DIK - Deutsche Islam Konferenz - Alltag eines Imams - Mounir Azzaoui

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Mounir Azzaoui

zur Einbeziehung auch nichttürkischer Imame in die Diskussion

Mounir Azzaoui ist ERP-Fellow der Studienstiftung des Deutschen Volkes und forscht an der Georgetown University in Washington DC zu amerikanisch-muslimischen Interessenorganisationen. Zuvor hat er in der Deutschen Islam Konferenz als Vertreter des Zentralrats der Muslime in Deutschland mitgearbeitet.

Das Thema Imam-Ausbildung ist meiner Meinung nach von zentraler Bedeutung für die Entwicklung muslimischer Gemeinschaften in Europa. Es ist viel und lange darüber diskutiert worden, doch bisher hat sich wenig in dem Bereich entwickelt. Die bisherigen Initiativen - wie etwa jetzt an der Universität Osnabrück - gehen vor allem von staatlicher Seite aus. Meistens konzentrieren sich diese Projekte  zudem nur auf türkische bzw. türkischstämmige Imame, insbesondere Angestellte der türkischen Religionsbehörde Diyanet.

Ich denke beides ist problematisch. Für die Akzeptanz von in Deutschland ausgebildeten Imamen in den Moscheen bedarf es, wenn die Muslime dies schon nicht in Eigenverantwortung organisieren, einer zentralen Beteiligung von muslimischen Gemeinschaften in allen Aspekten der Ausbildung.

Zudem gibt es in Deutschland mindestens auch etwa dreihundert arabisch und viele weitere bosnisch oder iranisch geprägte Moscheen, die man in den Diskussionen und Maßnahmen nicht übersehen sollte. Diese Moscheen gehören zu einem großen Teil keinem Dachverband an und haben es damit noch schwerer, sowohl theologisch, als auch sprachlich, pädagogisch und landeskundlich qualifizierte Imame für die Arbeit in den Moscheen zu gewinnen. Um die Meinung der arabischstämmigen Imame in die Diskussion einzubringen, möchte ich im folgenden einige Punkte vorstellen, die von Imamen bei einer vor kurzem stattgefundenen deutsch-niederländisch-belgischen Veranstaltung thematisiert wurden und an der ich als Beobachter teilnehmen durfte.

Mitbestimmungsrechte

Der Imam ist in der Regel ein Angestellter in der Moscheegemeinde und hat kein Mitspracherecht in den Leitungsgremien. Um in Zukunft Entscheidungen und die Kommunikation zu verbessern, wäre es nach Meinung der Teilnehmer sinnvoll, den Imamen satzungsgemäß die Möglichkeit zu geben, sich an der Arbeit des Moschee-Vorstands zu beteiligen.

Verdienst

Ein zweites Problem, dass von den Imamen als besonders ernst angesehen wird, ist der niedrige Verdienst vieler Imame. Viele Gemeinden können es sich nicht leisten, Imame ausreichend zu bezahlen. Teilweise sei es aber auch eine Sache der Einstellung. Es gibt Gemeinden, die durchaus über genügend finanzielle Mittel verfügen, doch bei der Bezahlung der Imame sparen würden. Andererseits wurde selbstkritisch angemerkt, dass in einigen Gemeinden die Ausbildung des Imams und zum Teil auch die Motivation nicht sehr hoch seien. Demnach würde eine bessere Ausbildung der Imame in Zukunft wohl insgesamt dazu beitragen, die Bereitschaft in den Gemeinden zu erhöhen, um angemessene Löhne zu zahlen.

Fortbildungen

Diskutiert wurden außerdem die Themen Familienprobleme, Eheschließungen und Ehescheidungen. Es gibt viele neue Arbeitsbereiche, die bisher in den Herkunftsländern nicht zu den klassischen Aufgaben des Imams gehörten. Zu diesen Themen sollten in Zukunft verstärkt Fortbildungen für Imame angeboten werden, damit man noch professioneller und auf gesicherter Rechtsbasis agieren könne.

Imame im Dialog

Da viele Imame nur geringe Deutschkenntnisse haben, werden Dialogveranstaltungen meistens von Vorstandsmitgliedern der Moscheen übernommen. Die Imame waren sich dennoch einig, dass der interreligiöse Dialog wichtig ist und die Imame eine Verantwortung haben, diesen Dialog - auch wenn sie nicht direkt daran teilnehmen -  nicht zu unterhöhlen, indem etwa bei Freitagsgebeten Aussagen gemacht werden, die von der Gemeinde falsch verstanden werden könnten. Auf der anderen Seite wurde von einigen Imamen unterstrichen, dass ein Dialog auf Augenhöhe stattfinden sollte, damit dieser auch langfristig Bestand haben kann. So sollten die christlichen Kirchen etwa darauf achten, lieber auf einfache Themen bei den Dialogen zu setzen, statt komplexe Diskussionen zu organisieren an denen Imame aus sprachlichen Gründen nicht angemessen teilnehmen könnten.

Zukünftige Ausbildung von Imamen

Bezüglich der Ausbildung von Imamen gab es einen Konsens der Teilnehmer darüber, dass in Zukunft in Europa aufgewachsene Muslime zu Imamen ausgebildet werden sollten. Um die Akzeptanz in den Gemeinden sicher zu stellen, müsste diese Ausbildung von den Muslimen selbst getragen werden. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass Imame kurz- und mittelfristig ausschließlich in europäischen Ländern ausgebildet werden könnten, hielten die meisten Imame für unrealistisch. Die Einrichtung eines entsprechenden Instituts sei nicht nur mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden, sondern bedarf auch eines hochqualifizierten deutschsprachigen Lehrpersonals, welches bisher noch nicht hinreichend zur Verfügung steht. Auch die arabische Sprache, welche für die Tätigkeit des Imams von zentraler Bedeutung ist und auch eine Vorraussetzung darstellt, damit sich der Imam ständig fortbilden kann, ist nach Einschätzung der Seminarteilnehmer nur begrenzt in Deutschland erlernbar und bedarf der Auslandsaufenthalte. Hinzu kommt der Aspekt, dass die Abschlüsse eines zukünftigen Imam-Instituts auch einer gewissen Anerkennung durch den Staat bedürften, zum Beispiel wenn ein Absolvent außerhalb der Moschee eine Tätigkeit anstrebt.

So sieht man kurz- und mittelfristig die Lösung darin, Kooperationen mit Universitäten in islamisch geprägten Ländern einzugehen. In Zukunft könnten muslimische Organisationen z.B.  Stipendien an europäische Absolventen für ein Auslandsstudium in muslimisch geprägten Ländern vergeben als auch Ferienkurse anbieten, in denen die Studenten zusätzliche Lernblöcke in Fächern wie Geschichte, Pädagogik und Psychologie in deutscher Sprache studieren. Diese Begleitung und Koordinierung wäre wichtig, um die Imame angemessen auf ihre Tätigkeit in den europäischen Moscheen und Gesellschafen vorzubereiten. Es könnte auch dazu beitragen, junge Muslime, die sich für ein Studium im Ausland entscheiden, vor dem Abdriften in Fanatismus und Extremismus zu schützen.

Ausblick

Die arabischen Imame in Deutschland sind sich der Wichtigkeit einer genuin europäischen Imamausbildung bewusst. Die genaue Ausgestaltung bedarf weiterer Diskussionen und großer Anstrengungen, vor allem aus den muslimischen Gemeinschaften heraus. Arabische Imame stehen bereit, um gemeinsam mit muslimischen Interessenvertretern und dem Staat an einer Imam-Aubildung zu arbeiten,

Mounir Azzaoui, 19.01.2010