DIK - Deutsche Islam Konferenz - Weihnachten 2016

Navigation und Service

"Weihnachten geht an uns nicht vorbei"

Mutter mit zwei KindernHilal Akdeniz mit ihren Kindern Sema und Rana Quelle: Canan Topçu

Sema hat eine ganz genaue Vorstellung davon, wie Weihnachten gefeiert wird: "An dem Tag sind sie alle sehr aufgeregt, springen im Haus herum, singen Lieder, essen Plätzchen und wissen nicht, wie sie die Zeit herumbekommen sollen bis der Weihnachtsmann die Geschenke bringt." Sie – das sind die Christen, erklärt das Mädchen auf Nachfrage. Sie selbst sei aber keine Christin, sondern eine Muslima. "Wir feiern kein Weihnachten."

Sema ist fünf Jahre alt, Tochter muslimischer Eltern, die aus der Türkei stammen und in Frankfurt am Main leben. Dass Weihnachten ein christliches Fest ist und deswegen der Weihnachtsmann bei ihnen nicht vorbei schaut, das hat Sema von ihrer Mutter erfahren. Wenn sie "im Himmel" ist, dann möchte das Mädchen aber auch Weihnachten feiern – wegen der Präsente. Semas drei Jahre ältere Schwester Rana hingegen findet es "voll fair", dass sie an Weihnachten nicht beschenkt werden. Rana begründet das damit, dass sie als Muslime ja auch ihre Feste hätten und Geschenke bekämen.

Geschenke am Bayram als Ausgleich zu Weihnachten

Das Beschenken ihrer Kinder hat Hilal Akdeniz am "Bayram" ganz bewusst eingeführt. Bayram, so heißen auf Türkisch die beiden religiösen Feste der Muslime. Rana und Sema bekommen Geschenke anlässlich des Opfer- und Zuckerfest. Damit es einen Ausgleich zu Weihnachten gibt und ihre Töchter nicht die Gefühle erleben, die sie als Kind hatte. "Ich war sehr neidisch auf meine Klassenkammeraden, wenn sie sich nach den Ferien über ihre Weihnachtsgeschenke unterhielten", erzählt Hilal Akdeniz, die als Tochter von Arbeitsmigranten in Augsburg geboren und aufgewachsen ist.

Hilal Akdeniz ist praktizierende Muslima und erzieht ihre Kinder religiös. Sie achtet auch darauf, dass die beiden Mädchen mit dem Wissen um das Christentum und christliche Traditionen aufwachsen. "Wir feiern zwar kein Weihnachten, dieses Fest geht aber nicht an uns vorbei", erklärt die 37-Jährige. An einem der vier Sonntage vor Weihnachten beispielsweise kämen alle aus dem Wohnhaus, in dem sie die einzige muslimische Familie seien, zum Adventscafé zusammen. Hilal Akdeniz weiß um muslimische Familien, die alles, was mit Weihnachten zu tun hat, strikt ablehnen. Zu Menschen mit solchen "radikalen Ansichten" pflege sie keinen Kontakt. "Ich möchte sie nicht als Freunde haben", erklärt sie.

Integration über das Krippenspiel

Als Mitte Dezember an Ranas Schule die Weihnachtsgeschichte aufgeführt wurde, hat ihre Tochter an der Aufführung mitgewirkt. "Ich war ein Stern", erzählt das Mädchen freudig. Hilal Akdeniz und ihr Mann hatten kein Problem damit, dass ihre Tochter in das Spiel mit eingebunden wurde. Schließlich werde Jesus im Islam als Prophet verehrt – warum also sollte seine Geburt nicht gefeiert und die Geschichte davon erzählt werden. Gerade das sollte viel mehr im Bewusstsein der Menschen sein – egal ob sie Weihnachten feiern oder nicht, meint Hilal Akdeniz. Diese Einstellung ist aber nicht selbstverständlich. Es kommt immer wieder mal vor, dass muslimische Eltern sich darüber beschweren, dass das Krippenspiel an der Schule aufgeführt wird – selbst dann, wenn ihre Kinder gar nicht in die Aufführung eingebunden werden. Weil sie mutmaßen, dass darüber missioniert werden könne.

Solche Ansichten findet Hilal Akdeniz absurd. Schließlich lebe man in einem Land mit christlicher Tradition. Weder für sich noch für ihre Kinder sieht sie einen Grund zur Beunruhigung. Für sie ist es eher "ein Zeichen von Integration", wenn andersgläubige Kinder bei den Aufführungen mitmachen können. "Ideal wäre es, wenn in den Schulen auch Chanuka und Bayram gefeiert würden", meint die zweifache Mutter. Ihre Töchter hätten beim vergangenen Mewlid Kandil, dem Geburtstag des Propheten Muhammed, an der Gestaltung der Feier mitgewirkt und könnten, wenn sich die Gelegenheit böte, christlichen Kindern von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählen.

Anders als ihre jüngere Schwester hat Rana verstanden, dass Weihnachten mehr als nur ein "Geschenkefest" ist. "An dem Tag ist Jesus geboren", erklärt die Achtjährige. Muslime feierten die Geburt des Propheten Mohammed, Christen die Geburt von Jesus. Sie findet Jesus "gut" und begründet das so: "Er ist fast genau so wie unser Prophet will, dass die Menschen keinen Krieg machen und sich alle mögen."

Persönliche Erfahrungen anderer Muslime

Şükran Bozbay meint, "Noel“ sei das Fest zum Jahresfest. Noel – so heißt Weihnachten auf Türkisch. Die 41-Jährige lebt erst seit knapp vier Wochen in Deutschland, im vergangenen Sommer hat sie den hier aufgewachsenen Tamer Bozbay geheiratet.

Geschmückte Tannenbäume, leuchtende Sterne und glitzernde Kugeln – all diese Dekorationen kennt die Türkin aus der Stadt, in der sie bis vor kurzem gelebt hat. "Bei uns in Aksaray werden die Geschäfte an Noel auch geschmückt", erzählt sie. Tatsächlich werden in der Türkei vielerorts zum Jahreswechsel die Geschäfte und Innenstädte weihnachtlich dekoriert.

Was es mit Weihnachten wirklich auf sich hat, weiß Şükran Bozbay nicht, wie sich auf Nachfrage herausstellt. Es sei das "Fest der Liebe", erklärt ihr Ehemann. Tamer Bozbay lebt seit seinem neunten Lebensjahr in Deutschland, also seit mehr als 40 Jahren – und in all dieser Zeit in der Annahme, das Weihnachtsfest sei dazu da, dass die Familie zusammenkommt und gemeinsame Zeit verbringt. Der religiöse Hintergrund war dem 49-Jährigen nicht bekannt. In Erinnerung geblieben sind ihm die ersten Tage nach den Schulferien, an denen er im Gegensatz zu seinem Klassenkameraden nichts von Weihnachtsgeschenken erzählen konnte.

Frau steht an einem SideboardZeinab Maamo Quelle: Canan Topçu

Zeinab Maamo stammt aus Syrien. Weihnachten kennt sie aus ihrer Heimat. In Aleppo seien auch die Straßen geschmückt worden – "wie hier", erzählt die junge Frau. Sehr schön findet sie es, wenn in der dunklen Jahreszeit die Straßen geschmückt sind und es überall leuchtet und glitzert. Ihre Augen leuchten, ihre Stimme klingt freudig, während sie von ihrem ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Hamburg erzählt.

Dass hinter Weihnachten mehr als nur Deko und Kommerz steckt, das weiß die 25-Jährige. Erfahren hat sie es von ihren christlichen Freunden in Aleppo. "Sie haben mich an Weihnachten zu sich nach Hause eingeladen", erzählt Zeinab Maamo in gutem Deutsch. Sie wolle so bald wie möglich in ihrem Beruf als Ärztin arbeiteten, daher bemühe sie sich, die Sprache so schnell wie möglich zu lernen.

Seit acht Monaten lebt sie mit ihrem Mann in Hamburg – inzwischen auch in einer eigenen Wohnung. Dort werden sie die Weihnachtstage verbringen – "allein", wie die junge Frau zufügt. Würde sie und ihr Mann an Weihnachten eingeladen werden, dann würde sie die Einladung nicht abschlagen. "Wir haben aber noch keine Freunde hier."

Zwei Söhne hat Sonia Zayed. Yahiya ist acht und Yassin zwölf Jahre alt. Ihre Kinder hat die praktizierende Muslima in einen katholischen Kindergarten geschickt. "Weil mir wichtig ist, dass ihnen ethische Werte vermittelt werden." Diese ethischen Werte, die im katholischen Kindergarten vermittelt werden, unterscheiden sich ihrer Ansicht nach nicht von denen im Islam, ihrer Religion.

Sonia Zayed ist 36 Jahre alt, als Tochter marokkanischer Arbeitsmigranten in Niedersachsen geboren und aufgewachsen. Sie hat Arabistik und Ethnologie studiert und schreibt derzeit an ihrer Doktorarbeit. Ihre Söhne möchte sie zu weltoffenen Menschen erziehen, daher legt sie Wert darauf, dass sie mit den unterschiedlichen Gottesbildern vertraut sind und sich auskennen – mit ihrer eigenen Religion und dem Christentum. Sie hat Yassin und Yahiya einen Weihnachtskalender geschenkt – und für sich selbst hat sie einen Adventskranz auf den Tisch aufgestellt.

Ihre Eltern hätten sich "vehement" gegen alles gestellt, was mit Weihnachten zusammenhänge, als Kind sei sie deswegen eine Außenseiterin gewesen, erzählt die alleinerziehende Mutter. So möchte sie ihre Kinder nicht großziehen. "Wir leben hier, daher finde ich es wichtig, dass wir uns mit den kulturellen Praktiken dieses Landes anfreunden." Das stärke die Identität ihrer Kinder mehr als wenn sie ihnen diese vorenthalten würde, ist sich Sonia Zayed sicher.

Canan Topçu

Datum 20.12.2016

Zusatzinformationen

Koranlesende Männer in Moschee

Religiosität von Muslimen in Deutschland

Erstmals ist durch die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" ein umfassender Vergleich nach Glaubensrichtungen und Herkunftsregionen möglich.

Mehr: Religiosität von Muslimen in Deutschland …

Drei Jugendliche lernen gemeinsam.

Bildung muslimischer Migranten

Erkenntnisse zu Bildung von Migranten aus muslimisch geprägten Herkunftsländern liefert die erste bundesweit repräsentative Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge "Muslimisches Leben in Deutschland".

Mehr: Bildung muslimischer Migranten …

Grabstein auf türkischem Friedhof in Berlin-Neukölln

Geschichte der Muslime in Deutschland

Die heutige Präsenz von Muslimen in Deutschland ist in erster Linie eine Folge der Arbeitsmigration der 1960er und 1970er Jahre. Aber einige Muslime lebten schon im 17. Jahrhundert hier - eine Spurensuche.

Mehr: Geschichte der Muslime in Deutschland …