DIK - Deutsche Islam Konferenz - Beschneidung von Jungen - Pressestimmen

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Heftig diskutiert: eine religiöse Tradition mit langer Geschichte

Das Kölner Urteil zum Thema der religiös motivierten Beschneidung von Jungen und die Reaktionen in Deutschland

Die Regierung hat im September einen Gesetzentwurf zur religiösen Beschneidung von Jungen auf den Weg gebracht, dem eine intensive Debatte vorausging. Ausgelöst wurde diese durch das Urteil des Landgerichtes Köln.

Die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen ist sowohl bei Juden als auch bei Muslimen in Deutschland eine lang gepflegte und lebendige Praxis. Unvermittelt geriet sie mit dem Urteil des Landgerichts Köln vom Mai 2012 in den Fokus der Öffentlichkeit. In dem Urteil bezeichnete das Gericht die religiöse Praxis als "rechtswidrige Körperverletzung". Dieser Rechtsspruch löste eine Flut an Reaktionen aus. Als einer der ersten bezog Bundesaußenminister Guido Westerwelle eindeutig Position. "Es muss klar sein, dass Deutschland ein weltoffenes und tolerantes Land ist, in dem die Religionsfreiheit fest verankert ist und in dem religiöse Traditionen wie die Beschneidung als Ausdruck religiöser Vielfalt geschätzt sind", kommentierte er das Urteil. Er mahnte, das Ansehen Deutschlands als ein Land der religiösen Toleranz nicht aufs Spiel zu setzen. Der UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit Heiner Bielefeldt erklärte, dass es zu den Menschenrechten gehöre, durch rituelle Praxis die Religionszugehörigkeit zu demonstrieren. Dieses Recht auf Religionsfreiheit und das Elternrecht, die Kinder religiös zu erziehen, haben die Kölner Richter laut Bielefeldt, nicht ausreichend berücksichtigt. Er verurteilte es außerdem "im herrischen Ton mit dem Strafrecht zu drohen" und wertete dies als Ausdruck von Respektlosigkeit gegenüber Religionen im Allgemeinen.

Jüdische und muslimische Religionsgemeinschaften sind erschrocken

Befremden erzeugte das Urteil auf muslimischer und jüdischer Seite. Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) bezeichnete das Urteil als einen Eingriff in die religiöse Identität, da es sich bei der Beschneidung von Jungen um ein religiöses Gebot des Islam handele. Prof. Dr. Ali Dere, damals Vorstandsvorsitzender der DITIB, sprach mit Bezug auf das Kölner Urteil davon, dass das gute Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen derzeit in Deutschland getrübt sei. Er wies darauf hin, dass Minderheiten zu schützen seien.

Ein Arzt und eine ÄrztinQuelle: Katy Otto

Im Rahmen eines Verbots der religiösen Beschneidung sind aber auch die praktischen Konsequenzen zu bedenken, die eine solche Entscheidung mit sich führen würde. So wies Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, auf ein erhöhtes Gesundheitsrisiko hin, da man nicht ausschließen könne, dass einige die Beschneidung von Laien durchführen lassen könnten oder für den Eingriff in die Türkei gingen.

Auch der Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart, Ali Demir, befürchtet einen "Beschneidungstourismus in die europäischen Nachbarländer". Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte in der Rheinischen Post: "Die Beschneidung ist für Juden absolut elementar (…) Wenn ein solches Urteil zur Rechtslage würde, dann wären die Juden kalt in die Illegalität abgedrängt. Dann wäre in letzter Konsequenz jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich."

Gegner der religiösen Beschneidung von Jungen

Stimmen für ein Verbot der Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen stammen überwiegend aus Kinderschutz- und Ärzteorganisationen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVJK) beklagte die Bagatellisierung dieser Form der Körperverletzung. Präsident Wolfram Hartmann warnte vor den „lebenslangen körperlichen und vor allem seelischen Verletzungen“, zu denen es durch die Beschneidung kommen könnte. Er berief sich dabei auf das grundgesetzlich verankerte Recht der körperlichen Unversehrtheit des Kindes, das höher zu bewerten sei als die Religionsfreiheit. Lale Akgün, in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen zuständig für Internationale Angelegenheiten und Eine-Welt-Politik kommentierte die Beschneidungspraxis ebenfalls kritisch. Die kleinen Jungen würden unter Schmerzen zum Mann. Das mache die Beschneidung zu „etwas Machohaftem“. Der Arzt und Psychoanalytiker Matthias Franz exponierte sich mit seiner Behauptung, die Beschneidung fördere Traumata und führe zu schweren Schäden. Dabei sprach er von „andauernden körperlichen, sexuellen und psychischen Komplikationen und Leidenszuständen“, denen die kleinen Jungen ausgesetzt würden. Außerdem würden sie mit „hypermaskulinen Attributen und großen Geschenken zum Mann erklärt, eigentlich aber von den Erwachsenen manipuliert“. Franz forderte die Beschneidung erst bei zustimmungsfähigen Jungen durchzuführen, da sie nicht dem Kindeswohl entspreche.

Anders sieht es der Strafrechtler Hans Michael Heinig. Er beanstandete, dass das Kölner Landgericht mit antireligiösen Stereotypen argumentiere, indem es die These vertrete, die religiöse Zugehörigkeit entspreche nicht dem Kindeswohl. Das Urteil kritisiert er als "rechtlich, kriminalpolitisch und religionspolitisch verfehlt" und als "Triumpf antireligiöser Eiferer". Die gleiche Meinung vertrat der Münsteraner Jurist Bijan Fateh Moghadam, als er von "verfassungsblinder und also schlechter Jurisprudenz" sprach. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Entscheidung der Eltern für eine Beschneidung ihres Kindes hinreichend durch das Sorgerecht legitimiert sei.

Zuspruch aus Kirche und Politik

Beistand erhielten die religiösen Gemeinschaften seitens christlicher Organisationen. So machte Ulrich Pöner von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz deutlich, dass die katholische Kirche in dieser Angelegenheit an der Seite der Muslime stehe. Schließlich sei die Religionsfreiheit aller Menschen in Deutschland zu verteidigen. Auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bezog klar Stellung. "Derartigen Tendenzen, die Religionsfreiheit und damit das religiöse Erziehungsrecht von Eltern einzuschränken, ist entschieden entgegenzutreten", sagte er mit Blick auf das Urteil.

Auch höchste politische Kreise befürworten eine Legalisierung der Beschneidung von Jungen. Die SPD-Fraktionschefin Christine Lambrecht betonte, dass jüdische und muslimische Riten ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft seien und sagte: "Das Grundgesetz garantiert das Recht auf freie Religionsausübung und macht keinen Unterschied zwischen den Glaubensgemeinschaften."
Und Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ schon im Juli über ihren Regierungssprecher ausrichten: "Verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesem Land straffrei möglich sein."

Diesem Anspruch soll der Gesetzentwurf zum neuen Paragraphen 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuch nun gerecht werden.

Das Gesetz ist einsebar auf den Seiten des Bundesministeriums der Justiz: http://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1631d.html. und lautet folgendermaßen:

§ 1631d Beschneidung des männlichen Kindes

(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.

(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.

DIK-Redaktion

Datum 14.10.2012

Zusatzinformationen

Das Bild entstammt einem reich illustrierten Bericht über die 15-tägige Beschneidungszeremonie der drei Söhne des Sultans Ahmed III (1673-1763)

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