DIK - Deutsche Islam Konferenz - Islamischer Wohlfahrtsverband

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"Das würde mich sehr freuen"

Auf dem Weg zum islamischen Wohlfahrtsverband

Unter Muslimen in Deutschland ist der Wunsch nach einem organisierten, professionellen und nach den islamischen Werten orientierten Wohlfahrtsverband groß. Wohlfahrtsorganisationen übernehmen wichtige Leistungen innerhalb des deutschen Sozialstaates von Kindertagesstätten über Erziehungsberatung und Bildungsangeboten für Kinder, Erwachsene, Jugendliche und ältere Menschen bis hin zur Altenhilfe und Pflege.

In Moscheegemeinden entwickeln sich ähnliche Angebote - nach der Studie „Islamisches Gemeindeleben in Deutschland“ (2012) der Deutschen Islam Konferenz (DIK) bieten 40 % der Moscheegemeinden eine Sozial- und Erziehungsberatungan. Darüber hinaus leisten über 50 % der Gemeinden Hausaufgabenbetreuung für Schülerinnen und Schüler und weitere 36 % bieten für ihre Mitglieder eine Gesundheitsberatung an. Jedoch werden sie überwiegend ehrenamtlich erbracht, so dass Kontinuität der Angebots, Qualifikation oder gar Weiterbildung der Mitarbeiter variieren und die Ehrenamtler kaum entlohnt werden können. So steckt die Einrichtung erster Kindergärten, die auch die religiöse Perspektive von muslimischen Kindern selbstverständlich mitleben, noch in den Kinderschuhen.

Experten sprechen sich für islamische Wohlfahrtspflege aus

In kleiner Runde zum Ende des Jahres 2014 nahmen sich Experten dieser Fragen an. Die Podiumsteilnehmer in Düsseldorf stellten die Notwendigkeit eines zentralen Trägers für professionelle soziale Dienstleistungen von Muslimen heraus. Die Angebote der Wohlfahrtsverbände reichten nicht aus, um den Bedarf von Musliminnen und Muslimen zu decken: „Die interkulturelle Öffnung der etablierten Träger der freien Wohlfahrt hat nicht funktioniert“, so Emine Oğuz vom Landesverband der Türkisch-Islamischen Union (DITIB) in Niedersachsen. Auch in finanzieller Hinsicht müsse sich etwas ändern. Man wolle sich endlich frei machen von zeitlich begrenzten Förderprogrammen, zumal muslimische Antragsteller häufig Vorbehalten ausgesetzt sind. Nur so sei es möglich, auf Dauer eigenständig und professionell mit Jugendlichen zu arbeiten. Nichtsdestotrotz versicherte Oğuz, die bisher erfolgreiche Kooperation mit den christlichen Wohlfahrtsverbänden fortzusetzen. Diese führte zum Aufbau muslimischer Kindergärten und stärke den Zusammenhalt aller Religionen.

Vier junge Männer stehen in Berlin und verteilen Essen und Trinken an ObdachloseJunge Muslime verteilen Lebensmittel an Obdachlose in Berlin Quelle: Arne List

Islamische Wohlfahrtspflege kann allen zugutekommen

Ein ähnliches Bild bietet die Altenpflege. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) sagte: „Viele Muslime lassen sich ungern dauerhaft von Pflegern mit anderem religiösen Hintergrund betreuen." Wesentliche Voraussetzung für einen gemeinsamen Beginn ist für ihn die Qualifizierung und Ausbildung von muslimischem Pflegepersonal, dem wiederum Arbeitsplätze geboten werden müssten. Zudem betonte Mazyek, dass durch einen islamischen Wohlfahrtsverband viele Defizite innerhalb des Sozialstaats behoben würden. Schließlich solle ein solcher Verband nicht nur die Felder Jugend und Alte abdecken, sondern ebenso eine Bereicherung in weiteren integrativen Bereichen darstellen, wie beispielsweise der Flüchtlingshilfe. Darüber hinaus drücke sich in der Etablierung eines islamischen WohlfahrtsverbandesGleichberechtigung und Chancengleichheit in Deutschland aus.

Muslimen die Wahl muslimischer Angebote ermöglichen

Samy Charchira, Vertreter des Paritätischen Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, unterstrich dieses Argument und verwies auf Paragraph 20 im Grundgesetz, welcher die soziale Sicherheit und Gerechtigkeit garantiert. Das System der freien Wohlfahrtspflege ist Ausdruck dieser Prinzipien der Sozialstaatlichkeit. Charakteristisch hierbei ist der Grundsatz der Subsidiarität: Die Träger der freien Wohlfahrtspflege genießen gegenüber staatlichen Akteuren den Vorrang bei der Erbringung von Wohlfahrtsleistungen. Somit entlasten sie den Staat, können mit Hilfe öffentlicher Gelder eigenständig in ihren Handlungsfeldern agieren und ihre Expertise einbringen. Ein weiterer integraler Bestandteil der freien Wohlfahrtspflege ist die Wunsch- und Wahlfreiheit, welche besagt, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst entscheiden können, ob und welche Angebote sie nutzen. Nur existiere zurzeit noch kein ausreichendes Angebot, um Muslimen auch in der Breite die Wahl eines muslimischen Kindergartens, Pflegeheims oder Jugendtreffs zu gewähren. Rein rechtlich jedoch gebe es in der religiös neutralen, der Religion aber positiv zugewandten Bundesrepublik keinen Vorbehalt gegen die Gründung eines islamischen Wohlfahrtsverbandes, solange dieser die notwendigen Voraussetzungen erfülle.

Startsignal für islamischen Wohlfahrtsverband?

Somit stünde einem islamischen Wohlfahrtsverband nichts mehr im Wege, die Kooperation und Bereitschaft aller Beteiligten vorausgesetzt. Aiman Mazyek vom Zentralrat schlug daher nicht nur den Zusammenschluss aller muslimischen Dachverbände als notwendig vor, sondern auch Lösungen zur finanziellen Förderung sowie die konzeptionelle Unterstützung durch die etablierten Wohlfahrtsverbände. Einer ihrer Vertreter, der Vorsitzende der Diakonie in Düsseldorf Torsten Nolting, bekräftigte seine grundsätzliche Bereitschaft dazu und begrüßte die Etablierung eines islamischen Wohlfahrtsverbandes. Auf die Frage des Moderators, wie er reagieren würde, wenn mit einem muslimischen Träger auch ein Konkurrent um die begrenzten Wohlfahrtsgelder auftreten würde, antwortete Nolting überzeugt: „Darüber würde ich mich sehr freuen.“

Die Debatte über weitere Möglichkeiten wird bereits im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz geführt. Am 13. und 14. Januar 2015 wurden beim Lenkungsausschuss der DIK vorläufige Ergebnisse vorgestellt sowie eine Fachtagung zum Thema abgehalten.

Donya Raissi, 16.01.2015

Datum 16.01.2015

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