Gleichgesinnten möglich. Seitdem sich einige prominente Politikerfrauen mit der "Haşema", dem islamischen Badeanzug rüsten, erobert die Badebekleidung aus blickdichtem Nylon auch die türkischen Buchten. Musliminnen, die Kopftuch tragen und weder nur unter Frauen Urlaub machen noch auf ein Bad im Mittelmeer mit Freunden und Bekannten verzichten wollen, können so zur Haşema greifen. Was noch vor einigen Jahren zu heftigen Debatten führte, ist jetzt an vielen türkischen Stränden Alltag: Bikini neben "Burkini" bzw. Haşema.

 

Deutschland: nicht nur neue Heimat, sondern auch neues Urlaubsland

Zahlen über das Urlaubsverhalten von Deutschtürken gibt es nicht und kann es nicht geben, denn nicht Ethnien, sondern Länder und Urlaubsformen bestimmen die Daten. Doch die Tendenz "Pauschalreise mit oder ohne all inclusive" bestätigen viele Reiseveranstalter.

Bei den Hoteliers gelten Deutschtürken als anspruchsvolle und dankbare Gäste, die großen Wert auf qualitativen Service und gutes Essen legen. Sie sind zwar nicht "deutscher als Deutsche" und haben wie andere Urlauber auch ihre schrulligen Seiten. Türkeiurlaube werden jedoch langsam nostalgischer, während Deutschland auch als Urlaubsland an Attraktivität für viele Deutschtürken gewinnt, denn Weihnachten in Köln, so die Transmigrantin Elif Vareller, ist der schönste Urlaub.

Semiran Kaya, 25.08.2009

Zur Person: Semiran Kaya ist Fachjournalistin mit den Schwerpunkten Türkei, Migration und Islam. Sie lebt zur Zeit in Istanbul.

 

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